Evonik steckt 80 Millionen Euro in ein Biotech-Werk in der Slowakei, während der Konzern in Deutschland ganze Chemiestandorte schließt. Am Standort Slovenská Ľupča entsteht bis Anfang 2028 eine neue Fermentationsanlage für komplexe Pharmawirkstoffe, rund 50 Stellen kommen dazu. Der Spatenstich am 14. September zeigt, wohin die Essener ihr Kapital lenken: weg von der austauschbaren Massenware, hin zur schwer kopierbaren Biologie.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Investition von Evonik fällt in eine Phase, in der die deutsche Chemie unter dem Preisdruck aus Asien ganze Sparten abwickelt. Statt bei billigen Grundchemikalien mitzuhalten, verlagert der Konzern das Geld dorthin, wo die Margen höher und die Anlagen schwerer nachzubauen sind.
Das Wichtigste in Kürze
- Evonik investiert rund 80 Millionen Euro in eine neue Fermentationsanlage am slowakischen Standort Slovenská Ľupča.
- Die Anlage stellt ab Anfang 2028 komplexe pharmazeutische Wirkstoffe im Auftrag von Pharmakunden her, ein Geschäft, das die Branche CDMO nennt.
- Rund 50 neue Arbeitsplätze entstehen; der Standort läuft vollständig mit Grünstrom.
- Zeitgleich schließt Evonik in Deutschland die Werke in Bitterfeld und Hamburg, ein Muster des gesamten Chemie-Umbaus.
Was baut Evonik in der Slowakei?

Am Standort Slovenská Ľupča, den Evonik über die Tochter Fermas betreibt, entsteht für rund 80 Millionen Euro eine Anlage für die sogenannte Downstream-Fermentation. Dort werden die Stoffwechselprodukte lebender Mikroorganismen aufgereinigt und zu komplexen Pharmawirkstoffen weiterverarbeitet.
Das Werk arbeitet damit als Auftragsfertiger: Pharma- und Life-Science-Kunden lassen ihre Wirkstoffe hier entwickeln und produzieren, das Modell heißt in der Branche CDMO. Der slowakische Betrieb läuft seit 1992, wuchs aus der Aminosäure-Produktion und beherbergt heute die weltweit erste Anlage, die das Biotensid Rhamnolipid im Industriemaßstab herstellt.
„Biotechnologie zeigt, dass wirtschaftliches Wachstum und Nachhaltigkeit zusammengehen“, sagt Lauren Kjeldsen, Vorstandsmitglied und Chief Operating Officer der Sparte Custom Solutions. Rund 50 neue Stellen entstehen, fertig sein soll die Anlage Anfang 2028.[1]
Warum investiert ein Chemiekonzern in Biotech?
Die Antwort liegt in den Margen. Grundchemikalien und viele Spezialchemikalien sind austauschbar, der Preis entscheidet, und dort gewinnen Anbieter aus China und Indien. Genau deshalb schließt Evonik in Deutschland die Werke in Bitterfeld und Hamburg und bündelt das Geschäft auf wenige, verteidigungsfähige Felder.
Biotechnologie gehört zu diesen Feldern. Eine Fermentationsanlage für Pharmawirkstoffe braucht Jahre an Prozess-Wissen und behördlichen Zulassungen, ein asiatischer Wettbewerber baut sie nicht über Nacht nach. Denselben Weg gehen die Konkurrenten: Wacker Chemie misst sich seit dem Sommer an der Kapitalrendite statt am Umsatz, und bei BASF in Ludwigshafen sank die Beschäftigung erstmals seit 1954 unter 30.000.
Evonik verabschiedet sich Werk für Werk aus der austauschbaren Massenchemie und lenkt die frei werdenden Millionen in die Fermentation, wo eine Anlage nicht binnen Monaten aus Asien nachgebaut wird. Die 80 Millionen in Slovenská Ľupča sind kein Standort-Detail, sondern die Richtung des ganzen Konzerns.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das für Europas Arzneimittel?
Für europäische Patienten steckt in der Fermentationsanlage mehr als ein Firmen-Umbau. Rund zwei Drittel der Wirkstoff-Lieferanten für Generika sitzen in Asien, vor allem in China und Indien, und diese Abhängigkeit will die EU mit dem Critical Medicines Act verringern. Das Gesetz bevorzugt in der Übergangsphase 2026 bis 2028 Arzneimittel, deren Wirkstoffe in der EU entstehen.
Europäische Wirkstoff-Produzenten bekommen damit genau den Rückenwind, den Brüssel gerade schafft. Aus demselben Grund bündelt Merck seine Arzneimittelprüfung in Darmstadt. Für Entscheider in Pharma und Einkauf heißt das konkret: Lieferketten für kritische Wirkstoffe jetzt auf europäische Auftragsfertiger prüfen, bevor der Made-in-EU-Vorteil in der Vergabe ab 2028 greift.
Quelle
[1] Evonik: „Evonik breaks ground on biotechnology expansion in Slovakia“
Mehr Newshunger?
- Evonik schließt Bitterfeld und Hamburg: Asiens Preisdruck trifft die deutsche Spezialchemie
- Evonik klettert auf Baa1: Moody’s belohnt den Schuldenabbau in der Chemiekrise
- Wacker Chemie kassiert das Zehn-Milliarden-Ziel und misst sich künftig an der Kapitalrendite
- BASF Ludwigshafen fällt erstmals seit 1954 unter 30.000 Stellen
- BASF mandatiert vier Großbanken für den Börsengang der Agrarsparte
- 25-Millionen-Labor in Darmstadt: Warum Merck die Arzneimittelprüfung in Europa bündelt