Die brasilianische Datenschutzbehörde ANPD hat Discord am 12. August 2026 die Livestream-Funktion „Go Live“ untersagt und dem Unternehmen drei Werktage für die Abschaltung gesetzt. Gesperrt wird ausdrücklich nur diese eine Funktion, nicht der Dienst. Den Ausschlag gab kein einzelner Inhalt, sondern die technische Bauweise.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Discord muss „Go Live“ samt gleichwertiger Video-Funktionen binnen drei Werktagen abschalten und das nachweisen.
  • Die Plattform bleibt erreichbar, gesperrt wird allein die Übertragung in geschlossenen Servern.
  • Rechtsgrundlage ist das brasilianische Digitalstatut für Kinder und Jugendliche, in Kraft seit dem 17. März 2026.
  • Die Hinweise zu Discord bei der Meldestelle SaferNet Brasil stiegen von 264 auf 406.

Warum trifft die Sperre nur eine Funktion?

Rote Warnleuchte mit Aufschrift „LIVE“ wird von Schlafmaske verdeckt, Zettel „sieht nichts“
ANPD ordnet Ruhen von Discords Video-Übertragungsfunktionen an und fordert technischen Umgehungsschutz vor Wiederaufnahme

Die Aufsichtsabteilung der ANPD erließ die Anordnung fünf Tage nach der Eröffnung des Verfahrens, dazwischen lagen eine schriftliche Auskunft des Unternehmens und ein Treffen mit dessen Rechtsvertretern.[1] Ruhen müssen „Go Live“ und gleichwertige Wege, Video zu übertragen, dazu verlangt die Behörde einen technisch wirksamen Umgehungsschutz. Erst nach ausdrücklicher Freigabe darf Discord die Funktion wieder einschalten.

Als Rechtsgrundlage nennt die ANPD Artikel 6 des Digitalstatuts für Kinder und Jugendliche, das seit dem 17. März 2026 gilt.[2] Die Vorschrift verpflichtet Anbieter, Risiken von der Konzeption an bis in den laufenden Betrieb zu senken, ausdrücklich auch das Anstiften zu Suizid. Bei Verstoß drohen bis zu zehn Prozent des brasilianischen Konzernumsatzes, höchstens jedoch 8,4 Millionen Euro je Verstoß zum EZB-Referenzkurs vom 12. August 2026.[2]

Warum prüft Discord die eigenen Streams nicht?

Während eine Videoübertragung läuft, hat Discord nach den Feststellungen der ANPD keinen Zugriff auf deren Inhalt. Eine Prüfung in Echtzeit scheidet damit aus.[1] Übrig bleiben fehleranfällige Automatik und die Meldungen der Teilnehmer, also ausgerechnet jener Runde, in der die Übergriffe stattfinden. Dieselbe Architektur schafft anderswo Vertrauen: Discord hat Sprach- und Videoverbindungen im Mai 2026 für 690 Millionen Konten verschlüsselt. Datenschutz und Jugendschutz geraten hier in einen echten Zielkonflikt.

Ein Detail wiegt schwerer als die Architektur. Anfang März 2026, kurz vor dem Inkrafttreten des Digitalstatuts, änderte Discord „Go Live“ technisch so, dass das Schutzniveau der Funktion sank.[1] Genau darin sieht die ANPD den Bruch mit der Pflicht zur laufenden Risikosteuerung. Die beschriebenen Vorkehrungen greifen nach Einschätzung der Behörde erst nach dem Schaden.

Discord verschlüsselt seine Sprach- und Videoverbindungen, kann sie deshalb aber nicht mitlesen. Brasilien verlagert die Haftung damit vom Moderationsteam ins Produktdesign.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Livestream-Sperre bei Discord: die Eckdaten der Anordnung
Vorbeugende Maßnahme der brasilianischen Datenschutzbehörde ANPD, Stand 12.08.2026
3 Werktage
Frist für Discord, die Abschaltung von „Go Live“ in Brasilien nachzuweisen; 10 Werktage bleiben für den Widerspruch
8,4 Mio. €
Obergrenze der Geldbuße je Verstoß nach Artikel 35 des Digitalstatuts, darunter zehn Prozent des Konzernumsatzes in Brasilien
406
Hinweise zu Discord bei der Meldestelle SaferNet Brasil in den ersten sieben Monaten 2026, nach 264 im Vorjahreszeitraum
17.03.2026
Inkrafttreten des Digitalstatuts für Kinder und Jugendliche, das die ANPD zur zuständigen Aufsicht macht

Der Kern des Vorwurfs: Während eine Übertragung läuft, hat Discord keinen Zugriff auf deren Inhalt, deshalb greift keine Prüfung in Echtzeit.

Was gilt für Plattformen in der EU?

Europa kennt dieselbe Pflicht, aber einen längeren Weg. Artikel 28 Absatz 1 der Verordnung über digitale Dienste verlangt von jeder Online-Plattform, die Minderjährigen offensteht, geeignete Maßnahmen für ein hohes Maß an Privatsphäre, Sicherheit und Schutz.[3] Die Umsetzung beschrieb die EU-Kommission am 14. Juli 2025 in Leitlinien nach Absatz 4. Discord gehört jedoch nicht zu den sehr großen Plattformen unter Brüsseler Aufsicht.[4] Zuständig bleibt der niederländische Koordinator für digitale Dienste, denn Discord Netherlands B.V. sitzt in Schiphol.

Eine Abschaltung im brasilianischen Tempo wäre auch in der EU möglich, nur aufwendiger. Artikel 51 Absatz 2 Buchstabe e erlaubt den nationalen Koordinatoren einstweilige Maßnahmen gegen die Gefahr eines schwerwiegenden Schadens, ersatzweise über die Justiz.[3] Die ANPD kommt ohne Gericht aus und stoppte mit demselben Instrument im Juli 2024 binnen Tagen Metas KI-Training mit brasilianischen Nutzerdaten. Zwei Punkte gehören daher auf jede Produkt-Roadmap:

  • Jede Funktion, deren Inhalt sich technisch nicht prüfen lässt, braucht eine dokumentierte Kompensation über Alterserkennung oder harte Zugangsgrenzen.
  • Änderungen an solchen Funktionen gehören vor dem Rollout gegen Artikel 28 geprüft, weil eine Verschlechterung selbst zum Vorwurf wird.

Discord hat sich bis Redaktionsschluss nicht geäußert. Die Richtung bleibt ablesbar: Aufsichtsbehörden greifen inzwischen einzelne Funktionen an, zuletzt bei der Domain-Sperre in der .com-Registry, vor US-Gerichten beim App-Design von Meta. Wie schnell die Altersprüfung zum Standard wird, zeigt Googles weltweiter Rollout auf Android. Der Jugendschutz rückt damit dorthin, wo Cybersicherheit längst Chefsache ist.

Quellen

[1] Agência Nacional de Proteção de Dados: „Em medida preventiva, ANPD determina que Discord suspenda transmissões ao vivo no Brasil“ (12. August 2026)

[2] Presidência da República: Lei nº 15.211 vom 17. September 2025 (Estatuto Digital da Criança e do Adolescente), Art. 6 und Art. 35

[3] Europäische Union: Verordnung (EU) 2022/2065 über digitale Dienste, Art. 28 und Art. 51

[4] Europäische Kommission: Aufsicht über die benannten sehr großen Online-Plattformen (Stand 24. Juli 2026)

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