Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat am 27. Mai 2026 sein Frühjahrsgutachten in Berlin vorgestellt. Die Botschaft fällt nüchtern aus: Die Wachstumsprognose für 2026 wird halbiert, die Sozialbeiträge laufen mittelfristig auf rund 50 Prozent zu. Für Entscheider in Mittelstand und Industrie sind die Zahlen ein Weckruf, weil sie Arbeitskosten, Investitionsklima und Lohnpolitik in den kommenden Jahren prägen werden.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenWachstumsprognose halbiert auf 0,5 Prozent

Die fünf Wirtschaftsweisen rechnen für 2026 nur noch mit einem Plus des Bruttoinlandsprodukts von 0,5 Prozent. Im Herbst war der Sachverständigenrat noch von 0,9 Prozent ausgegangen. Damit liegt die Prognose auf dem Niveau, das die Bundesregierung bereits einen Monat zuvor verkündet hat. Für 2027 erwartet der Sachverständigenrat 0,8 Prozent Wachstum, getragen vor allem vom schuldenfinanzierten Sondervermögen für Infrastruktur.
Die Inflationsrate dürfte 2026 bei durchschnittlich 3,0 Prozent liegen, 2027 bei 2,8 Prozent. Im April 2026 hatte die Inflation laut Statistischem Bundesamt mit 2,9 Prozent bereits den höchsten Stand seit Januar 2024 erreicht. Treiber waren stark gestiegene Energiepreise.
Risikoszenario Iran-Krieg

Der Sachverständigenrat hat parallel ein Risikoszenario ausgearbeitet. Angenommen wird ein Rohölpreis von 120 US-Dollar je Barrel ab Mai, gehalten bis Oktober, mit Rückgang unter 100 US-Dollar im zweiten Quartal 2027. In diesem Szenario würde das BIP 2026 nur um 0,2 Prozent und 2027 um 0,5 Prozent steigen. Die Inflation würde auf 3,5 Prozent klettern.
Der Iran-Krieg bremst bereits jetzt den Schiffsverkehr in wichtigen Ölhandelsstraßen und treibt die Energiepreise. Die Ungewissheit über Dauer und Eskalationsgrad stellt nach Einschätzung des Sachverständigenrats ein erhebliches Risiko für die Prognose dar.
Sozialbeiträge laufen auf 50 Prozent zu

Der eigentliche Sprengstoff im Gutachten liegt in der Langfristprojektion der Sozialversicherungsbeiträge. Der Gesamtbeitragssatz liegt aktuell bei 42,3 Prozent. Ohne Reformen rechnet der Sachverständigenrat mit folgendem Pfad:
- 2030: 45,4 Prozent
- 2040: knapp 50 Prozent
Treiber ist die demografische Alterung. Immer mehr Leistungsempfängern stehen immer weniger Beitragszahler gegenüber. Höhere Beiträge verringern das verfügbare Einkommen und erhöhen die Arbeitskosten, was das Wirtschaftswachstum bremst. Ein Beitragssatz nahe 50 Prozent würde Deutschland im internationalen Vergleich an die Spitze der Arbeitskostenbelastung katapultieren.
Was der Sachverständigenrat als Reform vorschlägt

Zur Stabilisierung der Beitragssätze hat der Sachverständigenrat mehrere Hebel benannt. Im Zentrum steht die Prüfung einer Einbeziehung von Beamten in die gesetzliche Krankenversicherung. Damit würde die Finanzierungsbasis verbreitert. Weitere Vorschläge betreffen die Bemessungsgrundlage und die Beitragspflicht. Konkrete Gesetzesentwürfe liegen bislang nicht vor.
Kritisiert hat der Sachverständigenrat zudem, dass Mittel aus dem schuldenfinanzierten Sondervermögen nicht schnell genug fließen und teilweise zur Haushaltslückenfüllung verwendet werden, statt die Modernisierung der Infrastruktur voranzutreiben.
Wer als Unternehmer die Arbeitskosten 2030 plant, sollte den Pfad zu 45 Prozent Sozialbeiträgen heute schon einpreisen. Die politische Reformbereitschaft ist überschaubar“, so Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was Entscheider mitnehmen

Drei Konsequenzen sind für Mittelstand und Industrie konkret zu ziehen. Erstens: Mittelfristige Personalkostenplanung muss den Beitragssatz-Pfad bis 2030 berücksichtigen. Zweitens: Standortentscheidungen gewinnen geopolitisches Gewicht, weil der Iran-Krieg ein realer Belastungsfaktor bleibt. Drittens: Investitionsentscheidungen rund ums Sondervermögen Infrastruktur müssen die schleppende Mittelvergabe als Risiko mitkalkulieren.
Der Sachverständigenrat veröffentlicht im Herbst sein nächstes Jahresgutachten. Dann wird sich zeigen, ob die Reformbereitschaft der Bundesregierung bei den Sozialbeiträgen über Lippenbekenntnisse hinausgeht.