Chinas größter Anbieter für BIM-Software verzichtet zunehmend auf Werkzeuge von Autodesk und Bentley und baut die Grundlage selbst. Glodon hat seine heimische Entwurfsplattform Shuwei jetzt auf die Planung von Straßen, Brücken und Bahntrassen erweitert und einen KI-Assistenten fest eingebaut.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Für Planungsbüros und Bauverwaltungen in Europa ist das mehr als eine Randnotiz aus Shenzhen. Der Fall zeigt, wie schnell ein abgeschotteter Heimatmarkt eine eigene Alternative zur teuren westlichen Entwurfssoftware hervorbringt, während Deutschland BIM gerade erst zur Pflicht macht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Glodon zieht seine heimische 3D-Plattform Shuwei in die Infrastruktur und rüstet sie mit einem KI-Assistenten aus, der Entwürfe generiert und Baunormen prüft.
  • Ziel ist die Unabhängigkeit vom US-Marktführer Autodesk, von Bentley und vom Münchner Anbieter Nemetschek.
  • Im ersten Halbjahr 2026 sank Glodons Umsatz auf 356 Mio. Euro, der Gewinn stieg trotzdem um 23,65 % auf 30,3 Mio. Euro.
  • Deutschland macht BIM parallel zur Pflicht: für die Bundesfernstraßen ab 2026, für alle Bundesbauten stufenweise bis 2027.

Was steckt hinter Glodons Plattform Shuwei?

Hände platzieren einen Winkelstein mit Aufschrift „Eigenbau“ auf eine Betonplatte
Glodon entwickelt mit Shuwei eigenständige 3D-BIM-Plattform ohne fremden Kernel. Über 1.000 Büros und 4.000 Hochbauprojekte nutzen sie, KI-Assistent für Architektur und Statik folgt

Eigener Grafikkern: Glodon, an der Börse Shenzhen unter der Nummer 002410 notiert, hat mit Shuwei eine selbst entwickelte 3D-Grafik- und BIM-Plattform gebaut, die ohne ausländischen Geometrie-Kernel auskommt. Für den Hochbau nennt der Konzern bereits mehr als 1.000 Planungsbüros und über 4.000 Projekte auf der Plattform,[1] jetzt folgt die Infrastruktur. Ein KI-Assistent ist in Architektur, Statik und Gebäudetechnik eingebunden, schlägt in Sekunden mehrere Entwurfsvarianten vor und beantwortet Fragen zu Baunormen direkt im Modell.

Entwurf trifft Kosten: Der eigentliche Hebel liegt in der durchgehenden Datenkette. Ein einmal gebautes Modell geht ohne erneutes Modellieren direkt in die Kostenermittlung, sodass sich die Wirtschaftlichkeit eines Entwurfs in Echtzeit ablesen lässt. Ähnlich wie beim Chipdesign, wo Software von Cadence längst den Entwurf steuert, verschiebt sich die Wertschöpfung von der reinen Zeichnung zur datengetriebenen Planung.

Warum wächst der Gewinn, während der Umsatz fällt?

Marge statt Masse: Der Abschwung in Chinas Bauwirtschaft drückt Glodons klassisches Geschäft mit Kalkulationssoftware. Laut dem Halbjahresbericht 2026 sank der Umsatz um 5,23 % auf umgerechnet 356 Mio. Euro. Der Gewinn stieg trotzdem um 23,65 % auf 30,3 Mio. Euro (Kurs 0,128 Euro je Yuan, Stand 19. August 2026). Möglich macht das eine Bruttomarge von fast 88 %, die der Konzern durch den Verzicht auf margenschwache Produkte weiter angehoben hat.

Geschützte Nachfrage: Hinter dem Umbau steckt mehr als ein Sparprogramm. Chinas Politik der digitalen Eigenkontrolle verpflichtet Behörden und Staatsbetriebe zunehmend auf heimische Software und sichert Glodon damit eine Nachfrage, die keine US-Exportkontrolle kappen kann. Dasselbe Muster treibt bereits Chinas Bürowelt, wo WPS von Kingsoft Microsoft 365 verdrängt. Wang Qi, bei Glodon für die Designsparte zuständig, formuliert das Ziel so: „Wir beschleunigen die Verbreitung heimischer BIM- und Entwurfswerkzeuge und bringen ihre Kontrolle in eigene Hand.“

Glodon liefert keine chinesische Autodesk-Kopie, sondern einen eigenen Grafikkern, der sich per Exportkontrolle nicht mehr sperren lässt. Europa schreibt BIM verbindlich vor und überlässt die Basissoftware trotzdem drei Anbietern aus den USA und Deutschland.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Glodon gegen die Bausoftware-Riesen
Wie Chinas heimische BIM-Plattform wächst, während Europa BIM zur Pflicht macht.
356 Mio. €
Glodons Halbjahresumsatz 2026, ein Rückgang um 5,23 % gegenüber dem Vorjahr
+23,65 %
Gewinnsprung trotz sinkendem Umsatz, auf 30,3 Mio. Euro
4.000+
Projekte auf der heimischen Plattform Shuwei, dazu über 1.000 Planungsbüros
2027
bis dahin ist BIM für alle deutschen Bundesbauten Pflicht, für Fernstraßen bereits ab 2026

Was heißt das für den Bau-Standort Europa?

Souveränität im Bau: Europa führt die Debatte um digitale Souveränität bei Cloud und KI, kaum bei der Entwurfssoftware. Dabei hängt der Kontinent bei BIM an wenigen Anbietern: dem US-Marktführer Autodesk mit Revit, dem ebenfalls amerikanischen Bentley und dem Münchner Konzern Nemetschek, der zuletzt für 2,1 Mrd. Euro den US-Spezialisten HCSS übernahm. Einen heimischen Grafikkern nach chinesischem Vorbild besitzt die EU nicht. Um eigene Fertigung ringt der Kontinent ohnehin schon bei Displays und Chips.

Pflicht ohne Alternative: Der Zeitpunkt verschärft die Lage. Seit 2026 gilt BIM im deutschen Bundesfernstraßenbau als Regelprozess, für alle Bundesbauten greift die Pflicht stufenweise bis 2027.[2] Öffentliche Bauherren kommen an der Methode nicht mehr vorbei, wählen die Software dafür aber aus einem sehr kleinen Kreis. Entscheider sollten ihre BIM-Strategie deshalb nicht an einen einzigen Anbieter binden und offene Austauschformate wie IFC verbindlich einfordern. Den Aufstieg günstiger Alternativen aus Asien planen Einkäufer besser früh ein, denn was heute Chinas Baubehörden bedient, steht morgen in Europas Ausschreibungen.

FAQ: Chinas eigene BIM-Software von Glodon

Was ist BIM-Software?

BIM-Software (Building Information Modeling) erstellt ein digitales 3D-Modell eines Bauwerks, das Geometrie, Kosten, Termine und Materialien miteinander verknüpft. Marktführer sind Autodesk mit Revit, das US-Unternehmen Bentley sowie der Münchner Anbieter Nemetschek. In China baut Glodon mit Shuwei eine heimische Alternative.

Ist Glodon eine Alternative zu Autodesk und Nemetschek?

Technisch zielt Glodons Plattform Shuwei genau auf diese Rolle: ein eigener 3D-Grafikkern für den Hochbau und seit 2026 auch für die Infrastruktur, ergänzt um einen KI-Assistenten. In Europa ist Shuwei bisher nicht verfügbar, in China ersetzt die Plattform zunehmend die westliche Entwurfssoftware.

Ab wann ist BIM für öffentliche Bauten in Deutschland Pflicht?

Im deutschen Bundesfernstraßenbau ist BIM seit 2026 als Regelprozess vorgesehen. Für alle Bundesbauten führt der Masterplan BIM die Methode stufenweise bis 2027 verpflichtend ein, für große Projekte über 50 Mio. Euro greift die Pflicht schon seit 2023.

Wie verändert KI die Planung im Bauwesen?

KI-Assistenten in der BIM-Software erzeugen aus wenigen Vorgaben mehrere Entwurfsvarianten, prüfen Baunormen automatisch und verknüpfen den Entwurf direkt mit der Kostenrechnung. So verschiebt sich die Arbeit von der reinen Zeichnung hin zur Auswahl und Prüfung der Vorschläge.

Quellen

[1] Glodon: „AI × BIM 2.0: die Shuwei-Designplattform“

[2] Bundesministerium für Verkehr: „Masterplan BIM für den Bundesfernstraßenbau“

Mehr Newshunger?

4,4 10 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?