Bluesky hat die Markenrechte an „AT Protocol“ und „ATProto“ gekauft, weil ein anderes Unternehmen laut Bluesky damit gedroht hat, allen die Nutzung des Namens zu untersagen. Für Entscheider steckt darin eine Lektion, die WordPress und Rust der Branche schon erteilt haben: Freie Lizenzen schützen den Code, nicht den Namen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Marke ATProto gehört jetzt offiziell Bluesky, und der Auslöser war keine Wachstumsstrategie, sondern eine Klagedrohung. Am 15. Juli hat das Unternehmen den Kauf öffentlich gemacht. Damit rückt eine Frage ins Rampenlicht, die viele Open-Source-Projekte verdrängen: Wem gehört eigentlich der Name?
Das Wichtigste in Kürze
- Bluesky hat die Rechte an der Marke „ATPROTOCOL“ samt Varianten übernommen, nachdem ein anderes Unternehmen laut Bluesky mit rechtlichen Schritten gedroht hatte.
- Die Alltagsnutzung bleibt lizenzfrei: Kompatibilität nennen, Dokumentation verfassen, Open-Source-Pakete benennen und über das Protokoll schreiben.
- Später soll die Marke an eine unabhängige Governance-Organisation übergehen, einen Termin dafür nennt Bluesky nicht.
- Der WordPress-Streit um eine Lizenzforderung von 8 % des Umsatzes zeigt, wie teuer ungeklärte Markenfragen werden können.
Warum kauft Bluesky die Marke eines offenen Protokolls?

Jim Ray von Bluesky beschreibt den Kauf im Protokoll-Blog[1] als Defensivmaßnahme: Ein anderes Unternehmen habe damit gedroht, Bluesky und Dritten die Nutzung des Begriffs gerichtlich untersagen zu lassen. Mit dem Kauf der Markenrechte dreht Bluesky die Lage um und kontrolliert den Namen jetzt selbst.
Für den Alltag ändert sich wenig. Projekte dürfen sich weiter als ATProto-kompatibel bezeichnen, Dokumentation verfassen, Open-Source-Pakete nach dem Protokoll benennen und frei darüber publizieren, ganz ohne Lizenz. Tabu bleiben Produkt- und Firmennamen auf Basis der Marke, außerdem Domains, Merchandise und eigene Zertifizierungsprogramme.
Bluesky verwaltet die Marke als Public Benefit Corporation und stellt die Übertragung an eine unabhängige Governance-Organisation in Aussicht. Wie das Protokoll ohne Instanzen auskommt, erklärt unsere Analyse zum Bluesky-Protokoll ATProto.
Wie wird ein freier Name zur juristischen Waffe?
Der Mechanismus dahinter ist im Markenrecht angelegt. Freie Lizenzen wie MIT oder Apache regeln die Nutzung des Quellcodes, den Projektnamen erfassen sie nicht. Markenämter wie das EUIPO oder das DPMA folgen dem Anmeldeprinzip: Die Rechte bekommt, wer zuerst einträgt, nicht das Projekt mit der längsten Geschichte.
Versäumt ein Projekt die Anmeldung, kann ein Dritter sie nachholen und den Spieß umdrehen: Ausgerechnet die Community, die den Namen geprägt hat, darf ihn dann nicht mehr führen. Wie eng Name und Kontrolle zusammenhängen, hat zuletzt der Governance-Streit um Organic Maps und CoMaps gezeigt.
Drei Markenkonflikte in drei Jahren zeigen: Freie Lizenzen schützen den Quellcode, nicht den Projektnamen.
Was lehren die Präzedenzfälle WordPress und Rust?
Der größte Namenskonflikt der Branche läuft seit Herbst 2024: Laut WP Engines Klageschrift hat Automattic-Chef Matt Mullenweg vom Hoster WP Engine 8 % des monatlichen Bruttoumsatzes als Lizenzgebühr für die WordPress-Marke gefordert[2]. Der Rechtsstreit dauert an; einen Überblick über die Anbieterlandschaft liefert unser WordPress-Hosting-Vergleich.
Die Rust Foundation hat 2023 vorgemacht, wie eine Markenpolitik nach hinten losgeht: Ihr Entwurf hätte selbst Paketnamen mit „rust“ eingeschränkt. Nach massiver Kritik hat sich die Foundation entschuldigt und nachgebessert[3]. Obwohl die Marke dort in Stiftungshand lag, hat das Vertrauen gelitten.
Offene Protokolle scheitern selten am Code, sondern am Kleingedruckten. Eine Marke, die niemand hält, hält am Ende der Falsche.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was heißt das für Unternehmen im DACH-Raum?
Vor der Wette auf ein offenes Protokoll gehört die Namensfrage auf die Checkliste:
- Markenlage prüfen: Die Register von EUIPO und DPMA zeigen kostenlos, auf wen ein Begriff eingetragen ist.
- Markenrichtlinie lesen: Seriöse Projekte dokumentieren schriftlich, welche Nutzung frei bleibt, so wie es Bluesky jetzt tut.
- Produktnamen entkoppeln: Der eigene Markenauftritt darf nicht vom Protokollnamen abhängen, sonst hängt das Geschäftsmodell an fremden Rechten.
- Governance verfolgen: Eine versprochene Stiftungslösung zählt erst, wenn die Übertragung vollzogen ist.
Die gute Nachricht: Blueskys Regeln fallen großzügiger aus als vieles, was die Branche zuletzt erlebt hat. Unternehmen, die ihre Werkzeugkette ohnehin souveräner aufstellen wollen, finden in unserem Beitrag zum Wechsel auf Codeberg und Self-Hosting eine passende Blaupause.
Quellen
[1] Bluesky / AT Protocol Blog: „AT Protocol Trademark“ ↩
[2] WP Engine: „Ensuring Stability and Security: WP Engine’s Legal Actions Against Matt Mullenweg and Automattic“ ↩
[3] Rust Foundation / Inside Rust Blog: „A note on the Trademark Policy Draft“ ↩
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