Der Münchner Softwarekonzern Nemetschek hat seinen bislang größten Zukauf besiegelt. Mit dem texanischen Anbieter HCSS wächst das Unternehmen aus der reinen Planung heraus und mitten auf die Baustelle. Rund 2,1 Milliarden Euro sind ein Ausrufezeichen für die gesamte Baubranche.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenNemetschek hat die Übernahme des US-Bausoftware-Spezialisten HCSS zum 1. Juli abgeschlossen, die größte der Firmengeschichte.[2] Rund 2,1 Milliarden Euro fließen in ein Unternehmen aus Sugar Land in Texas, das in Europa kaum jemand kennt. Hinter dem Kauf steckt eine strategische Verschiebung, die über eine reine Geschäftszahl hinausgeht.
Das Wichtigste in Kürze
- Nemetschek hat den texanischen Bausoftware-Anbieter HCSS für rund 2,1 Milliarden Euro übernommen, den größten Zukauf der Firmengeschichte.
- HCSS liefert Software für den Tief- und Infrastrukturbau und hat 2025 rund 190 Millionen Euro umgesetzt, bei etwa 40 Prozent EBITDA-Marge.
- Verkäufer Thoma Bravo bleibt mit rund 28 Prozent am neuen Bau-Segment beteiligt und trägt den Deal so ein Stück weit mit.
- Für Nemetschek verschiebt sich das Geschäft vom Planungsbüro auf die Baustelle.
Was macht HCSS für Nemetschek so wertvoll?

HCSS baut seit 1986 Software für einen Teil der Bauwirtschaft, den die Planungsprogramme von Nemetschek bisher kaum berührt haben: den Tief- und Infrastrukturbau. Die HCSS-Software kalkuliert Angebote und steuert Baumaschinen samt Fuhrpark per Telematik. Die Arbeitssicherheit dokumentieren die Bauteams direkt auf der Baustelle, rund 4.000 Baufirmen in Nordamerika arbeiten damit.
Genau darin liegt der Reiz. Nemetschek ist groß geworden mit Werkzeugen fürs Entwerfen und Planen, etwa Allplan, Graphisoft und der PDF-Software Bluebeam. Mit HCSS reicht der Konzern nun bis in den laufenden Bauablauf hinein, dorthin, wo Maschinen, Material und Kolonnen zusammenlaufen.
Die Zahlen stützen den Preis. HCSS hat 2025 rund 190 Millionen Euro umgesetzt, die wiederkehrenden Umsätze sind um etwa 21 Prozent gewachsen, die EBITDA-Marge hat rund 40 Prozent erreicht.[1] Solche Margen erklären, warum profitable Baustellen-Software zum begehrten Übernahmeziel geworden ist.
Wie finanziert Nemetschek den Milliarden-Zukauf?
Bemerkenswert ist weniger der Preis als die Konstruktion dahinter. Verkauft hat HCSS die US-Beteiligungsgesellschaft Thoma Bravo, spezialisiert auf Softwarefirmen. Statt sich komplett auszahlen zu lassen, hat Thoma Bravo rund 28 Prozent am neu zugeschnittenen Segment Build & Construct übernommen, in dem Nemetschek sein gesamtes Baustellengeschäft bündelt.
Für Nemetschek senkt diese Beteiligung den Kapitalbedarf. Der Konzern hält rund 72 Prozent am Segment, die Nettoverschuldung steigt durch die Ablösung der HCSS-Kredite um etwa 450 Millionen Euro. Ein Verkäufer, der beteiligt bleibt, traut dem gemeinsamen Geschäft sichtbar weiteres Wachstum zu.
Nemetschek kauft sich mit HCSS nicht einfach Umsatz, sondern den direkten Draht zur Baustelle, wo bisher oft noch Zettel und Excel-Tabellen regieren. Ein deutscher Softwarekonzern, der ausgerechnet im US-Tiefbau die Lücke zwischen Plan und Ausführung schließt, dreht den üblichen Standort-Frust dieser Wochen einmal um.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet der Zukauf für die Baubranche im DACH-Raum?
Der Deal ist Teil einer größeren Bewegung. Bausoftware konsolidiert seit Jahren, weil die Baustelle als eine der letzten großen Effizienzreserven der Wirtschaft gilt. Autodesk und Procore ringen in den USA um dieselben Kunden, und auch andere deutsche Häuser kaufen kräftig zu, etwa als SAP das KI-Start-up Prior Labs für rund eine Milliarde Euro übernommen hat.
Für den deutschsprachigen Raum hat der Zukauf zwei Seiten. Nemetschek verdient künftig noch stärker am US-Infrastrukturboom, während der deutsche Bau bei der Digitalisierung hinterherhinkt und der Staat selbst das 500-Milliarden-Sondervermögen erst in fertige Bauten übersetzen muss.
Bauunternehmen, die Kalkulation, Maschinen und Sicherheitsnachweise noch getrennt in Insellösungen führen, verschenken genau die Effizienz, die Nemetschek gerade teuer einkauft. Ein Blick auf durchgängige Projekt- und Baustellensoftware, von der ersten Kalkulation bis zur Kolonne vor Ort, lohnt sich deshalb gerade jetzt.
Quellen
[1] Nemetschek Group: „Nemetschek Group Successfully Completes Acquisition of HCSS“ ↩
[2] Nemetschek Group: „Nemetschek Group to Acquire HCSS; Creates Next Global Construction Technology Leader“ ↩
Mehr Newshunger?
- IT-Outsourcing: Befreiungsschlag oder Kontrollverlust?
- Vom Digitalpionier zum Übernahmeziel: Warum Klöckner die Börse verlässt
- 45 Patente, keine Kunden: Die Schwarz Gruppe gibt XM Cyber an CrowdStrike ab
- E-Rechnung SAP: So gelingt die gesetzeskonforme Umstellung im ERP-System
- ERP-Software als Wettbewerbsvorteil: So digitalisieren Sie Ihr Maschinenbauunternehmen