KI-Sitzungen liegen immer seltener vollständig beim Kunden. OpenAI, Anthropic und Google geben die bezahlten Reasoning-Token nur als verschlüsselten Block zurück. Der Data Act verbietet Wechselentgelte ab dem 12. Januar 2027, die versiegelte Sitzung selbst erfasst er bisher nicht.

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Eine KI-Sitzung bestand ursprünglich aus Eingabe und Ausgabe, beides lag auf dem Rechner des Kunden. Heute liefern dieselben Schnittstellen ein Feld namens encrypted_content mit, das der Kunde bezahlt und nur der Anbieter öffnet. Das Entwicklerteam von Earendil hat diese Verschiebung am 30. Juli beschrieben.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Reasoning-Token stellen die Anbieter in Rechnung, zurück kommt bei geschlossenen Modellen nur ein verschlüsselter Block.
  • OpenAIs Responses API speichert Antworten mindestens 30 Tage, Googles Interactions API 55 Tage.
  • Der Data Act untersagt Wechselentgelte ab dem 12. Januar 2027 und verlangt Funktionsäquivalenz.

Was bleibt beim Anbieter zurück?

Karton mit Glassteinen, Roboter, Siegel und Anhänger „Öffnet nur der bisherige Anbieter“
Sechs Sitzungskomponenten werden von Anbietern kontrolliert: Reasoning-Token, Suchergebnisse, Kontext, Subagenten-Nachrichten, Dateiverweise und Sitzungs-IDs

Sechs Bestandteile einer Sitzung wandern laut Earendil in anbietergebundenen Zustand: Reasoning-Token, serverseitige Suchergebnisse, kompaktierter Kontext, Nachrichten zwischen Subagenten, Datei- und Cache-Verweise sowie die Sitzungs-IDs. Das Muster bleibt gleich: Der Anbieter wählt die Schlüssel und bestimmt, wo der Zustand nutzbar bleibt. Ein Feldname wie encrypted_content klingt nach Datenschutz, verbirgt den Inhalt aber nicht vor dem Anbieter, sondern vor dem Kunden.

Am härtesten trifft das die Gedankenkette. Anthropic gibt den Denkverlauf als Signatur zurück, der lesbare Text stammt von einem Zusammenfassungsmodell. Die Dokumentation bindet Thinking-Blöcke an das erzeugende Modell und rät, sie beim Modellwechsel zu entfernen. Portabel ist ein solcher Block nicht einmal innerhalb eines Anbieters. Wie stark diese Token ins Geld gehen, zeigte die Rechnung für autonome KI-Agenten im Dauerbetrieb.

Warum ersetzt eine Antwort-ID kein Protokoll?

Speichert eine Anwendung nur Eingaben und Endtext, wird die Antwort-ID zum Fremdschlüssel in einer fremden Datenbank. Earendil schlägt fünf Prüffragen vor: Einsicht, Export, Wiedergabe, Nachvollzug und Löschung. Gerade die letzte Frage entscheidet über Artikel 17 DSGVO: Ohne Kenntnis aller serverseitigen Kopien bleibt die Löschung unbelegt.

Bei Mehr-Agenten-Systemen fehlt sogar der Auftrag. Ein Commit im offenen Codex-Client verschlüsselt seit Juni 2026 die Nachrichten zwischen Eltern- und Kindagent, das Feld InterAgentCommunication.content bleibt leer.[3] Ändert ein Kindagent die falsche Datei, bleibt die einfachste Rückfrage offen, nämlich welche Aufgabe er überhaupt bekommen hat. Dr. Web hat die Subagenten in Codex bereits beschrieben.

Ein Anbieter, der die Gedankenkette verschlüsselt zurückgibt, verkauft keine Sicherheit, sondern Umzugskosten. Vor jedem Rahmenvertrag gehört auf den Tisch, was von der Sitzung nach der Kündigung lesbar bleibt.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wem gehört die KI-Sitzung?
Aufbewahrung beim Anbieter und die Fristen aus dem Data Act
30 Tage
Aufbewahrung bei OpenAI
Mindestdauer für gespeicherte Antwortobjekte der Responses API
55 Tage
Aufbewahrung bei Google
Interactions API im bezahlten Tarif, im freien Tarif ein Tag
30 Kalendertage
Mindestfrist für den Datenabruf
Artikel 25 der Datenverordnung, Vertragsklauseln für den Wechsel
12.01.2027
Ende der Wechselentgelte
Ab diesem Tag untersagt Artikel 29 jedes Entgelt für den Wechsel

Drei blinde Flecken im Sitzungsprotokoll

Reasoning
Der Denkverlauf kommt als Signatur oder verschlüsselter Block zurück, lesbar bleibt nur eine Zusammenfassung
Suche
Bei serverseitiger Websuche erhält der Kunde Zitate und URLs, nicht die Passagen, die das Modell gelesen hat
Subagenten
Aufträge zwischen den Agenten laufen verschlüsselt, im Protokoll des Clients bleibt das Feld leer
Ein Feld namens encrypted_content schützt den Inhalt nicht vor dem Anbieter, sondern vor dem Kunden, der ihn bezahlt hat.

Was verlangt der Data Act beim Anbieterwechsel?

Kapitel VI der Verordnung (EU) 2023/2854 gilt seit dem 12. September 2025.[2] Artikel 23 verpflichtet Anbieter von Datenverarbeitungsdiensten, technische und vertragliche Wechselhindernisse zu beseitigen. Artikel 24 nennt die Funktionsäquivalenz, Artikel 25 eine Mindestfrist von 30 Kalendertagen für den Datenabruf. Ab dem 12. Januar 2027 untersagt Artikel 29 jedes Wechselentgelt.

Die Lücke sitzt im Begriff. Der Verordnungstext meint exportierbare Daten. Ein nur vom Anbieter lesbarer Block zählt nicht dazu. Ob eine Inferenz-Schnittstelle überhaupt als Datenverarbeitungsdienst gilt, hat bislang keine Behörde geklärt. Wie zäh Auseinandersetzungen um Datenzugang verlaufen, zeigte der Streit zwischen SAP und Celonis vor dem Bundeskartellamt.

Was gehört jetzt in den Vertrag?

Drei Festlegungen gelingen ohne Zutun des Anbieters:

  • Den Parameter store auf false setzen und das lokale Ereignisprotokoll als maßgebliche Fassung führen.
  • Bei serverseitiger Websuche Anfragen, Trefferreihenfolge und abgerufene Passagen zusätzlich selbst mitschreiben.
  • Die Kompaktierung clientseitig erzeugen oder eine lesbare Zusammenfassung verlangen. Anthropic liefert dafür ein Textfeld, OpenAI bisher nicht.

Den ersten Punkt sollten Sie zuerst klären, denn eine Sitzung ohne lokales Protokoll lässt sich hinterher nicht rekonstruieren. Europäische Ausweichrouten entstehen gerade erst, etwa mit der Inferenz-API von Hetzner. Welche Modelle als Wechselziel taugen, sortiert unser Vergleich der KI-Textgeneratoren. Die Entwicklung begleiten wir in der KI-Rubrik.

Häufige Fragen zur Portabilität von KI-Sitzungen

Was bedeutet Portabilität bei KI-Sitzungen?

Eine portable Sitzung enthält Anweisungen, Nachrichten, Werkzeugaufrufe und Ergebnisse in lesbarer Form, sodass ein anderes Modell die Arbeit fortsetzen kann. Verschlüsselte Reasoning-Blöcke, serverseitige Sitzungs-IDs und versiegelte Kompaktierung verhindern das, weil allein der ursprüngliche Anbieter sie auflöst.

Warum geben OpenAI und Anthropic die Gedankenkette nicht heraus?

Beide Anbieter führen Sicherheits- und Wettbewerbsgründe an. In der Praxis erhält der Kunde bei OpenAI ein Feld namens encrypted_content, bei Anthropic eine Signatur samt zusammengefasstem Text. Anthropic bindet Thinking-Blöcke zusätzlich an das erzeugende Modell und empfiehlt, sie beim Modellwechsel zu entfernen.

Ab wann verbietet der Data Act Wechselentgelte?

Ab dem 12. Januar 2027 dürfen Anbieter von Datenverarbeitungsdiensten für den Vollzug eines Anbieterwechsels keine Entgelte mehr erheben. Bis dahin erlaubt Artikel 29 der Verordnung (EU) 2023/2854 nur ermäßigte Entgelte, die die tatsächlichen Kosten des Wechsels nicht übersteigen.

Wie behalten Unternehmen die Kontrolle über ihre KI-Sitzungen?

Der Parameter store auf false hält die Antworten von den Servern des Anbieters fern, maßgeblich bleibt dann das lokale Ereignisprotokoll. Ergänzend sollten Firmen die Treffer serverseitiger Suchen selbst mitschreiben und die Kompaktierung clientseitig erzeugen, damit eine lesbare Zusammenfassung vorliegt.

Quellen

[1] Earendil Engineering: „The Session You Cannot Take With You“

[2] Amtsblatt der Europäischen Union: Verordnung (EU) 2023/2854 (Datenverordnung), Kapitel VI und Artikel 50

[3] openai/codex auf GitHub: Commit „Encrypt multi-agent v2 message payloads“

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