Die Schweiz testet seit Ende März 2026 eine ÖV-Fahrkarte, die sich von selbst löst. FAIRTIQ Go heißt der Markttest, der mit zehn Schweizer Verkehrsbetrieben das vollautomatische Be-In/Be-Out-Ticketing einführt. Wenn der Test gelingt, könnte die Technologie über die FAIRTIQ-Partnerverbünde RVF, KVV und RVL auch in Südbaden ankommen.

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Kommt Ihnen das bekannt vor? Die S-Bahn rollt ein, das Smartphone liegt aber noch in der falschen Tasche, und am Automaten am Bahnsteig fragen Sie sich, ob die Fahrt nach Müllheim jetzt Preisstufe drei oder vier kostet. Genau dieses Tarif-Chaos will das Schweizer Startup FAIRTIQ aus Bern komplett auflösen.

Das Wichtigste in Kürze

  • FAIRTIQ Go testet schweizweit das vollautomatische Be-In/Be-Out-Ticket
  • App erkennt Fahrten über Sensoren, Standort und Bluetooth-Beacons selbst
  • Zehn Schweizer Verkehrsbetriebe sind am Markttest beteiligt
  • RVF, KVV und RVL setzen FAIRTIQ bereits in Baden-Württemberg ein

Wie Be-In/Be-Out technisch funktioniert

Eine grüne Fahrkarte der Deutschen Bahn von 1978 von Hamburg Hbf nach Berlin Zoo
FAIRTIQ Go erkennt automatisch Zugfahrten durch Beschleunigungssensoren, Standortdaten und Bluetooth-Beacons ohne manuelles Einchecken

FAIRTIQ Go arbeitet ohne jeden manuellen Swipe. Nach einer einmaligen Aktivierung läuft die Erkennung im Hintergrund. Beschleunigungssensoren des Smartphones liefern Hinweise darauf, ob Sie in einem Zug, einer Tram oder einem Bus sitzen. Standortdaten ergänzen die Information um Geschwindigkeit und typische Haltemuster an Stationen.

Zusätzlich kommen Bluetooth-Beacons zum Einsatz, kleine Sender in den Fahrzeugen, die der App melden, in welchem Verkehrsmittel sich der Fahrgast befindet. Erst wenn die Software eine ÖV-Fahrt eindeutig identifiziert hat, werden die für die Abrechnung notwendigen Daten verschlüsselt übertragen. Der Rest der Bewegungsdaten verbleibt auf dem Gerät und wird nach einem Jahr gelöscht.

Welche Schweizer Betriebe mitmachen

Roter Entklammerer hält eine winzige braune Lederhose mit Kuh-Anhänger auf grauem Grund
Zehn Verkehrsunternehmen testen FAIRTIQ-System im GA-Geltungsbereich. Registrierung über Webseite möglich

Die Markttest-Allianz umfasst zehn Verkehrsunternehmen. Mit dabei sind unter anderem die Appenzeller Bahnen, die Rhätische Bahn, die Verkehrsbetriebe Luzern und Biel sowie die Zugerland Verkehrsbetriebe. Interessierte können sich über die FAIRTIQ-Webseite für die Testphase registrieren, das System steht im gesamten GA-Geltungsbereich zur Verfügung, also in Zügen, Trams, Bussen und auf Schiffen.

Die offizielle FAIRTIQ-Pressemitteilung beschreibt die Fehlerquote der Erkennung als „im tiefen Promillebereich“. Praktisch ausgeschlossen sei, dass jemand fälschlich abgerechnet werde, wenn er etwa in einem Café neben einer Tramhaltestelle sitzt.

Die Schweiz löst das ÖPNV-Problem, das deutsche Verkehrsverbünde seit Jahren vor sich herschieben. Wenn FAIRTIQ Go bei uns ankommt, gewinnt der Nahverkehr Millionen Gelegenheitsfahrer zurück, die das Tarif-Chaos bisher ans Auto verloren hat.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Was das für Südbaden bedeutet

SBB-Zugticket Zürich-Freiburg, geprüft, mit orangefarbenem Kaubonbon und Fußabdruck
FAIRTIQ funktioniert seit Februar 2025 verbundübergreifend in Baden-Württemberg mit automatischem Preisdeckel von 72 Euro monatlich

FAIRTIQ ist in Baden-Württemberg keine Unbekannte. Seit Februar 2025 funktioniert die App über die Verbundgrenzen hinweg im gesamten Land, seit April 2026 gilt ein automatischer Preisdeckel von 72 Euro pro Monat. Der Regio-Verkehrsverbund Freiburg (RVF), der Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) und der Regio-Verkehrsverbund Lörrach (RVL) sind direkte Partner.

Ein Roll-out der vollautomatischen Be-In/Be-Out-Funktion in Baden-Württemberg ist nicht offiziell angekündigt. Die Architektur erlaubt aber eine schnelle Übernahme, sobald der Schweizer Test belastbare Ergebnisse liefert. Für Pendler aus dem Markgräflerland, die regelmäßig zwischen Basel und Freiburg unterwegs sind, wäre das ein Komfortsprung. Die Diskussion um chinesische Hybrid-Autos und EU-Zölle zeigt parallel, wie hart sich der Mobilitätsmarkt gerade neu ordnet.

Welche Hürden bleiben

Haltestellenschild mit Text, kleinem Schild und zwei Flamingo-Plüschtieren oben
FAIRTIQ-App nutzt Standort- und Bewegungssensoren für automatische ÖV-Ticketing. Datenschutz und Akkuverbrauch sind zentrale Herausforderungen

Drei Themen entscheiden, ob das Modell aus der Schweiz funktioniert. Datenschutz steht im Mittelpunkt: Eine App, die dauerhaft Standort und Bewegungssensoren auswertet, braucht Vertrauen. FAIRTIQ-Gründer Gian-Mattia Schucan betont, dass nur eindeutig erkannte ÖV-Fahrten übertragen werden. Datenschützer werden den Code dennoch unter die Lupe nehmen.

Zweitens: Akkuverbrauch. Permanente Sensor-Auswertung kostet Energie, hier müssen die Algorithmen weiter optimiert werden. Drittens: Tarifkompatibilität mit dem Deutschlandticket. Wer das 49-Euro-Abo besitzt, braucht FAIRTIQ Go gar nicht. Für Mittelständler, die Firmenfahrzeuge mit ÖPNV-Optionen vergleichen, bringt der Test trotzdem eine interessante neue Variable in die Personalkostenrechnung.

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