Ein Start-up ersetzt sein teures Salesforce-Abo durch ein selbst gebautes CRM. Der Fall zeigt, wie KI-gestütztes Programmieren die Rechnung zwischen Mieten und Selbermachen kippt. Für Entscheider stellt sich die alte Frage „kaufen oder bauen“ neu.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEin SaaS-Abo für rund 522.000 Euro im Jahr hat der US-Krankenversicherer Curative gekündigt, ohne zu einem günstigeren Anbieter zu wechseln. Stattdessen hat das eigene Team in zwei Monaten ein passgenaues CRM selbst zusammengesetzt, Baustein für Baustein per KI. „Niemand nutzte Salesforce mehr“, sagt Gründer Fred Turner.
Das Wichtigste in Kürze
- Curative hat laut Gründer Fred Turner ein Salesforce-Abo über 600.000 US-Dollar (rund 522.000 Euro, Kurs 0,87) im Jahr gekündigt und will 80 Prozent seiner SaaS-Ausgaben streichen.
- KI-Programmierwerkzeuge senken die Kosten für Eigenentwicklung so stark, dass Selberbauen bei Standard-Abläufen günstiger wird als Mieten.
- In einer Retool-Umfrage unter 817 Firmen hat gut ein Drittel bereits mindestens ein SaaS-Tool durch einen Eigenbau ersetzt.
- Salesforce hält dagegen: Der eigentliche Aufwand liege nicht im Code, sondern in Datenpflege, Governance und Compliance.
Warum kündigt ein Start-up sein Salesforce?

Kein Nutzer mehr: Der Auslöser war kein Preisstreit. Laut Turner verwaiste das teure System intern, während sein Team ein maßgeschneidertes CRM mit KI-Coding-Werkzeugen zusammenbaute, das enger an die eigenen Abläufe passte.
Eingestürzte Baukosten: Agentische Programmier-Assistenten wie Claude, Replit oder Lovable bauen das Grundgerüst, testen und verzahnen Software heute in Tagen statt in Quartalen. Ein eigener, unterscheidbarer Ablauf ist damit kein monatelanges Investitionsprojekt mehr, sondern eine Sache von Wochen. Genau diese Verschiebung treibt gerade auch Konzerne wie SAP, deren eigenes ABAP-Modell gegen günstige Allzweck-KI antritt.
Steckt dahinter ein Muster?
Ein Drittel ist raus: Curative ist kein Einzelfall. In einer Umfrage des Plattformanbieters Retool unter 817 Firmen hat gut ein Drittel bereits mindestens ein SaaS-Tool durch einen Eigenbau ersetzt, 78 Prozent wollen 2026 mehr selbst bauen.[2]
204 Milliarden auf dem Spiel: Die Analysten von Gartner beziffern das jährlich durch solche Verlagerung gefährdete Software-Budget bis 2030 auf rund 234 Milliarden US-Dollar, umgerechnet etwa 204 Milliarden Euro. An der Börse ist die Nervosität angekommen, Anbieter wie HubSpot und Figma haben zeitweise 70 bis 80 Prozent ihres Höchstwerts verloren. Dass eigene Software auch klassische Budgets frisst, zeigt der jüngste Kurssturz bei IBM.
Nicht jede Software gehört gemietet und nicht jede selbst gebaut. Die eigentliche Entscheidung ist, welcher Prozess das Unternehmen unterscheidbar macht und welcher nur laufen muss.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das für den Mittelstand?
Haftung bleibt im Haus: Für deutsche Entscheider verschiebt sich die Rechnung, aber nicht ohne Haken. Ersetzt ein Betrieb Salesforce durch Eigenbau, verliert er den Auftragsverarbeitungsvertrag und die zertifizierte Datenverarbeitung des Anbieters. DSGVO-Pflichten und Sicherheitsverantwortung liegen dann komplett im eigenen Haus.
Governance schlägt Tokenpreis: Salesforce-Manager Sumeet Agrawal argumentiert, billigere KI-Token lösten das Kernproblem nicht. Firmen verschwendeten das Fünf- bis Zehnfache an Token, weil ungeordnete Daten in die Modelle liefen. Der Wert eines CRM stecke in gepflegten Stammdaten und in Governance, nicht in der Oberfläche.[1] Wie stark geprüfte Datenflüsse zählen, zeigt auch GitLabs Ansatz mit kontrollierten KI-Agenten.
Der EU-Rahmen zählt mit: Trifft ein selbst gebauter KI-Agent Entscheidungen über Kunden, rückt das Unternehmen unter dem EU AI Act in die Betreiberrolle samt Dokumentationspflichten. Praktisch heißt das, die wirklich differenzierenden Abläufe von den austauschbaren zu trennen und bei jedem Eigenbau die versteckten Kosten für Wartung, Sicherheit und DSGVO-Compliance gegen die Abo-Ersparnis zu rechnen. Geschäftskritische, stark regulierte Systeme bleiben oft im Zukauf besser aufgehoben, wie zuletzt der Weg von Metro in die Cloud zeigt.
Quellen
[1] Fortune: „Salesforce VP on the leaky AI pipeline: why cheaper tokens won’t fix enterprise AI“ ↩
[2] Retool: „The Build vs. Buy Shift: AI, Shadow IT, and the SaaS Replacement Era“ (2026) ↩
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