Der Online-Modehändler Zalando lässt eine KI namens „Chief Skeptic“ jede Pressemitteilung und jedes Interview-Briefing auf Schwachstellen abklopfen, bevor das Team sie freigibt. Der Bot schlüpft dafür in vier Rollen: Journalist, Aktivist, Gewerkschaftsmitglied oder politischer Entscheidungsträger. Für Kommunikationsteams zeigt der Fall, wie aus einem simplen Rollenspiel-Prompt ein ernsthaftes Prüfwerkzeug wird.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenIn der Kommunikationsabteilung von Zalando liest seit Kurzem eine KI jeden Entwurf gegen, bevor das Team ihn nach außen gibt. Der interne Bot mit dem Namen Chief Skeptic sucht gezielt die wunden Punkte in Pressemitteilungen, Interview-Briefings und LinkedIn-Posts. In der ersten Version fiel die Kritik so gnadenlos aus, dass die Redaktion den Bot erst entschärfen musste.
Das Wichtigste in Kürze
- Zalando setzt in der Kommunikation eine KI namens „Chief Skeptic“ ein, die Entwürfe aus vier kritischen Perspektiven prüft.
- Der Bot arbeitet in drei Schritten: einem ersten Eindruck, einem Aussagen- und Faktencheck und einer Liste mit zehn möglichen Nachfragen.
- Eine zweite Anwendung, die Presseanfragenbibliothek, durchsucht Jahre alte Anfragen und Antworten aus allen Ländern, in denen Zalando aktiv ist.
- Freigabe und Endredaktion bleiben beim Menschen, was zugleich die Aufsichtslogik des EU AI Act bedient.
Wie prüft der Chief Skeptic einen Pressetext?

Der Chief Skeptic prüft jeden Entwurf in drei Schritten aus einer zuvor gewählten Gegnerrolle heraus. Vor dem Start legt der Nutzer fest, wer kritisch auf den Text schauen soll. Die KI stellt dann vertiefende Kontextfragen zur Situation.
Im ersten Schritt beschreibt die KI das mentale Modell der gewählten Rolle: den ersten Eindruck und die Reizpunkte des Textes. Danach folgt ein Aussagen- und Faktencheck, der ungedeckte Behauptungen und fehlende Datengrundlagen markiert.
Am Ende erzeugt der Bot eine Liste mit zehn Nachfragen, die sich mit dem vorliegenden Text gerade nicht beantworten lassen. Nathalie Kempf, Team Lead in der Zalando-Kommunikation, nennt genau diese Zehn-Fragen-Liste den hilfreichsten Teil.[1]
Zalando legt einer KI freiwillig die eigene Kommunikation zum Zerpflücken vor. Dieser Mut zur schonungslosen Selbstprüfung trennt gelebte KI-Reife vom bloßen Pilotprojekt.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bringt die Presseanfragenbibliothek?
Die zweite KI-Anwendung, die Presseanfragenbibliothek, spart vor allem Zeit, statt die Qualität zu sichern. Zalando sammelt darin sämtliche Presseanfragen der vergangenen Jahre aus allen Ländern, in denen der Konzern aktiv ist. Dazu zählen die E-Mails der Journalisten und die früheren Antworten der Pressesprecher ebenso wie Firmenpräsentationen und Jahresberichte.
Zalando steht mit diesem Ansatz nicht allein. Immer mehr deutsche Konzerne holen KI in den Arbeitsalltag, vom Chatbot, der das interne Handbuch ersetzt, bis zur eigenen Mitarbeiter-KI.
Dass Unternehmen dafür eigene Datenbanken für ihre KI-Agenten aufsetzen und das Modell-Rennen zunehmend zum Datenrennen erklären, zeigt, wie tief die Technik in die Betriebsabläufe wandert.
Vier Rollen, aus denen die KI kritisiert
Drei Schritte pro Prüfung
Was bedeutet das für Kommunikationsteams im DACH-Raum?
Der Fall Zalando liefert deutschen Kommunikationsteams eine Blaupause und zugleich eine klare Pflicht zur menschlichen Kontrolle. Freigabe und Endredaktion bleiben laut Kempf ausdrücklich beim Team, kein Entwurf geht ungelesen nach außen.[1]
Genau diese menschliche Aufsicht verlangt auch der EU AI Act, dessen Prinzip der Human Oversight sich gegen den Automation Bias richtet, also das blinde Vertrauen in Maschinenausgaben. Seit dem 2. Februar 2025 gilt zudem die Pflicht zur KI-Kompetenz nach Artikel 4, die Beschäftigte im Umgang mit solchen Werkzeugen schulen soll.
Für die Praxis heißt das: Ein Kritik-Bot senkt die Hürde, heikle Aussagen vorab zu testen, ersetzt aber weder die Faktenprüfung noch die Haftung. Ein eigenes internes Werkzeug braucht dokumentierte Prompts und einen Menschen in der Endabnahme; ebenso gehört geklärt, welche Daten überhaupt hineinfließen.
FAQ: Chief Skeptic bei Zalando
Was ist der Chief Skeptic von Zalando?
Der Chief Skeptic ist eine interne KI-Anwendung von Zalando, die Entwürfe für Pressemitteilungen, Interview-Briefings und Social-Media-Posts aus einer kritischen Gegnerrolle prüft. Die KI übernimmt dabei wahlweise die Sicht eines Journalisten, Aktivisten, Gewerkschafters oder politischen Entscheidungsträgers.
Welche Rollen kann die Kritik-KI einnehmen?
Die KI kann vier Rollen einnehmen: Journalist, Aktivist, Gewerkschaftsmitglied und politischer Entscheidungsträger. Vor der Prüfung wählt der Nutzer eine dieser Perspektiven aus und beantwortet Kontextfragen zur konkreten Situation, damit die Kritik zum Anlass passt.
Ersetzt die KI die Pressestelle von Zalando?
Nein. Freigabe und Endredaktion bleiben beim Kommunikationsteam. Die KI liefert nur Kritik, Faktenhinweise und mögliche Nachfragen; verschickt oder veröffentlicht wird kein Text, ohne dass ein Mensch ihn gegengelesen und die Fakten geprüft hat.
Dürfen Unternehmen KI für ihre Kommunikation einsetzen?
Ja, sofern sie die Vorgaben des EU AI Act beachten. Dazu zählen die menschliche Aufsicht über KI-Ausgaben und seit dem 2. Februar 2025 die Pflicht zur KI-Kompetenz nach Artikel 4, also die Schulung der Beschäftigten im Umgang mit solchen Werkzeugen.
Quelle
[1] Table.Briefings: „Chief Skeptic: Bei Zalando stellt KI die Arbeit der Kommunikationsabteilung auf die Probe“
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