Mercedes rückt vom reinen Touchscreen ab: Konzernchef Ola Källenius nennt den Verzicht auf physische Tasten im Cockpit einen Fehler und bringt Knöpfe und Drehregler zurück. Der Kurswechsel trifft auf eine harte Zahl aus der Unfallforschung und auf eine neue Euro-NCAP-Regel, die ab 2026 echte Tasten für fünf Grundfunktionen verlangt. Für Fahrer und für alle, die Bedienoberflächen gestalten, steckt darin dieselbe Lehre über Ablenkung und Blindbedienung.

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Die Debatte um den Mercedes Touchscreen ist damit kein Design-Geplänkel mehr, sondern eine Frage der Sicherheit und der Haftung. Källenius sagte dem britischen Magazin Autocar, die Branche habe Technik um der Technik willen gebaut und dabei den Kunden aus dem Blick verloren.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Mercedes-Chef Ola Källenius räumt ein, dass die Autobranche mit dem Wegfall physischer Tasten „ein kleines Stück zu weit gegangen“ ist, und führt die wichtigsten Knöpfe wieder ein.
  • Die großen Displays bleiben: Der neue CLA bekommt einen echten Lautstärkeregler am Lenkrad statt des kritisierten Touch-Sliders.
  • Euro NCAP verlangt ab Januar 2026 physische Bedienelemente für fünf Grundfunktionen, sonst fällt die Fünf-Sterne-Wertung weg.
  • Zwei Sekunden Blick weg von der Straße verdoppeln laut Unfallforschung das Risiko eines Zusammenstoßes.

Warum nennt Mercedes den Touchscreen-Kult einen Fehler?

Aluminium-Drehknopf mit Zettel „Wieder da“ auf schwarzer Glasplatte vor weißem Hintergrund
Mercedes führt bei neuen Modellen wie dem CLA physische Bedienelemente wie Lautstärkeregler am Lenkrad zurück statt Touchscreen-Funktionen

Kehrtwende nach Jahren der Glasflächen. Källenius sagte Autocar, man sei sich manchmal selbst vorausgeeilt und habe Technik um der Technik willen gebaut. „Von jetzt an werden Sie sehen, dass wir die sinnvollsten Tasten wieder einführen“, kündigte der Vorstandschef an. Den ersten Schritt hat Mercedes schon gemacht: Der neue CLA trägt am Lenkrad wieder einen echten Lautstärkeregler statt der berührungsempfindlichen Wippe, die viele Fahrer als fummelig empfanden. Der Umbau reiht sich in Mercedes‘ laufende digitale Neuordnung ein.

Displays bleiben trotzdem. Auf die Frage nach dem „Bildschirm-Höhepunkt“ antwortete Källenius, den Gipfel bei den Screens sehe er noch nicht, wohl aber den Tiefpunkt bei den Tasten. Hyperscreen und die großen Mitteldisplays verschwinden also nicht, sie bekommen nur wieder haptische Nachbarn für die Griffe, die im Fahren zählen.

Was macht die Blindbedienung im Auto so wichtig?

Blindbedienung entscheidet über Sekunden. Ein physischer Knopf lässt sich ertasten, ohne den Blick von der Straße zu nehmen; eine glatte Glasfläche zwingt das Auge auf das Display. Genau hier liegt der Unterschied, den die Unfallforschung beziffert: Schon zwei Sekunden abgewendeter Blick verdoppeln das Risiko eines Zusammenstoßes.[2] Den Warnblinker oder den Regler ertasten Fahrer im Idealfall, statt ihn zu suchen.

Euro NCAP zieht daraus die Konsequenz. Ab Januar 2026 vergibt die Prüforganisation die volle Fünf-Sterne-Wertung nur noch an Autos, die Blinker, Warnblinker, Hupe, Scheibenwischer und Notruf über echte Tasten oder Hebel steuern.[2] Mercedes steht mit der Rolle rückwärts nicht allein: Auch Volkswagen, Hyundai und Porsche, das seinen digitalen Kurs gerade korrigiert, wollen wieder mehr Knöpfe verbauen.

Warum die Tasten ins Cockpit zurückkehren
Mercedes und die Euro-NCAP-Regel ab 2026
5 Funktionen
brauchen ab 2026 echte Tasten: Blinker, Warnblinker, Hupe, Scheibenwischer und Notruf
2 Sekunden
Blick weg von der Straße verdoppeln laut Unfallforschung das Unfallrisiko
Januar 2026
Ab dann verlangt Euro NCAP physische Bedienelemente für die Fünf-Sterne-Wertung
Displays bleiben
Hyperscreen und Mitteldisplays bleiben, zurück kommen haptische Regler am Lenkrad

Der Touchscreen war nie das Problem, sondern die Idee, jede Funktion hinter Glas zu verstecken. Drei Handgriffe müssen blind sitzen, im Auto wie in jeder Software, sonst bezahlt der Nutzer die schicke Oberfläche mit seiner Aufmerksamkeit.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Was bedeutet die Touchscreen-Kehrtwende für Ihre eigene Bedienoberfläche?

Affordanz heißt das Prinzip dahinter. Ein Knopf zeigt mit seiner Form, dass man ihn drücken kann, und meldet per Widerstand den Erfolg zurück; ein Icon auf Glas kann beides nur behaupten. Die Lehre gilt weit über das Cockpit hinaus, für jede App und jede Website: Kernfunktionen gehören dorthin, wo die Hand sie ohne Suchen findet. Wie stark gute Bedienbarkeit an Wahrnehmung und Gewohnheit hängt, zeigt die Psychologie hinter gutem Design.

Prüfen Sie Ihre eigenen Oberflächen gerne mit derselben Frage: Erreicht der Nutzer die drei wichtigsten Aktionen, ohne hinzusehen? Sicherheitskritische Funktionen gehören nicht in ein verschachteltes Menü, wichtige Schaltflächen brauchen Fläche und einen klaren Zustand. Genau das prüft am Ende jede ehrliche Usability-Analyse. Die gute Nachricht aus Stuttgart lautet: Ein Rückschritt bei der Mode kann ein Fortschritt bei der Bedienung sein.

FAQ: Mercedes und die Touchscreen-Kehrtwende

Warum bringt Mercedes wieder physische Tasten ins Cockpit?

Mercedes-Chef Ola Källenius hat eingeräumt, dass die Autobranche mit reinen Touchscreens zu weit gegangen ist und den Kunden aus dem Blick verloren hat. Physische Tasten lassen sich ertasten, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Deshalb führt Mercedes die sinnvollsten Knöpfe und Drehregler wieder ein.

Verschwinden bei Mercedes jetzt die großen Bildschirme?

Nein. Källenius sieht den Höhepunkt bei den Bildschirmen noch nicht erreicht. Der Hyperscreen und die großen Mitteldisplays bleiben also im Cockpit. Zurück kommen lediglich haptische Bedienelemente für die wichtigsten Funktionen, etwa ein echter Lautstärkeregler am Lenkrad des neuen CLA.

Welche Bedienelemente verlangt Euro NCAP ab 2026?

Ab Januar 2026 gibt Euro NCAP die volle Fünf-Sterne-Wertung nur noch an Autos, die fünf Grundfunktionen über echte Tasten oder Hebel steuern: Blinker, Warnblinker, Hupe, Scheibenwischer und den Notruf. Grund ist die Ablenkung durch Touchscreens, die schon bei zwei Sekunden Blickabwendung das Unfallrisiko verdoppelt.

Was bedeutet die Kehrtwende für Web- und App-Design?

Die Lehre gilt über das Auto hinaus. Kernfunktionen gehören dorthin, wo Nutzer sie ohne Suchen erreichen. Ein physischer Knopf oder eine klar erkennbare Schaltfläche zeigt durch Form und Rückmeldung, dass und wie man sie bedient. Sicherheitskritische Aktionen gehören nicht in ein verschachteltes Menü hinter einer glatten Fläche.

Quellen

[1] Autocar: „Mercedes: Big screens stay but we went ‚too far‘ removing buttons“

[2] European Transport Safety Council (ETSC): „Cars will need buttons not just touchscreens to get a 5-star Euro NCAP safety rating“

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