Schaeffler steht für Kugellager, Kupplungen und Radlager, nicht für Science-Fiction. Trotzdem hat der Autozulieferer aus Herzogenaurach bis Mitte 2026 rund 350 Millionen Euro an Aufträgen für humanoide Roboter gebucht, verteilt auf 45 Hersteller und mit dem chinesischen XPeng Iron als prominentestem Kunden. Dieselbe Präzisionsmechanik, auf der das Autogeschäft beruht, wird gerade zum zweiten Standbein.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAnfang August 2026 hat Schaeffler zum ersten Mal konkrete Zahlen zum Robotergeschäft vorgelegt, eingebettet in die Halbjahresbilanz. Die Botschaft fällt zwiespältig aus: Das junge Feld wächst schneller als geplant, ausgerechnet während der Konzern im Autogeschäft Tausende Stellen streicht.
Das Wichtigste in Kürze
- Schaeffler bündelt Lager, Getriebe, Sensoren und Aktoren zu einer Antriebsplattform für humanoide Roboter und gewann dafür 2026 den Hermes Award der Hannover Messe.
- Der Auftragsbestand liegt bei rund 350 Millionen Euro aus drei Aufträgen und verteilt sich auf 45 Hersteller; der humanoide Roboter Iron von XPeng geht Ende 2026 in Serie.
- Aktoren machen etwa die Hälfte der Kosten eines Humanoiden aus, also genau den Bereich, in dem Schaeffler seit Jahrzehnten fertigt.
- Parallel fallen über Altersteilzeit rund 1.800 Stellen weg; die Belegschaft sank im ersten Halbjahr 2026 um 1.900 auf etwa 109.000 Beschäftigte.
Warum passt ausgerechnet Schaeffler in den Roboter?

Aktoren sind das teuerste Bauteil eines humanoiden Roboters, und Aktoren baut Schaeffler seit Jahrzehnten. Ein einzelner Humanoider steckt voller kleiner Antriebe. Rund 30 Aktoren bewegen Hüfte, Knie, Schultern und Finger. Zusammen verschlingen diese Einheiten etwa die Hälfte der Herstellkosten, und jede besteht aus Motor, Getriebe, Lager, Sensor und Leistungselektronik, also aus genau den Komponenten eines Radlagers oder einer Kupplung. Der Sprung vom Auto zum Roboter fällt für den Konzern deshalb kürzer aus als für die meisten reinen KI-Firmen.
Auf der Hannover Messe 2026 hat Schaeffler dafür eine skalierbare Aktorenplattform vorgestellt und den Hermes Award gewonnen. Der Kniff steckt in der Lagerung: Der Konzern setzt das Lager direkt in den Rotor, verkleinert den Bauraum so um rund 20 Prozent, spart bis zu 500 Gramm Gewicht und baut die Einheit bis zu 10 Millimeter kürzer. Die Dreh- und Linearantriebe decken 20 bis 250 Newtonmeter ab, vom Fingergelenk bis zur Hüfte.
Vorstandschef Klaus Rosenfeld ordnet das Ziel bewusst nüchtern ein: „Wir wollen keine Menschen nachbauen, sondern eine bewegliche, flexible und intelligente Robotik ermöglichen.“ Den gleichen Weg vom Fahrzeug zum Roboter geht auch der Lidar-Spezialist RoboSense, der sein Sensorgeschäft vom Auto auf humanoide Maschinen verlagert. Die eigentliche Wertschöpfung wandert bei beiden von der Karosserie in die Bewegung.
Was steckt hinter dem 350-Millionen-Auftrag?
Drei Großaufträge über zusammen rund 350 Millionen Euro und eine Pipeline von 45 Herstellern belegen echte Nachfrage nach Roboter-Antrieben, nicht bloß ein Messe-Versprechen. Zu den drei Aufträgen gehört der Iron, der humanoide Roboter des chinesischen Elektroautobauers XPeng, der Ende 2026 in Serie laufen soll.[1] Zusätzlich hat Schaeffler mit dem britischen Entwickler Humanoid eine Technologiepartnerschaft geschlossen, die einen Liefervertrag über Aktoren umfasst.[2] Bis zu einer mittleren vierstelligen Zahl eigener Roboter will der Konzern in den kommenden zehn Jahren in seine Werke stellen.
Der Kontrast zum Kerngeschäft fällt hart aus. Im gleichen Halbjahr sank die Belegschaft um 1.900 auf rund 109.000 Beschäftigte, und ab 2027 sollen über ein Altersteilzeitprogramm weitere 1.800 Stellen wegfallen. Der Werkzeughersteller Stihl zeigt dasselbe Muster und verlagert die Entwicklung seiner Mähroboter nach China, während in Deutschland Stellen gestrichen werden.
Mit der Wette steht Schaeffler nicht allein. Der Gasfeder-Spezialist Stabilus hob zuletzt die Marge trotz sinkender Umsätze und setzt ausdrücklich auf die Robotik als neues Wachstumsfeld. Für die klassischen Zulieferer wird der Robotermarkt zum Rettungsanker, weil das Verbrennergeschäft wegbricht und die Elektromobilität weniger mechanische Teile braucht.
Schaeffler bringt in den humanoiden Roboter keine Neuerfindung ein, sondern seine ältesten Stärken, Lager und Getriebe. Von allen Roboterwetten im DAX ist das die nüchternste, weil sie ohne teuren Umbau auskommt.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Roboter: das Wachstumsfeld
Serienstart des XPeng Iron Ende 2026, dazu eine Aktoren-Partnerschaft mit dem britischen Entwickler Humanoid. Bis zu eine mittlere vierstellige Zahl eigener Roboter sollen in zehn Jahren in die Werke ziehen.
Auto: der Stellenabbau
Rund 1.800 Stellen fallen ab 2027 über Altersteilzeit weg. Im ersten Halbjahr 2026 sank die Belegschaft um 1.900 auf etwa 109.000 Beschäftigte.
Was bedeutet der Roboter-Umbau für die deutsche Industrie?
Der Fall Schaeffler zeigt, wie deutsche Zulieferer die Autokrise überstehen wollen: Die Konzerne tragen ihre Mechanik-Kompetenz in den Wachstumsmarkt Physical AI, statt sie abzubauen. Physical AI meint künstliche Intelligenz in Maschinen statt im Chatfenster und gilt als nächste große Welle nach den Sprachmodellen. Google steuert mit Gemini Robotics inzwischen Humanoide bis in die Fingerspitzen, in Asien entstehen Milliardenrunden für Roboter-Gehirne. Deutschlands Stärke liegt weniger in der Software als in der Hardware darunter, und genau die liefert Schaeffler.
Der prominenteste Kunde XPeng ist zugleich Wettbewerber und Partner deutscher Autobauer, ein Hinweis darauf, wie eng Auto- und Robotermarkt inzwischen verzahnt sind. Finanziell stützt das Robotergeschäft den Konzern noch nicht: Im ersten Halbjahr 2026 lag der Umsatz bei 11,67 Milliarden Euro, die operative Marge stieg von 4,1 auf 4,7 Prozent, und Schaeffler bestätigte die Jahresprognose.[1]
Für Entscheider im Maschinenbau steckt darin eine Blaupause. Fertigungsbetriebe mit Präzisionsmechanik sollten prüfen, welche ihrer Teile in Aktoren, Greifern oder Gelenken eines Roboters wieder auftauchen. Ob sich ein eigener Robotereinsatz für den Mittelstand rechnet, hängt stark vom Anwendungsfall ab. Bis dahin verdient Schaeffler an der Ausrüstung der Roboter, unabhängig davon, welcher Hersteller sich am Ende durchsetzt.
FAQ: Schaeffler wird zum Roboter-Zulieferer
Was macht Schaeffler in der humanoiden Robotik?
Schaeffler liefert die Aktoren, Lager, Getriebe und Sensoren, die humanoide Roboter bewegen, und hat dafür bis Mitte 2026 rund 350 Millionen Euro an Aufträgen von 45 Herstellern gebucht. Die Antriebseinheiten stammen aus derselben Präzisionsfertigung wie die Autokomponenten des Konzerns.
Wie viele Aktoren stecken in einem humanoiden Roboter?
Ein humanoider Roboter braucht rund 30 Aktoren, die zusammen etwa die Hälfte seiner Herstellkosten ausmachen. Schaeffler deckt mit Dreh- und Linearantrieben von 20 bis 250 Newtonmetern genau diesen größten Kostenblock ab.
Was ist der XPeng Iron?
Der Iron ist der humanoide Roboter des chinesischen Elektroautoherstellers XPeng, der Ende 2026 in Serie gehen soll. Schaeffler zählt zu den Zulieferern und steuert Antriebstechnik für das Modell bei.
Warum baut Schaeffler trotz des Robotik-Wachstums Stellen ab?
Schaeffler streicht rund 1.800 Stellen über ein Altersteilzeitprogramm ab 2027, weil das klassische Autozuliefergeschäft schrumpft. Im ersten Halbjahr 2026 sank die Belegschaft um 1.900 auf etwa 109.000 Beschäftigte, während die Robotik-Sparte wächst.
Was bedeutet Physical AI?
Physical AI beschreibt künstliche Intelligenz, die in Maschinen wie Robotern, Fahrzeugen oder Fabrikanlagen physisch handelt, statt nur Text oder Bilder zu erzeugen. Humanoide Roboter gelten als der sichtbarste Anwendungsfall dieser Technologie.
Quellen
[1] Schaeffler AG: „Schaeffler verbessert Profitabilität im ersten Halbjahr 2026″
[2] Schaeffler AG: „Schaeffler und Humanoid schließen strategische Technologiepartnerschaft“
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