Der Sensorkonzern Hensoldt fährt in Aalen eine neue Fertigung für Luftverteidigungsradare hoch, ausgerechnet auf dem Areal einer früheren Miederwarenfabrik. Mit 9,8 Milliarden Euro hat der Auftragsbestand einen Rekord erreicht, doch die Produktion kommt kaum hinterher. Für die deutsche Industrie verschiebt sich damit leise, aber spürbar, wo die Fachkräfte künftig arbeiten.

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Hensoldt hat allein im ersten Quartal 2026 einen Auftragseingang von 1,48 Milliarden Euro verbucht, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Das Book-to-Bill-Verhältnis von 3,0 bedeutet im Klartext: Auf jeden Euro Umsatz kommen drei Euro an neuen Bestellungen. Nicht die Nachfrage bremst den Konzern, sondern die Frage, wo diese Radare überhaupt gebaut werden sollen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Auftragsbestand liegt bei einem Rekord von 9,8 Milliarden Euro, ein Plus von 41 Prozent im ersten Quartal 2026.
  • Auf dem Triumph-Areal in Aalen entsteht eine neue Optronics-Fertigung mit mehreren hundert Stellen.
  • Bis 2027 will Hensoldt rund 1.000 Radarsysteme pro Jahr für Luftverteidigung und Drohnenabwehr bauen.
  • Fachkräfte wandern von der schrumpfenden Auto- und Chemieindustrie in die Rüstungsproduktion.

Warum kommt Hensoldt mit dem Bauen nicht hinterher?

Textilausstellerpuppe mit Satellitenschale, orangefarbenes Fähnchen „WLAN“ und Schild „Radar statt Mieder, 2026“
Hensoldt kann europäische Rüstungsnachfrage nicht bewältigen: Auftragsbestand Q1 2026 um 41% auf 9,8 Mrd. Euro gestiegen, Umsatz nur um 25% auf 496 Mio. Euro

Die Nachfrage aus dem europäischen Rüstungssektor wächst schneller, als Hensoldt fertigen kann. Der Auftragsbestand ist im ersten Quartal 2026 um 41 Prozent auf 9,8 Milliarden Euro geklettert, der Umsatz dagegen nur um ein Viertel auf 496 Millionen Euro.

Den Ausschlag geben Aufträge für die Radare des Eurofighter sowie die Optronik der Schützenpanzer Puma und Schakal. Das Book-to-Bill-Verhältnis von 3,0 zeigt, dass die Bestellungen dreimal so schnell hereinkommen, wie der Konzern liefern kann. Der Engpass sitzt also nicht im Markt, sondern in den Werkshallen.

Dieselbe Dynamik treibt gerade eine ganze Kohorte deutscher Konzerne um. Der Motorenbauer Deutz ist mit dem Kauf des Panzerbauers FFG zum Rüstungskonzern geworden, Rheinmetall verdient sein Geld inzwischen auch mit digitalem Gefechtstraining für fremde Armeen. Den Rückenwind liefern milliardenschwere Wehretats, die der Bund seit 2025 weitgehend von der Schuldenbremse ausgenommen hat.

Hensoldts Engpass steht längst nicht mehr in den Auftragsbüchern, er steht in den Werkshallen. Dort entscheidet sich, ob aus dem Rüstungsboom echte Wertschöpfung wird oder bloß eine wachsende Warteliste.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Warum wird aus einer Wäschefabrik eine Radarfertigung?

Auf dem früheren Triumph-Areal in Aalen richtet Hensoldt zusätzliche Flächen für seine Optronics-Sparte ein und schafft dort mehrere hundert Arbeitsplätze. In den bestehenden Hallen sollen künftig optische und optoelektronische Baugruppen montiert werden.

Jahrzehntelang sind auf dem Gelände Miederwaren der Marke Triumph vom Band gelaufen, jetzt zieht dort die Optronik ein: hochpräzise Ziel- und Aufklärungssysteme, wie sie im Kampfpanzer Leopard 2 oder im Hubschrauber Tiger stecken. Über den Projektentwickler Ten Brinke sichert sich der Konzern Entwicklungs-, Montage- und Instandhaltungskapazität an einem Standort, den die Stadt als Photonic Valley vermarktet.[1]

„Das Triumph-Areal in Aalen bietet sehr gute Voraussetzungen für unsere Kapazitätserweiterung“, sagt Christina Canitz, Leiterin der Optronics-Division. Bis 2027 will Hensoldt rund 1.000 Radarsysteme pro Jahr für Luftverteidigung und Drohnenabwehr fertigen. Auch andernorts entstehen dafür neue Werke, etwa Heidelbergs Fabrik für autonome Drohnenabwehr.

Hensoldt: Auftragsboom trifft Fertigungsgrenze

Kennzahlen zum ersten Quartal 2026 und zur Erweiterung in Aalen

9,8 Mrd. €
Auftragsbestand, Rekord und plus 41 % im Q1 2026
1,48 Mrd. €
Auftragseingang im Quartal, mehr als verdoppelt
+25 %
Umsatz auf 496 Mio. € gestiegen
1.000
Radarsysteme pro Jahr bis 2027 geplant
Hunderte
neue Stellen auf dem Triumph-Areal in Aalen

Was bedeutet der Rüstungsboom für den Arbeitsmarkt?

Während Volkswagen, Bosch und ZF zehntausende Stellen streichen, sucht die Rüstungsindustrie händeringend Fachkräfte. Die Nachfrage nach Ingenieuren und Metallfacharbeitern verschiebt sich von der zivilen zur militärischen Produktion.

Für Zulieferer aus Optik, Elektronik und Feinmechanik öffnet sich damit ein Markt, in dem die Nachfrage das Angebot klar übersteigt. Rund um das Aalener Photonic Valley wächst eine Lieferkette, in der regionale Betriebe Aufträge und Personal zugleich anziehen. Wie stark die Verteidigung inzwischen die Industriepolitik prägt, zeigt auch Europas kreditfinanzierter Drohnen-Boom.

Zulieferbetriebe, die jetzt Fachkräfte halten oder gezielt umschulen, sichern sich einen Vorsprung, bevor die großen Konzerne den regionalen Arbeitsmarkt leerräumen. Ein Blick auf die eigene Personalplanung lohnt überall dort, wo in Reichweite ein neues Rüstungswerk hochfährt und Löhne wie Wettbewerb um Ingenieure anziehen.

Quelle

[1] Hensoldt: „HENSOLDT konkretisiert Expansionspläne in Aalen“

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