Eine Gig-Gewerkschaft in Kalifornien steht kurz vor der Zertifizierung, ohne dass ein einziger Fahrer zur Urne muss. Ausschlaggebend war eine Zahl von PERB: 100.307 aktive Uber- und Lyft-Fahrer. Vier Monate vor der EU-Frist für Plattformarbeit führt Kalifornien einen Weg vor, den Brüssel nicht gewählt hat.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie erste Gig-Gewerkschaft für Uber- und Lyft-Fahrer in Kalifornien kommt ohne Urabstimmung aus: Am 7. August 2026 hielt die Arbeitsbehörde PERB fest, dass die California Gig Workers Union Unterschriften von mindestens 30 Prozent der aktiven Fahrer vorgelegt hat.[1] Für europäische Plattformbetreiber lohnt der Blick, weil Brüssel dasselbe Problem an anderer Stelle anpackt.
Das Wichtigste in Kürze
- PERB bestätigte am 7. August 2026 die 30-Prozent-Schwelle für die Gewerkschaft.
- Grundlage ist der TNC Drivers Labor Relations Act, in Kraft seit dem 1. Januar 2026.
- Die Behörde rechnet mit 100.307 aktiven Fahrern, nicht mit über 800.000 registrierten.
- Die Fahrer bleiben selbstständig und sollen trotzdem kollektiv verhandeln.
Wie ersetzt eine Unterschriftenliste die Urabstimmung?

Das kalifornische Gesetz kennt zwei Schwellen. Bei 10 Prozent Unterstützung verschickt PERB eine Mitteilung an alle Fahrer, bei 30 Prozent darf die Behörde ohne Wahlgang zertifizieren. Die California Gig Workers Union nahm die erste Hürde am 2. Juni 2026, die zweite am 7. August.[1] Jetzt läuft eine Frist von 30 Tagen, in der Fahrer den Gegenbeweis antreten können.
Zuständig ist ausgerechnet die Behörde für den öffentlichen Dienst. Das US-Bundesarbeitsrecht deckt nur Angestellte ab, nach Proposition 22 von 2020 bleiben die Fahrer selbstständig. Kalifornien schrieb deshalb ein eigenes Verfahren in den Business and Professions Code, das Tarifverhandlungen erlaubt, ohne den Status anzutasten. Massachusetts ging 2024 voran, Kalifornien zieht als zweiter Bundesstaat nach.
Warum 100.307 die entscheidende Zahl ist
Der Gesetzgeber sprach von über 800.000 Fahrern, die Behörde rechnet mit einer kleineren Basis. PERB zählt 100.307 aktive Fahrer und misst den Status an einer Mindestzahl von Fahrten; der Median lag im ersten Halbjahr 2026 bei 475.[1] Genau diese Definition macht die 30 Prozent erreichbar, weil Gelegenheitsfahrer aus der Rechnung fallen. Über die Zählweise entscheidet sich hier mehr als über die Zustimmung.
Die Gewerkschaft beziffert den Medianverdienst auf 5,19 Euro je Stunde ohne Trinkgeld, umgerechnet aus 5,97 US-Dollar zum Kurs von 0,87 am 10. August 2026. Verhandeln will die Gewerkschaft über Vergütung, Spritkosten und gesperrte Konten.[2] „Über ein Jahrzehnt lang haben wir für grundlegende Schutzrechte gekämpft. Jetzt liegt ein Weg vor uns“, sagte Hector Castellanos, Fahrer aus Antioch. Wie eng Algorithmen den Arbeitstag takten, zeigte zuletzt Meituans Lieferuhr.
Kalifornien repariert die Plattformarbeit an der Verhandlungsmacht, Brüssel am Status. Europäische Betreiber müssen sich auf beide Reparaturen einstellen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wie eine Unterschriftenschwelle die Urabstimmung ersetzt, Stand 10. August 2026
Rechenbasis der Behörde PERB, nicht die mehr als 800.000 registrierten Fahrer.
Am 7. August 2026 belegt, damit entfällt der Wahlgang.
Je Fahrer von Januar bis Juni 2026, Maßstab für den Status „aktiv“.
Vom Stundenlohn zur Brüsseler Frist
Ohne Trinkgeld, Angabe der Gewerkschaft, umgerechnet aus 5,97 US-Dollar zum Kurs 0,87.
Bis dahin gilt die Richtlinie über Plattformarbeit in nationalem Recht.
Was folgt daraus für Plattformen in der EU?
Die Richtlinie über Plattformarbeit trat am 1. Dezember 2024 in Kraft und muss bis zum 2. Dezember 2026 in nationales Recht überführt sein.[3] Brüssel setzt auf eine widerlegbare Vermutung, dass ein Beschäftigungsverhältnis vorliegt. Dazu kommt die Pflicht, automatisierte Entscheidungen nachvollziehbar und anfechtbar zu machen. Kalifornien lässt den Status unangetastet und stärkt stattdessen die Gegenmacht.
In Deutschland hängt die Statusfrage an § 611a BGB und an der Prüfung auf Scheinselbstständigkeit samt Nachzahlungsrisiko. Nicht nur Fahrdienste sind betroffen, auch SAP-Freelancer mit hohen Stundensätzen arbeiten in solchen Strukturen. Drei Schritte lohnen sich vor dem Stichtag:
- Verträge mit Solo-Selbstständigen auf Weisungsdichte und Exklusivität durchsehen.
- Jede automatisierte Sperre mit Begründung protokollieren.
- Festlegen, wer eine Sperre aufheben darf und in welcher Frist.
Der Zeitdruck steigt von zwei Seiten. Uber strich jeden zehnten Kundenservice-Job zugunsten von KI und steckt Milliarden in eine eigene Robotaxi-Flotte. Betreiber, die Vergütungsregeln und Sperrverfahren jetzt dokumentieren, sparen sich die Nacharbeit im Dezember.
Quellen
[1] California Public Employment Relations Board: „TNC Act“
[2] California Gig Workers Union / SEIU 1021: „California Gig Workers Union takes major step to represent gig rideshare drivers throughout the state“
[3] Amtsblatt der Europäischen Union: Richtlinie (EU) 2024/2831 über die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Plattformarbeit
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