Eine seit dem Vesuv-Ausbruch von 79 nach Christus versiegelte Papyrusrolle ist erstmals vollständig gelesen worden, ohne sie je zu öffnen. Möglich machten das hochauflösende Tomografie und maschinelles Lernen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEine fast 2.000 Jahre versiegelte Schriftrolle von Anfang bis Ende lesen, ohne sie aufzurollen: Das ist dem Team der Vesuvius Challenge mit der Rolle PHerc. 1667 gelungen. Die verkohlte Papyrusrolle wurde rein virtuell entrollt und Spalte für Spalte entziffert. Für alle, die KI jenseits von Chatbots einschätzen wollen, zeigt der Fall, wie Computer Vision ein Jahrhundertproblem der Altertumswissenschaft knackt.
Das Wichtigste in Kürze
- PHerc. 1667, in der Vesuvius-Community als Scroll 4 bekannt, wurde erstmals komplett virtuell entrollt und gelesen
- Der Text deutet auf einen stoischen Traktat zur Ethik hin
- Tomografiedaten, rekonstruierte Oberflächen und Transkriptionen stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz offen
- Ein neuer Preis von einer Million US-Dollar lobt das vollständige Lesen jeder weiteren Rolle aus
Wie liest man eine Rolle, die man nicht öffnen darf?

Das Grundproblem ist physisch. Die verkohlte Bibliothek von Herculaneum überstand den Ausbruch nur, weil die Rollen zu brüchig wurden, um sich öffnen zu lassen. Eine Rolle zu lesen hieß bisher, sie zu zerstören. Die Vesuvius Challenge umgeht das über hochauflösende Mikro-Computertomografie und eine algorithmische Pipeline aus maschinellem Lernen und Computer Vision, die die einzelnen Papyrusschichten im 3D-Scan nachverfolgt und die kaum sichtbare Kohlenstofftinte erkennt.
Die Grundlagen legte Professor Brent Seales am EduceLab der University of Kentucky, der seine Bildgebungs- und Softwaretechnik 2023 für die Challenge öffnete. Die Initiative wurde gemeinsam mit Nat Friedman und Daniel Gross als spendenfinanzierter Wettbewerb gestartet, woraufhin eine globale Gemeinschaft das Problem aufgriff. Wichtig dabei: Alle Daten, Oberflächen und Transkriptionen sind offen unter Creative Commons verfügbar und der Code liegt auf GitHub.
Die Vesuvius Challenge ist ein Lehrstück für offene Wissenschaft. Ein internationales Preisgeld zieht mehr Köpfe an als jedes geschlossene Labor, und genau dieser Wettbewerbsmechanismus hat das uralte Rätsel der Herculaneum-Rollen geknackt.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Warum ist das auch über die Antike hinaus relevant?

Der Fall ist ein Beleg für die Kraft des Wettbewerbsmodells. Bereits zuvor hat die Challenge mehr als 1,8 Millionen US-Dollar an Preisen vergeben, vom ersten erkannten Buchstaben 2023 bis zu kompletten Passagen. Jetzt verschiebt sich das Ziel von einzelnen Spalten zu ganzen Rollen, ausgelobt mit einem Preis von einer Million US-Dollar für die nächste vollständig gelesene Rolle.
Für die Praxis interessant ist die Methode, nicht nur das Ergebnis. Dieselbe Kombination aus Tomografie, semantischer Segmentierung und Ink-Detection lässt sich auf andere Probleme übertragen, etwa in der medizinischen Bildgebung oder der zerstörungsfreien Materialprüfung. Wer KI-Anwendungen jenseits von Sprachmodellen sucht, findet hier ein greifbares Beispiel für angewandte Computer Vision.
Die Offenheit lädt zum Mitmachen ein. Weil Daten und Code frei liegen, kann jedes Team die Arbeit prüfen und auf die verbleibenden Rollen anwenden. Die Ankündigung und das Preprint stehen auf der Projektseite der Vesuvius Challenge. Wie breit KI gerade in neue Felder vordringt, ordnet unser Überblick zur jüngsten Modellflut ein.
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