Airbus baut die nächste OneWeb-Generation nicht mehr in Florida, sondern in Toulouse. Das automatisierte Werk auf Merritt Island, das über 600 Satelliten gebaut hat, könnte den Besitzer wechseln. Hinter dem Rückzug steckt eine größere Wette: der europäische Satelliten-Champion mit Thales und Leonardo.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAirbus ordnet sein Satellitengeschäft neu und rückt die Fertigung näher an Europa. Die nächste Generation der OneWeb-Breitbandsatelliten entsteht künftig am Konzernsitz Toulouse; für das US-Werk in Florida prüft der Konzern einen Verkauf. Der Schritt fällt mitten in die Gründung eines europäischen Satellitenkonzerns mit Thales und Leonardo.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Airbus verlagert die Fertigung der nächsten OneWeb-Satellitengeneration von Merritt Island in Florida nach Toulouse.
- Das automatisierte US-Werk hat über 600 Satelliten der ersten OneWeb-Generation gebaut; nun prüft Airbus dessen Verkauf.
- Parallel formt Airbus mit Thales und Leonardo unter dem Projektnamen Bromo einen europäischen Satellitenkonzern mit rund 6,5 Milliarden Euro Umsatz und etwa 25.000 Beschäftigten.
- Airbus soll 35 Prozent halten, Thales und Leonardo je 32,5 Prozent; die EU-Kartellfreigabe steht 2026 an, der Betriebsstart 2027.
Warum verlagert Airbus die Fertigung nach Toulouse?

Merritt Island war für die Massenfertigung gebaut: Auf rund 9.750 Quadratmetern schoben fahrerlose Transporter die Bauteile durch die Halle, bis zu zwei Kleinsatelliten liefen pro Tag vom Band. Über 600 Satelliten der ersten OneWeb-Generation entstanden hier. Diesen Takt braucht Airbus dort nicht mehr: Kommerzielle Megakonstellationen wie SpaceX Starlink und ein verändertes Beschaffungsverhalten der Regierungen drücken die Nachfrage, zugleich verlangt Europa eigene Fertigungskapazitäten.
Der Rückzug passt zu einem größeren Muster. Erst im Sommer holte Airbus 70 Anwendungen aus der Amazon-Cloud zurück und wechselte zu einem französischen Anbieter. Bei den Satelliten steht mehr auf dem Spiel als Kosten: Europas eigene Konstellation IRIS² soll die Abhängigkeit von US-Netzen verringern; das Netz baut allerdings ein belgisches Start-up, nicht Airbus.
Was steckt hinter dem Projekt Bromo?
Der Zusammenschluss läuft seit Oktober 2025 unter dem Projektnamen Bromo. Airbus bringt die Sparten Space Systems und Space Digital ein, Thales und Leonardo ihre Gemeinschaftsfirmen Thales Alenia Space und Telespazio. Gemeinsam brächten die drei Konzerne rund 25.000 Beschäftigte und etwa 6,5 Milliarden Euro Umsatz in eine neue Gesellschaft mit Sitz in Toulouse ein.[1] Airbus soll 35 Prozent halten, Thales und Leonardo je 32,5 Prozent.
Das Kalkül ist Größe. Die geostationären Kommunikationssatelliten, das klassische Geschäft der drei Konzerne, verlieren gegen die erdnahen Netze von Starlink an Boden; die Sparten schreiben rote Zahlen. Nur gebündelt entsteht genug Masse, um dagegenzuhalten. Das Vorbild liefert die eigene Branche: Bei Lenkflugkörpern hat sich Europa längst zu MBDA zusammengeschlossen, bei Trägerraketen zu ArianeGroup. Dass Europa parallel Kapazitäten aufbaut, zeigt Deutschlands wohl größte neue Satellitenfabrik in Neuss.
Airbus verlagert nicht einfach eine Fabrik, der Konzern räumt sein US-Standbein und wettet auf einen europäischen Satellitenriesen. Ob Bromo gegen Starlink besteht, entscheidet nicht die Zahl der Werke, sondern die Frage, ob Brüssel den Zusammenschluss überhaupt durchwinkt.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet der Umbau für Europas Digitalsouveränität?
In Brüssel liegt die Entscheidung. Die EU-Kommission muss den Zusammenschluss kartellrechtlich freigeben, und der Widerstand ist da: Die deutsche OHB aus Bremen fürchtet, aus der Lieferkette gedrängt zu werden, und pocht auf fairen Zugang zu Aufträgen. Für Europas Anspruch auf eine souveräne Cloud- und Kommunikationsinfrastruktur ist der Fall ein Testlauf.
Für Entscheider zählt weniger die Aktionärsstruktur als die Kontrolle über Europas Datenautobahnen im Orbit. Je mehr Kommunikation, Navigation und Aufklärung über wenige Netze laufen, desto größer wird das Gewicht des Betreibers. Bündelt Europa seine Kräfte in Toulouse, wächst die Chance auf eine echte Alternative zu Starlink; bleibt Bromo im Kartellverfahren stecken, fällt der Kontinent im Orbit weiter zurück.
Quelle
[1] Airbus: „Airbus, Leonardo and Thales sign Memorandum of Understanding to create a leading European player in space“
Mehr Newshunger?
- 264 von 348 Satelliten: Ein Start-up baut Europas IRIS²-Netz, nicht Airbus
- Vom Autozulieferer zur Satellitenfabrik: In Neuss entsteht Deutschlands wohl größte Satellitenfertigung
- SpaceX beantragt 100.000 weitere Starlink-Satelliten für das KI-Zeitalter
- Wo Starlink draußen bleibt: Amazon startet Satelliten-Internet in Südafrika
- Thales + Google: Souveräne Cloud für Deutschland startet