Die Interface-Forscherin Amelia Wattenberger hält den Chat für die Kommandozeile der KI: gut für grobe Anweisungen, unhandlich für jede Feinarbeit danach. In einem interaktiven Essay zeigt sie an Oberflächen aus den Jahren 1963 bis 1981, wie KI-Anwendungen stattdessen aussehen könnten.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenStellen Sie sich vor, Sie planen mit einem KI-Chat einen Freitag in Taipeh und wollen das Mittagessen nur eine halbe Stunde nach hinten schieben. Im Chat heißt das: neuen Prompt tippen, neue Antwort lesen, Unterschiede suchen. Genau hier setzt Wattenbergers Essay „Chat is AI’s command line“ vom 27. September an.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Amelia Wattenberger vergleicht den KI-Chat mit der Kommandozeile: unverzichtbar, aber nicht das Ende der Entwicklung.
- Als Vorbilder dienen ihr Sketchpad, VisiCalc und der Xerox Star.
- Das Prinzip dahinter heißt direkte Manipulation und geht auf Ben Shneiderman zurück.
- Für 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland mit geringer Lese- und Schreibkompetenz ist ein reines Prompt-Feld eine Hürde.
Warum reicht der Chat für Feinarbeit nicht?

Laut Wattenberger taugt der Chat gut für eine grobe Richtung, aber schlecht für die kleinen Korrekturen danach. Jede Änderung verlangt einen neuen Prompt, obwohl Nutzer das Ergebnis eigentlich nur anfassen und verschieben wollen.[1]
Abwertend meint sie den Vergleich mit der Kommandozeile nicht. Die Computerbranche behielt das Terminal und ergänzte es um andere Arbeitsweisen. Usability-Experte Jakob Nielsen datierte die befehlsbasierte Bedienung 2023 auf etwa 1964 und nannte KI-Chats das erste neue Bedienparadigma seit rund 60 Jahren: Nutzer beschreiben das gewünschte Ergebnis statt einzelner Befehle.[2]
Den Haken benannte Nielsen gleich mit. Er hielt es für wahrscheinlich, dass sich die Hälfte der Bevölkerung reicher Länder nicht präzise genug ausdrücken kann, um von KI-Bots gute Ergebnisse zu bekommen.[2] Bei Oberflächen, die nur aus einem Eingabefeld bestehen, wird diese Artikulationshürde zum Kernproblem.
Welche Vorbilder nennt Wattenberger?
Wattenberger greift auf historische Oberflächen zurück, die jeweils eine Fähigkeit zeigen, die dem Chat fehlt.[1]
- Mit Ivan Sutherlands Sketchpad zeichneten Nutzer 1963 per Lichtgriffel auf dem Bildschirm. Verschob man einen Punkt, folgten die verbundenen Linien.
- In VisiCalc genügte 1979 eine geänderte Zahl, und alle abhängigen Zellen zeigten das neue Ergebnis.
- Auf dem Xerox Star lagen 1981 Dokumente und Ordner auf einem gemeinsamen Desktop, der Stand der Arbeit blieb sichtbar.
Jedes Vorbild setzt das Essay in eine Demo zur Taipeh-Planung um. Nutzer ziehen das Mittagessen auf der Zeitleiste nach hinten, der Fußweg passt sich an, Strg+Z nimmt den Schritt zurück. Reservierungen zeigen ihren Status direkt am Termin.[1]
Das Prinzip hat einen Namen. Ben Shneiderman prägte 1983 den Begriff direkte Manipulation: sichtbare Objekte statt komplexer Syntax, schnelle und umkehrbare Schritte mit sofort sichtbarer Wirkung.[3] In Wattenbergers Demo gelten diese Regeln für eine KI, die im Hintergrund Wegzeiten und Öffnungszeiten nachhält.
Was der Chat von früheren Oberflächen lernen kann
Die Hürde des reinen Eingabefelds
Ein Chatfenster ist schnell gebaut, doch jede kleine Korrektur kostet den Nutzer danach einen neuen Prompt.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was heißt das für Webteams im DACH-Raum?
Webteams sollten KI-Funktionen nicht reflexhaft als Chatfenster planen. Sobald Nutzer ein Ergebnis feinjustieren, gehört es als bearbeitbares Objekt auf die Oberfläche, etwa als Zeitleiste, Tabelle oder Formular.
Laut LEO-Studie 2018 der Universität Hamburg können in Deutschland 6,2 Millionen Erwachsene nur eingeschränkt lesen und schreiben.[4] Für sie ist ein reines Prompt-Feld eine Hürde. Seit dem 28. Juni 2025 verlangt zudem das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz von vielen Onlineshops und digitalen Diensten barrierefreie Websites.[5]
Luke Wroblewski stellte Anfang Oktober ebenfalls Alternativen zum Chat-Verlauf vor. Für die eigene Planung heißt das: Jeder KI-Schritt braucht eine sichtbare Rückgängig-Funktion, und Statusangaben gehören an das betroffene Objekt statt in den Gesprächsverlauf.
Quellen
[1] Amelia Wattenberger: „Chat is AI’s command line“
[2] Nielsen Norman Group: „AI: First New UI Paradigm in 60 Years“
[3] Ben Shneiderman: „Direct Manipulation: A Step Beyond Programming Languages“
[4] Universität Hamburg: „LEO-Studie 2018: Leben mit geringer Literalität“
[5] Bundesministerium der Justiz: „Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG)“
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