KI-Agenten auf Basis von Anthropics Modell Claude fanden in Erbgutdaten von Bakterienviren ein bislang unbeschriebenes Enzymsystem, dessen DNA-Wiederholungen an die Genschere CRISPR erinnern. Die Suche gelang allerdings nur einmal: In zehn Wiederholungsläufen übersahen die Agenten das Muster.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAnthropic stellte das Ergebnis am 23. September zusammen mit seiner neuen Forschungsgruppe für Biowissenschaften vor.[1] Laut dem begleitenden Preprint durchsuchte Claude Mythos 5 in 949 Agenten-Sitzungen rund 1,9 Milliarden Proteincluster aus Metagenom-Datenbanken, 21,5 Stunden lang und ohne menschliches Eingreifen.[2]
Das Wichtigste in Kürze
- Claude-Agenten entdeckten die Enzymfamilie ART: eine Reverse Transkriptase mit Partnergen und einer Reihe von DNA-Wiederholungen.
- Laborversuche von Anthropics Forschern bestätigen, dass die Wiederholungen als kurze RNA-Stücke abgelesen werden.
- Welche Funktion das System hat, ist offen, ein Peer-Review steht noch aus.
- In zehn Wiederholungsläufen fand kein Agent die DNA-Wiederholungen erneut.
Was hat Claude im Erbgut gefunden?

Die Forscher tauften die neue Familie ART, kurz für „array-associated reverse transcriptases“. Eine Reverse Transkriptase schreibt RNA in DNA um. In sogenannten Jumbo-Phagen, besonders großen Bakterienviren, sitzt dieses Enzym neben einem eigenen Partnergen und einer Reihe von Abschnitten mit jeweils rund 200 Basen. Das Enzym selbst war bereits bekannt, die Wiederholungen und das Partnergen hatte bis dahin niemand beschrieben.[1]
Die Laborarbeit übernahmen Menschen. In Daten zur Infektion mit dem Phagen SA1 machten die abgelesenen Wiederholungen 15 Minuten nach Befall bis zu 8 Prozent der Phagen-RNA aus. Im Darmbakterium E. coli entstanden daraus ebenfalls einzelne kurze RNA-Stücke.[2] Ob das Enzym aktiv ist und welche Aufgabe das System für das Virus erfüllt, konnten die Autoren noch nicht zeigen. CRISPR-Pionier Feng Zhang vom Broad Institute nannte den Fund „wirklich spannend“ und weiterer Untersuchungen wert.[1]
Warum fand nur ein Lauf von elf das Muster?
Anthropic startete dieselbe Suche zehnmal neu. Fast alle Läufe stießen auf ART-Abschnitte, in zwei Läufen untersuchten Agenten die Enzymlinie sogar genauer. Die Rohsequenz neben dem Enzym las jedoch kein Agent, und so blieb die Wiederholungsreihe jedes Mal unentdeckt.[2]
Den Mechanismus legen Vergleichstests offen. Bekamen die stärksten Claude-Modelle die Sequenzen direkt vorgelegt, beschrieben sie die Wiederholungen in mindestens 90 Prozent der Versuche. Mussten die Modelle mit Dateien und Werkzeugen arbeiten, sank die Quote teils auf 32 Prozent. In 39 Prozent dieser Versuche lasen die Modelle nie ein zusammenhängendes Stück von 200 Basen ein und sahen damit höchstens etwa eine Wiederholung. Über Werkzeuge erreichten die Rohdaten das Modell also oft gar nicht. Schwächere Modelle wie Opus 4.8 oder Sonnet 5 schnitten in diesen Tests klar schlechter ab.
Neu ist der Bauplan aus Enzym und RNA-Reihe in der Natur nicht. Ähnliche Reihen hatte ein Team unlängst neben der Enzymfamilie UG27 aufgespürt, allerdings mit einem eigens gebauten Genom-Sprachmodell.[2] Bei ART gelang der Fund einem Allzweckmodell, das die DNA schlicht las. Für die Bestätigung solcher Funde betreibt Anthropic inzwischen ein eigenes Biolabor in der Bay Area, ByteDance hat seine KI-Pharmasparte gerade als Anew Labs ausgegliedert.
Der Suchtrichter
Ein Fund, den zehn Wiederholungen nicht bestätigen, bleibt ein Glückstreffer und ist noch keine Methode. Für Forschungsabteilungen zählt die Suche, die ihre Treffer auch beim elften Lauf wiederfindet.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was lernen Forschungsabteilungen daraus?
Auch in der DACH-Region setzen Konzerne auf KI in der Forschung: Boehringer Ingelheim sucht mit Envisagenics Krebsziele im RNA-Spleißen, Evotec vermietet seine KI-gestützte Wirkstoffsuche. Für eigene Agenten lehrt der ART-Fall vor allem eins: Ein Agent erkennt Auffälligkeiten nur in Daten, die er tatsächlich einliest, und nicht in Zusammenfassungen seiner Werkzeuge.
Zudem laufen solche Kampagnen nicht deterministisch. Sinnvoll sind deshalb mehrere Durchläufe und archivierte Sitzungsprotokolle, denn erst die Transkripte zeigten bei ART, welcher Arbeitsschritt den Fund auslöste. Die Bestätigung im Labor bleibt Menschensache, wie Anthropics eigener Aufbau zeigt.
Regulatorisch haben reine Forschungsprojekte Spielraum. Die europäische KI-Verordnung gilt nicht für KI-Systeme, die ausschließlich für die wissenschaftliche Forschung entwickelt und in Betrieb genommen werden.[3] Diese Ausnahme endet, sobald ein Unternehmen das System in ein Produkt überführt. Einen Überblick über den Stand der Technik bietet die KI-Rubrik von Dr. Web.
FAQ: Claude und das Enzymsystem ART
Was hat Claude entdeckt?
Claude-Agenten fanden in Erbgutdaten von Jumbo-Phagen die Enzymfamilie ART. Eine bereits bekannte Reverse Transkriptase sitzt dort neben einem Partnergen und einer Reihe von DNA-Wiederholungen, die an CRISPR erinnern. Die Wiederholungen und das Partnergen hatte zuvor niemand beschrieben.
Ist ART eine neue Genschere wie CRISPR?
Belegt ist das nicht. ART ähnelt CRISPR nur im Aufbau der DNA-Wiederholungen. Ob das Enzym aktiv ist und welche Aufgabe das System für das Virus erfüllt, ist offen. Die Ergebnisse stehen in einem Preprint ohne Peer-Review.
Warum fanden die Wiederholungsläufe nichts?
In zehn weiteren Läufen las kein Agent die Rohsequenz neben dem Enzym. Tests zeigen: Mit der Sequenz direkt im Kontext erkannten starke Claude-Modelle die Wiederholungen in mindestens 90 Prozent der Versuche, mit Dateien und Werkzeugen teils nur in 32 Prozent.
Gilt der EU AI Act für KI in der Forschung?
Nicht für KI-Systeme, die ausschließlich für die wissenschaftliche Forschung entwickelt und in Betrieb genommen werden. Die Ausnahme steht in Artikel 2 Absatz 6 der KI-Verordnung. Sobald ein Unternehmen das System in ein Produkt überführt, gelten die regulären Pflichten.
Quellen
[1] Anthropic: „Claude discovers a novel enzyme system with CRISPR-like repeats“ (23. September 2026)
[2] Peter H. Yoon, Januka S. Athukoralage, Emmanuel Ameisen, Eric Kauderer-Abrams, Nicholas T. Perry, Matthew G. Durrant (Anthropic): „Autonomous AI agents discover reverse transcriptases with tandem repeat arrays“ (Preprint)
[3] EUR-Lex: Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Artikel 2 Absatz 6
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