Siemens-Chef Roland Busch warnt vor zu langsamer KI-Regulierung in der EU und lenkt einen Großteil einer für industrielle KI geplanten Milliarde in die USA. Zwei Jahre dauert ein europäisches KI-Gesetz bis zur Geltung, ein KI-Modell entwickelt sich in dieser Zeit sechs- bis achtmal weiter. Für Entscheider im DACH-Raum steht damit die Standortfrage neu auf dem Tisch.

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Die KI-Regulierung der EU kommt Roland Busch zu spät und zu breit. Im Interview mit der „Welt am Sonntag“ fasst der Vorstandschef von Siemens seine Kritik in einen Satz: „Wir hinken stets hinterher.“ Hinter dem Zitat steckt eine handfeste Investitionsentscheidung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Busch nennt das Entwicklungstempo der KI zu hoch für den europäischen Gesetzgebungstakt: Ein AI Act oder Data Act braucht rund zwei Jahre, ein Modell entwickelt sich derweil sechs- bis achtmal weiter.
  • Von der geplanten Milliarde für industrielle KI fließt der Großteil in die USA, nicht nach Europa.
  • Umfassende EU-Zölle gegen China lehnt Busch ab; China gilt ihm als sehr leistungsfähiger Wettbewerber.
  • Eine KI-Blase sieht der Siemens-Chef nicht, weil die Investitionen nicht auf geliehenem Geld beruhen.

Warum hinkt die Regulierung der Technik hinterher?

Papierflieger mit Aufschrift „KI“ fliegt über eine Schranke auf einer Startbahn
EU-Gesetzgebung zu KI hinkt der Technikentwicklung hinterher: Während ein Gesetz zwei Jahre dauert, erneuern sich KI-Modelle sechs- bis achtmal

Der Kern der Kritik ist ein Tempoproblem. Ein europäisches Gesetz wie der AI Act oder der Data Act durchläuft rund zwei Jahre Gesetzgebung, bis die Vorgaben greifen. In derselben Zeit erneuert sich ein KI-Modell nach Buschs Rechnung sechs- bis achtmal, sodass eine Regel bei Inkrafttreten oft schon auf eine überholte Technik zielt.[1]

Dazu kommt eine Sonderlast für die Industrie. Der Data Act behandelt Maschinen- und Sensordaten nach denselben Grundsätzen wie personenbezogene Daten, was den Aufbau industrieller Künstlicher Intelligenz zusätzlich bremst.

Wandert die digitale Wertschöpfung ab?

Die Drohung mit dem Standort ist kein Einzelfall, sondern ein Muster im deutschen Industriegürtel. Wacker Chemie baut sein Digitalzentrum in Indien auf, Knorr-Bremse holt für die KI-Modernisierung seiner Konzern-IT den Dienstleister Infosys an Bord. Jede dieser Entscheidungen verschiebt Entwicklungsarbeit aus Europa hinaus.

Anders als in der laufenden Debatte um eine mögliche KI-Blase geht Busch von tragfähigen Investitionen aus: Das Geld stamme aus dem Cashflow der Unternehmen, nicht aus Krediten. Auch die eigenen Siemens-Sparten treiben das Thema voran, von den Krebstherapien bei Siemens Healthineers bis zur Energietechnik für Rechenzentren.

Warum Siemens sein KI-Geld umleitet
Regulierungstempo, geplante Investition und die neuen EU-Fristen im Überblick
1 Mrd. €
geplante Investition von Siemens in industrielle KI
USA
wohin der Großteil dieser Milliarde fließt, statt nach Europa
6- bis 8-mal
so oft entwickelt sich ein KI-Modell weiter, während ein EU-Gesetz reift
~2 Jahre
Gesetzgebungszyklus von AI Act und Data Act bis zur Geltung
Dez. 2027
neue Frist für Hochrisiko-KI nach dem Digital Omnibus, verschoben von 2026

Siemens verplant eine Milliarde für KI und lenkt den Großteil in die USA, eine deutlichere Standortquittung kann Brüssel kaum bekommen. Der Digital Omnibus lockert die Fristen erst jetzt, getrieben von genau diesem Druck.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet das für DACH-Entscheider?

Brüssel hat auf genau diese Kritik reagiert. Mit dem Digital Omnibus vom 19. November 2025 verschiebt die EU-Kommission die Pflichten für Hochrisiko-KI aus dem AI Act nach hinten, von August 2026 und 2027 auf Dezember 2027, und vereinfacht die Auflagen für kleinere Unternehmen.[2] Der Vorstoß folgt dem Draghi-Bericht, der steigende Bürokratiekosten als Bremse für Europas Wettbewerbsfähigkeit benennt.

Für Geschäftsführer im DACH-Raum zählt weniger die Rhetorik als der Zeitplan. Betriebe mit Plänen für industrielle KI behalten die verschobenen AI-Act-Fristen und den Data Act besser im Blick, weil daran hängt, welche Dokumentationspflichten ab Ende 2027 gelten.

Das Signal der geplanten Milliarde bleibt bestehen: Solange Europa langsamer reguliert, als die Technik voranschreitet, wirkt der Standort USA für KI-Investitionen attraktiver. Für die eigene Planung zählt jetzt der Digital Omnibus, nicht die alte Frist aus dem ursprünglichen AI Act.

Quellen

[1] Welt am Sonntag: Interview mit Siemens-Chef Roland Busch zur KI-Regulierung

[2] Europäische Kommission: Digital Omnibus

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