Der indische Software-Konzern Persistent Systems übernimmt den Münchner Digitaldienstleister Nagarro und bietet 81 € je Aktie. Der Aufschlag von fast 94 % klingt fürstlich, bezieht sich aber auf einen zuvor tief gefallenen Kurs. Am Ende soll Nagarro ganz von der Frankfurter Börse verschwinden.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Nagarro-Übernahme steht seit dem 26. Juni 2026 fest: An diesem Tag haben Persistent Systems und Nagarro eine Zusammenschlussvereinbarung unterschrieben, die aus zwei Digitaldienstleistern einen Konzern mit rund 46.000 Beschäftigten formt. Für Aktionäre liegt ein Barangebot von 81 € je Aktie auf dem Tisch, für den Standort Deutschland ein weiterer Abgang eines gelisteten Tech-Anbieters.
Das Wichtigste in Kürze
- Persistent Systems bietet über die Tochter Galaxy Germany Holding 81 € je Nagarro-Aktie in bar, rund 94 % über dem Dreimonatsschnitt bis zum 25. Juni 2026.
- Vorstand und Aufsichtsrat empfehlen die Annahme; die Mindestannahmeschwelle liegt bei 50 % plus einer Aktie.
- Nach dem Abschluss soll Nagarro aus dem Prime Standard verschwinden, geplant ist das Delisting.
- Zusammen kämen beide auf über 46.000 Beschäftigte, davon mehr als 37.000 in Indien.
Warum bietet Persistent fast 94 Prozent Aufschlag?

Der Aufschlag wirkt vor allem deshalb so groß, weil Nagarros Aktie zuvor abgestürzt war: 81 € liegen zwar fast 94 % über dem Dreimonatsschnitt, aber weit unter den Kursen aus dem Börsenjahr 2021.
Nagarro ist 2025 auf 999,3 Mio. € Umsatz gewachsen, allerdings nur noch mit gut sechs Prozent und sinkender Marge.[1] Zusätzlich hat eine Fehlerfeststellung der BaFin zur 2022er-Bilanz das Vertrauen belastet, während der Firmenchef selbst Ermittlungen wegen mutmaßlichen Insiderhandels gefordert hat.
Ein Rekordaufschlag auf einen so gedrückten Kurs bleibt in absoluten Zahlen günstig, gemessen an dem, was Nagarro als Wachstumswert einmal gekostet hat.
Was hinter der Fusion zur Persistent-Nagarro-Gruppe steckt
Persistent Systems aus dem indischen Pune hält bereits rund 21 % an Nagarro, die Gründer Anand und Sonali Deshpande haben ihren zurechenbaren Anteil zuletzt in Richtung 29 % ausgebaut. Das Barangebot soll die Schwelle von 50 % plus einer Aktie sichern.
Aus dem Zusammenschluss entsteht ein Anbieter mit rund 2,5 Mrd. € Umsatz-Run-Rate (2,9 Mrd. US-Dollar) und über 46.000 Beschäftigten in mehr als 40 Ländern, davon mehr als 37.000 in Indien.[1] Beide Häuser verkaufen dasselbe: KI-gestütztes Digital Engineering, also die Modernisierung von Unternehmenssoftware im Kundenauftrag.
Genau dieses Geschäft steht unter Druck, seit KI-Werkzeuge Routinecode selbst schreiben und das personalintensive Modell der IT-Dienstleister aushöhlen. Mehr Größe und ein schärferes KI-Profil sind die Antwort, mit der sich Persistent gegen die großen indischen Rivalen behaupten will.
Das 81-Euro-Gebot ist kein Vertrauensbeweis in Nagarros Zukunft, sondern der Preis für eine tief gefallene Aktie und einen leisen Abgang von der Börse. Für den Digitalstandort Deutschland wandert damit erneut Substanz nach Indien ab.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Nagarro allein (2025)
- ◆18.543 Beschäftigte in 40 Ländern
- ◆999,3 Mio. € Umsatz
- ◆Sitz München, gelistet im Prime Standard
Kombinierte Gruppe
- ◆über 46.000 Beschäftigte, davon über 37.000 in Indien
- ◆rund 2,5 Mrd. € Umsatz-Run-Rate (2,9 Mrd. US-Dollar)
- ◆Positionierung als KI-Digital-Engineering-Anbieter
Was bedeutet der Börsenrückzug für Kunden und Aktionäre?
Am Tagesgeschäft ändert sich für Kunden zunächst wenig, doch das geplante Delisting nimmt Minderheitsaktionären den geregelten Ausstieg und stellt Nagarros deutsche Präsenz unter neue, ausländische Kontrolle.
Ein Beherrschungs- oder Gewinnabführungsvertrag ist für zwei Jahre ausgeschlossen, der Abschluss wird zum Jahreswechsel 2026/2027 erwartet. Aktionäre sollten die Bedingungen des Delisting-Angebots und ein mögliches Spruchverfahren prüfen, statt auf spätere Nachbesserungen zu hoffen.
Der Fall reiht sich in ein Muster ein: Indische IT-Konzerne kaufen sich über europäische Dienstleister Kundenzugang und Branchenwissen, während gelistete Tech-Champions den deutschen Kurszettel verlassen. Für Auftraggeber im Mittelstand zählt jetzt die Vertragskontinuität, denn über 37.000 der künftig 46.000 Beschäftigten sitzen in Indien.
Quelle
[1] Persistent Systems, Nagarro: „Persistent und Nagarro unterzeichnen eine Vereinbarung über einen Unternehmenszusammenschluss zur Gründung der Persistent-Nagarro-Gruppe“
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