1.700 Solarzellen in der Außenhaut, 550 Kilogramm Leergewicht: Das Solar-Coupé Luminetta von Clemson und BMW liefert im Pendelalltag mehr Energie, als es verbraucht. Der Haken steckt in den Annahmen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEnde Juli zeigte die Clemson University ihr Deep Orange 17, ein zweisitziges Studienauto, das BMWs Entwicklungsteam zwei Jahre lang begleitet hat.[1] Die Ansage klingt nach Perpetuum mobile: ein Fahrzeug, das netto Strom gewinnt. Sie stimmt, aber nur unter Bedingungen, die einen zweiten Blick lohnen.
Das Wichtigste in Kürze
- Über 1.700 Solarzellen sitzen in der Außenhaut und ernten Strom, die Module entstanden mit dem Fraunhofer ISE.
- Bei 20 Kilometern täglicher Fahrt erntet das 550-Kilo-Coupé im Schnitt rund 50 Kilometer Reichweite obendrauf.
- Simuliert wurde für Greenville, Frankfurt, Madrid und Mumbai, nicht für jeden Standort.
- Ein Serienmodell ist nicht geplant, die Studie fährt Anfang 2027 auf die CES nach Las Vegas.
Wie erntet ein Auto mehr Strom, als es verbraucht?

Die Rechnung geht nur auf, weil zwei Hebel zusammenkommen. Der eine ist das Gewicht: Mit 550 Kilogramm wiegt die Luminetta rund ein Viertel eines üblichen Elektro-SUV, gebaut aus einer Stahl-Fahrgastzelle, Aluminium, Carbon und 3D-gedruckten Metallknoten. Weniger Masse bedeutet weniger Energie je Kilometer, was die reale Reichweite spürbar hebt. Der andere Hebel ist die Fläche: Über 1.700 Photovoltaikzellen sitzen direkt in der Außenhaut und liefern Strom auch im Stand. Die Module des Fraunhofer ISE arbeiten selbst dann weiter, wenn ein Teil im Schatten liegt, und ihre orange Farbe entsteht in einem Laserverfahren statt durch Lack.[2]
Warum frühere Solarautos gescheitert sind
Neu ist die Idee nicht. Ihre Geschichte ist voller Rückschläge. Sono Motors kassierte 2023 sein Solarauto Sion und verkauft die Technik heute nur noch an Bushersteller. Der niederländische Pionier Lightyear meldete im selben Jahr Insolvenz an, das Nachfolgemodell liegt auf Eis. Aptera aus Kalifornien verspricht seit Jahren eine Serie, ausgeliefert ist bis heute nichts. Deep Orange 17 will diesen Weg gar nicht gehen: Das Projekt prüft, wie weit fahrzeugintegrierte Photovoltaik unter realen Lichtbedingungen trägt, und rechnete dafür vier Städte durch. Bei BMW selbst läuft die Serien-Elektromobilität derweil über die Neue Klasse, deren iX3 im Rekordtempo hochfährt.
Ein energiepositives Auto ist keine Physik-Sensation, sondern eine Gewichtsfrage. Solarstrom aus der Karosserie ersetzt keine Ladesäule, deckt aber den kurzen Pendelweg vieler Beschäftigter rechnerisch ab.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was das Solar-Coupé für deutsche Pendler bedeutet
Für den deutschen Alltag ist die Zahl relevanter, als sie klingt. Der durchschnittliche Arbeitsweg liegt bei rund 17 Kilometern je Strecke, viele Wege sind kürzer, damit landet der reale Bedarf oft im Simulationsfenster der Studie. Nutzt jemand das E-Auto überwiegend für den Weg zur Arbeit, ließe sich ein Teil der Ladevorgänge einsparen. Der Markt zieht ohnehin an: In China fahren erstmals über 60 Prozent der Neuwagen elektrisch, und auch Europas Absatz wächst zweistellig. Das Fraunhofer ISE in Freiburg forscht seit Jahren an dieser fahrzeugintegrierten Photovoltaik, während Hersteller wie Porsche ihre reine Elektro-Strategie gerade zurücknehmen. Als Faustregel bleibt: Solar am Auto lohnt sich für kurze, sonnige Wege, nicht als Ersatz fürs Laden. Wie viel wirklich hängen bleibt, zeigt erst der Betrieb jenseits der Simulation.
Erzeugt das Solar-Coupé Luminetta wirklich mehr Strom, als es verbraucht?
Ja, aber nur unter engen Annahmen: bei rund 20 Kilometern täglicher Fahrt und ausreichend Sonne. Im Schnitt erntet die Studie so etwa 50 Kilometer Reichweite zusätzlich. Auf langen Strecken oder im Winter kippt diese Bilanz.
Wer hat die Luminetta gebaut?
Sechzehn Masterstudierende der Clemson University in South Carolina entwickelten das Fahrzeug in zwei Jahren, begleitet vom Entwicklungsteam von BMW. Die Solarmodule stammen aus einer Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE.
Kann ich die Luminetta kaufen?
Nein. Deep Orange 17 ist ein Forschungs- und Ausbildungsprojekt, kein Serienauto. Die Studie soll Anfang 2027 auf der Technikmesse CES in Las Vegas gezeigt werden. Erkenntnisse zur fahrzeugintegrierten Photovoltaik können später in Serienmodelle einfließen.
Quellen
[1] Clemson University: „Clemson University unveils Deep Orange 17, a solar-integrated, energy-positive electric vehicle“
[2] BMW Group Press: „Clemson University unveils Deep Orange 17, a solar-integrated, energy-positive electric vehicle“
Mehr Newshunger?
- Erstmals über 60 Prozent: Chinas E-Auto-Markt überholt den Verbrenner
- 50.000 iX3 in neun Monaten: BMWs Neue Klasse trotzt der E-Auto-Flaute
- Porsche bremst die E-Auto-Offensive: Zuffenhausen setzt wieder auf Verbrenner und Hybrid
- Gebrauchtwagenpreise fallen, gebrauchte E-Autos steigen um 13,5 Prozent
- Europas E-Auto-Absatz wächst im Juni um 51 Prozent
- Ladetarife 2026: Wo E-Autos am günstigsten laden