Otto stapelt keine neuen Roboter aufs alte Lager, sondern lässt die Lieferkette sich selbst takten. Über 120 Standorte hinweg koordiniert eine KI-Schicht von Nvidia die Geräte und probt jeden Ablauf zuerst im digitalen Zwilling. Martin Umland, Logistikchef der Gruppe, nennt Synchronisation wichtiger als reines Tempo. Für Onlinehändler verschiebt diese Logik den Maßstab vom schnellsten Versand zur besten Abstimmung.

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Eine autonome Lieferkette braucht bei Otto weniger neue Roboter als eine neue Zuständigkeit. Der Konzern verschaltet Einkauf, Logistik und Vertrieb zu einem datengetriebenen Regelkreis über alle Standorte. Was nach Technikprojekt klingt, beginnt als Entscheidung über Verantwortung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Otto Group koordiniert Roboter über rund 120 Logistikstandorte mit einer KI-Schicht von Nvidia und dem Partner Reply.
  • Digitale Zwillinge der Verteilzentren trainieren neue Abläufe, bevor ein Gerät real anläuft. Der erste Vollbetrieb steht im Hermes-Zentrum Löhne.
  • Logistikchef Martin Umland stellt die Abstimmung der Prozesse über das Tempo einzelner Abteilungen.
  • Bis 2030 sollen viele Entscheidungen zu Bestand, Transport und Kapazität weitgehend selbst laufen. Der Mensch setzt Ziele und prüft Ausnahmen.

Was steckt hinter Ottos Autonomous Flow?

Modell eines Metronoms in einem Kreis aus Miniatur-Lagerhallen auf Schienen
Otto Group bündelt Logistik in „Autonomous Flow“: Eine KI-Schicht koordiniert Roboter über 120 Standorte, unterstützt von Nvidia und Reply

Unter dem Namen Autonomous Flow bündelt die Otto Group ihre Logistik zu einem lernenden System. Statt jedes Verteilzentrum einzeln zu optimieren, koordiniert eine gemeinsame KI-Schicht die Roboter über rund 120 Standorte hinweg.[1] Den technischen Unterbau liefern Nvidia und der Integrator Reply. Simulationswerkzeuge bilden jedes Lager als digitalen Zwilling ab und trainieren dort neue Geräte, bevor ein erprobter Ablauf in den realen Betrieb geht. Den ersten Vollbetrieb fährt das Hermes-Zentrum im westfälischen Löhne, die Investition beziffert der Konzern auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Warum Synchronisation mehr zählt als Geschwindigkeit

Den größten Hebel sieht Otto nicht in der Technik, sondern in der Organisation, sagt Logistikchef Martin Umland.[2] Die klassische Kette aus Einkauf, Logistik und Vertrieb weicht einem gemeinsamen, datenbasierten Steuerungsmodell. Verantwortung ordnet der Konzern künftig entlang der Wertströme statt entlang der Abteilungen. Umlands Kernsatz zielt auf denselben Punkt: Über den Kundennutzen entscheidet die Abstimmung aller Schritte, nicht das Tempo einer einzelnen Station.

Ein Lager, das Pakete rekordschnell packt, hilft wenig, sobald Nachschub oder Transport aus dem Takt geraten. Diese Choreografie zwischen Maschinen beherrschen inzwischen mehrere Konzerne, von Amazon Robotics bis zu Kion mit Colruyts Fahrrobotern. Ottos Beitrag ist weniger ein schnellerer Roboter als die Software, die alle im selben Takt hält.

Die eigentliche Umstellung bei Otto ist kein Roboter, sondern die Frage, wer im Lager noch entscheidet und wer nur noch Ziele vorgibt.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was der Mittelstand daraus lernen kann

Rund 38.500 Beschäftigte wie bei Otto erreicht kaum ein Onlinehändler. Der Denkfehler dahinter droht jedem: Ein Betrieb, der Roboter kauft, aber die Abteilungen getrennt plant, verschiebt den Engpass nur. Kleinere Händler setzen den Hebel deshalb zuerst bei den Daten an, weil ein gemeinsamer Blick auf Bestand, Nachfrage und Kapazität jede Insellösung schlägt. Wie viel Automatik ein Betrieb überhaupt braucht, sortiert unser Überblick Robotik 2026.

Regulatorisch lohnt der frühe Blick auf den EU AI Act, der für automatisierte Entscheidungen eine menschliche Kontrolle verlangt. Bis 2030 sollen bei Otto viele Dispositionen selbst laufen, während der Mensch Ziele setzt und Ausnahmen prüft.[1] Genau diese Aufgabenteilung entlastet auch dort, wo Fachkräfte für Lagerlogistik knapp werden.

Für den Einstieg genügt kein Millionenbudget. Verzahnen Sie zuerst die Datenquellen aus Einkauf, Lager und Versand. Erst mit klaren Ausnahmeregeln automatisieren Sie danach einzelne Entscheidungen, damit die Steuerung mitwächst, statt an einer Insellösung zu hängen.

Ottos Lieferkette in Zahlen
Wie der Konzern seine Logistik zu einem selbststeuernden System verschaltet.
120
Logistikstandorte laufen unter einer gemeinsamen KI-Koordinationsschicht.
38.500
Beschäftigte zählt die Otto Group weltweit.
2030
Zieljahr, ab dem viele Dispositionen weitgehend selbst laufen sollen.
1
erster Vollbetrieb im Hermes-Zentrum in Löhne.

So schließt sich der Regelkreis

Digitaler Zwilling

Jedes Verteilzentrum wird virtuell nachgebaut und dient als Trainingsraum.

Freigabe durch den Menschen

Fachleute prüfen den simulierten Ablauf und geben ihn frei.

Betrieb und Rücklauf

Der erprobte Ablauf geht in Betrieb, seine Daten schärfen das Modell.

Häufige Fragen zur autonomen Lieferkette

Was ist eine autonome Lieferkette?

Eine autonome Lieferkette steuert Bestand, Transport und Kapazität weitgehend selbst, statt jeden Schritt manuell zu planen. Software wertet Daten aus Einkauf, Lager und Versand in Echtzeit aus und automatisiert Entscheidungen dort, wo klare Regeln gelten. Der Mensch setzt Ziele und greift bei Ausnahmen ein. Otto verfolgt dieses Modell unter dem Namen Autonomous Flow.

Was macht die Otto Group mit Nvidia?

Die Otto Group baut mit Nvidia und dem Integrator Reply eine gemeinsame Koordinationsschicht für Roboter auf. Simulationswerkzeuge bilden jedes Verteilzentrum als digitalen Zwilling ab, trainieren dort neue Geräte und rollen erprobte Abläufe über rund 120 Standorte aus. Den ersten Vollbetrieb fährt das Hermes-Zentrum in Löhne. Die Investition liegt im zweistelligen Millionenbereich.

Warum zählt Synchronisation mehr als Geschwindigkeit?

Ein einzelnes Lager kann Pakete rekordschnell packen und bremst die Kette trotzdem aus, sobald Nachschub oder Transport aus dem Takt geraten. Über den Kundennutzen entscheidet deshalb die Abstimmung aller Schritte, nicht das Tempo einer Station. Laut Logistikchef Martin Umland ordnet Otto Verantwortung künftig entlang der Wertströme statt entlang der Abteilungen.

Was können kleinere Onlinehändler daraus lernen?

Ein Roboterkauf allein löst wenig, solange die Abteilungen getrennt planen. Kleinere Betriebe setzen den Hebel zuerst bei den Daten an: Ein gemeinsamer Blick auf Bestand, Nachfrage und Kapazität schlägt jede Insellösung. Klare Ausnahmeregeln und der frühe Blick auf den EU AI Act, der bei automatisierten Entscheidungen eine menschliche Kontrolle verlangt, gehören dazu.

Quellen

[1] Otto Group: „Next Level Intelligent Automation: Otto Group Enhances Robotic Coordination with NVIDIA AI“

[2] Otto Group Newsroom: „Leadership Change in Group Supply Chain Management“

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