Nexperia gehört Wingtech noch immer, doch in der Bilanz des Konzerns taucht der niederländische Chiphersteller nicht mehr auf. Für das erste Halbjahr 2026 meldet Wingtech deshalb einen Nettoverlust von rund 52 Millionen Euro, während der Umsatz um 94 Prozent einbricht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEin Halbleiterkonzern verliert die Kontrolle über seine profitabelste Tochter Nexperia und darf sie von einem Quartal aufs nächste nicht mehr in der eigenen Bilanz führen. Genau das trifft Wingtech, seit der niederländische Staat Ende September 2025 in die Führung des Chipherstellers eingriff.
Das Wichtigste in Kürze
- Wingtech verbucht für das erste Halbjahr 2026 einen Nettoverlust von rund 52 Millionen Euro, nach einem Gewinn im Vorjahr.
- Der Umsatz fällt um 94 Prozent auf rund 195 Millionen Euro, weil Nexperia aus der Konzernbilanz herausfällt.
- Auslöser ist der Kontrollverlust über die Tochter, seit die niederländische Regierung Ende September 2025 eingriff.
- Nexperia beliefert die europäische Autoindustrie mit Leistungshalbleitern, weshalb der Streit deutsche Werke direkt betrifft.
Warum kollabiert Wingtechs Umsatz um 94 Prozent?

Der Verlust entsteht nicht durch einbrechende Nachfrage, sondern durch eine Bilanzregel. Solange Wingtech Nexperia beherrschte, floss der Milliardenumsatz des Chipherstellers voll in die Konzernzahlen. Seit niederländische Gerichte die Stimmrechte des Mutterkonzerns ausgesetzt und den Firmengründer als Nexperia-Chef abberufen haben, gilt Wingtech rechtlich nicht mehr als beherrschender Gesellschafter. Damit verschwindet Nexperia aus der Konsolidierung, und zurück bleibt ein Rumpfkonzern mit rund 195 Millionen Euro Halbjahresumsatz und tiefroter Bilanz.[1]
Der Halbjahresbericht nennt einen zweiten Effekt: Nexperias Auslandsgesellschaften haben die Wafer-Belieferung der chinesischen Konzernteile ausgesetzt. Die Tochter ist damit nicht nur bilanziell entzogen, sondern auch operativ abgeschnitten. Andere chinesische Chipkonzerne trotzen dem US-Druck derweil mit Rekordzahlen, wie zuletzt die größte Foundry des Landes bei ihren jüngsten Quartalszahlen.
Vom Entity-List-Schock zur Zwangsverwaltung
Wingtech steckt seit anderthalb Jahren zwischen zwei Machtblöcken. Ende 2024 setzte Washington den Konzern auf die Entity List, woraufhin Wingtech sein margenschwaches Auftragsfertigungsgeschäft an den Apple-Zulieferer Luxshare verkaufte und alles auf die Chipsparte setzte. Kaum war Nexperia das Herzstück, griff Den Haag durch: Unter Berufung auf das Gesetz zur Verfügbarkeit von Gütern übernahm die Regierung Ende September 2025 die Kontrolle, kurz darauf verhängte Peking einen Exportstopp für in China gefertigte Nexperia-Chips.
Für Europas Autobauer wurde daraus im Herbst 2025 eine akute Lieferkrise. Nexperia zählt zu den größten Herstellern einfacher Leistungshalbleiter, also der Transistoren und Dioden, die in jedem Steuergerät und in jedem Elektroantrieb stecken. Als die Chips aus China ausblieben, warnten Zulieferer wie Bosch und Hersteller wie Volkswagen vor Bandstillständen. Chinas Autoindustrie bindet ihre Zulieferer parallel immer enger an sich, wie der jüngste Strategiepakt zwischen Huawei und Changan zeigt. Wingtech fordert vom niederländischen Staat inzwischen rund 6,9 Milliarden Euro Schadenersatz.
Eine kritische Tochter im Ausland ist heute jederzeit einziehbar, sobald Regierungen sie zur Verfügungsmasse erklären. Nexperia zeigt, dass geopolitisches Risiko längst in der Bilanz ankommt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was europäische Entscheider aus dem Fall lernen
Der Fall Nexperia ist kein Einzelfall, sondern die Blaupause für einen neuen Konflikttyp: Nicht Zölle, sondern die Kontrolle über strategische Standorte wird zur Waffe. Für Einkaufs- und Risikoverantwortliche im deutschsprachigen Raum drängen sich drei Prüfpunkte auf.
- Zweitquellen für Leistungshalbleiter aufbauen, statt sich auf einen dominanten Anbieter zu verlassen.
- Die Herkunft kritischer Bauteile bis zur Fertigungsstätte offenlegen, nicht nur bis zum Markennamen.
- Den europäischen Chips Act und geförderte Fertigung in der Lieferantenstrategie mitdenken.
Nexperia bleibt vorerst unter niederländischer Aufsicht, und der Rechtsstreit dürfte sich über Jahre ziehen. Unternehmen, die ihre Halbleiter-Lieferkette jetzt entzerren, kaufen sich Unabhängigkeit von einem Konflikt, der so schnell nicht endet. Wie tief chinesische Anbieter zugleich in den europäischen Markt drängen, zeigt der Robotaxi-Vorstoß von Pony.ai.
Häufige Fragen zum Nexperia-Streit
Was ist Nexperia?
Nexperia ist ein niederländischer Halbleiterhersteller mit Wurzeln bei Philips und NXP. Der Konzern zählt weltweit zu den größten Produzenten einfacher Leistungshalbleiter wie Transistoren und Dioden, die in Autos, Industrieanlagen und Elektronik stecken. Seit 2019 gehört Nexperia dem chinesischen Konzern Wingtech.
Warum macht Wingtech Verlust, obwohl Nexperia profitabel arbeitet?
Der Verlust ist eine Bilanzfolge. Weil niederländische Gerichte die Kontrollrechte des Mutterkonzerns ausgesetzt haben, darf Wingtech Nexperia nicht mehr konsolidieren. Damit fällt der Umsatz der profitablen Tochter aus den Konzernzahlen, und übrig bleibt ein Halbjahresverlust von rund 52 Millionen Euro.
Was bedeutet der Streit für europäische Autohersteller?
Nexperia liefert Leistungshalbleiter, die in Steuergeräten und Elektroantrieben stecken. Als China im Herbst 2025 einen Exportstopp für in chinesischen Nexperia-Werken gefertigte Chips verhängte, warnten Zulieferer und Autobauer vor Produktionsstopps. Der Fall zeigt die Abhängigkeit europäischer Werke von einzelnen Chipquellen.
Wer kontrolliert Nexperia jetzt?
Die operative Kontrolle liegt seit Ende September 2025 bei einer vom niederländischen Staat eingesetzten Aufsicht. Ein Gericht setzte die Stimmrechte von Wingtech aus und berief den Firmengründer als Nexperia-Chef ab. Wingtech bleibt formal Eigentümer, klagt gegen den Eingriff und fordert Schadenersatz.
Quelle
[1] IT之家 (ITHome): „闻泰科技 2026 年上半年归母亏损 4.06 亿元“ (Wingtech-Halbjahresbericht 2026)
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