Im Juni hat Dr. Web gefragt, ob digitalisierte Bände per Seecontainer von Zoombooks nach Europa zurückkommen könnten. Diese Hoffnung war naiv, und wir schreiben das lieber selbst, bevor jemand anders damit anfängt.

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Destruktives Scannen kennt die Buchbranche seit Jahrzehnten, im industriellen Maßstab brauchte niemand das Verfahren. Ein Buch wird dabei nicht aufgeschlagen, sondern zerlegt. Am Ende steht keine Kopie neben dem Original, sondern eine Datei anstelle des Originals.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein hydraulischer Stapelschneider trennt den geleimten Buchrücken ab, danach laufen die losen Blätter durch Produktionsscanner
  • Anthropic ließ laut Ausschreibungsunterlagen 500.000 bis zwei Millionen Bände binnen sechs Monaten verarbeiten
  • Eine Recyclingfirma holte die Reste ab, ein physisches Archiv blieb nicht übrig
  • Richter William Alsup wertete genau dieses Vorgehen im Juni 2025 als Fair Use

Wie läuft destruktives Scannen technisch ab?

Ein oranger Stoffumschlag mit einem Anhänger auf dem
Guillotine trennt den geleimten Buchblock-Rücken ab. Anschließend wandern die losen Blätter in einen Produktionsscanner zum Digitalisieren

Am Anfang steht der Stapelschneider, im Buchbinderhandwerk Guillotine genannt. Eine hydraulische Presse fixiert den Block, ein Messer trennt den geleimten Rücken in einem Schnitt ab. Rechtwinklig muss der Schnitt sitzen und ohne Leimrest, weil jede Unebenheit später einen Papierstau erzeugt.

Die losen Blätter wandern anschließend in den Einzug eines Produktionsscanners. Handelsübliche Geräte dieser Klasse erfassen 140 bis 210 Blatt pro Minute und nehmen beide Seiten in einem Durchlauf auf. Ein Roman mit 300 Seiten liegt so in weniger als einer Minute als Bilddatei vor.

Danach folgt die unsichtbare Arbeit: entzerren, Flecken entfernen, Kontrast anheben, Spalten und Fußnoten voneinander trennen. Erst dann liest die Texterkennung. Sauberer Buchdruck erreicht über 99 Prozent Zeichengenauigkeit, vergilbtes Papier drückt den Wert. Verbliebene Lesefehler wandern ungeprüft weiter, denn zwei Millionen Bücher liest niemand gegen.

Warum überlebt kein einziger Band den Scan?

Schonende Verfahren existieren durchaus. Buchwiegen mit Glasplatte arbeiten mit Kameras statt Einzug, und ein Mensch blättert jede Seite um. Diese Technik erhält den Band und kostet ein Vielfaches, weil pro Stunde nur wenige hundert Seiten zusammenkommen. Für einen Korpus in Millionenhöhe rechnet sich solche Sorgfalt nicht.

Die entsiegelten Prozessakten zeigen den Ablauf bei Anthropic. Ein beauftragter Dienstleister schnitt die Bände mit hydraulischer Maschine auf und zog die Seiten über Hochleistungsscanner ein, anschließend holte ein bestelltes Recyclingunternehmen die Reste ab. Das Urteil von Richter Alsup hält den Vorgang in dürren Worten fest: Bindung entfernt, Seiten auf Format geschnitten, gescannt, Druckexemplar verworfen.

Ein Buch, das im Trainingskorpus landet, wandert nicht ins Archiv, sondern in die Altpapierpresse. Gerichtlich abgesegnet heißt trotzdem nicht kulturell in Ordnung.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Wie viel KI steckt am Ende in einem Buch?

Eine Überschlagsrechnung als Szenario, keine Herstellerangabe: Zwei Millionen Bände mit je rund 100.000 Wörtern ergeben nach der Tokenisierung grob 260 Milliarden Trainingseinheiten. Spitzenmodelle trainieren auf 15 bis 30 Billionen Tokens. Der Beitrag der zerschnittenen Bibliothek liegt damit im einstelligen Prozentbereich, auch wenn Buchtext höher gewichtet wird als Forengeplauder.

Dem antiquarischen Handel hilft diese Rechnung wenig. Verkauft wird ein Exemplar, geliefert wird ein Rohstoff. Händler mit vergriffener Regionalliteratur sollten den Empfänger auffälliger Großbestellungen prüfen und den Preis danach ansetzen, was ein unwiederbringliches Stück wert ist. Der Vergleich über 1,3 Milliarden Euro deckt Raubkopien ab, gekaufte Bücher nicht.

Unsere Bitte aus dem offenen Brief an Zoom Books bleibt bestehen. Die kanadische Firma bestreitet jede Vernichtung, hat aber bis heute keine überprüfbare Zusage vorgelegt. Solange diese fehlt, tritt jeder Karton Richtung Nordamerika eine Reise ohne Rückfahrkarte an.

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