Apple galt als der Konzern, der seine Schlüsseltechnik selbst baut. Beim wichtigsten Produkt dieses Jahrzehnts, einer runderneuerten Siri, lautet die Antwort nun: zugekauft. Den Sprachassistenten treibt künftig ein Google-Modell an.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Apple baut Siri auf einem maßgeschneiderten Google-Gemini-Modell neu auf und zahlt dafür rund 870 Millionen Euro pro Jahr. Vorgestellt wird der Umbau heute auf der Entwicklerkonferenz WWDC. Hinter der Schlagzeile steckt eine bemerkenswerte Machtverschiebung.

Das Wichtigste in Kürze

  • 1,2 Billionen Parameter: Ein eigens für Apple trainiertes Gemini-Modell übernimmt Planung und Zusammenfassung in Siri.
  • 870 Millionen Euro im Jahr fließen dafür an Google, ausgerechnet an den größten Rivalen.
  • Das Modell läuft auf Apples eigenen Servern (Private Cloud Compute), nicht bei Google.
  • Mit iOS 27 dürfen EU-Nutzer per „Extensions“ zwischen ChatGPT, Gemini und Claude wählen.

Warum zahlt ausgerechnet Apple an Google?

Roter Apfel mit Google-Wasserzeichen und Preisschild
Apple zahlt Google Milliarden für Suchvoreinstellung, nachdem Gericht Googles Monopolzahlungen für illegal befand

Die eigentliche Nachricht ist nicht das neue Siri, sondern die Geldrichtung. Rund zwei Jahrzehnte zahlte Google an Apple, damit seine Suche auf dem iPhone voreingestellt blieb, zuletzt über 17 Milliarden Euro im Jahr. Ein US-Gericht stufte genau diese Zahlungen 2024 als illegale Absicherung eines Suchmonopols ein. Nun dreht sich der Fluss um: Apple überweist, weil ein eigenes Spitzenmodell fehlt.

Technisch behält Apple einen Rest Kontrolle. Das Gemini-Modell mit 1,2 Billionen Parametern läuft auf Apples Private Cloud Compute, nicht in Googles Rechenzentren, und übernimmt vor allem Planung und Zusammenfassung. Die Abhängigkeit bleibt dennoch groß, denn Apple ist der letzte große Plattformkonzern ohne eigenes Frontier-Modell und mietet es beim direkten Rivalen. Dieses Muster kennt die Branche bereits, etwa als Google selbst KI-Rechenleistung bei Elon Musks xAI einkaufte.

Juristisch ist die Konstruktion heikel. Während Washington noch über die Strafen im Suchmonopol-Verfahren verhandelt, macht sich Apple vom selben Konzern abhängig. Wettbewerbsanwälte vergleichen den Fall bereits weniger mit dem App-Store-Streit als mit dem Microsoft-Kartellverfahren der 1990er Jahre.

Apple verkauft Privatsphäre als Versprechen und mietet das Herzstück seiner KI nun ausgerechnet bei Google.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Was ändert sich für Nutzer in der EU?

Schilder mit KI-Namen, Eulenfigur mit Brille und Buch auf weißer Trennwand
Mit iOS 27 wählen EU-Nutzer selbst, welches KI-Modell hinter Siri arbeitet.

Für den europäischen Markt steckt die wichtigere Neuerung im Kleingedruckten. Mit iOS 27 öffnet Apple seine KI-Funktionen über ein System namens Extensions: Nutzer legen selbst fest, ob ChatGPT, Gemini oder Anthropics Claude hinter Siri, den Schreibwerkzeugen und der Bildgenerierung steckt. Ganz freiwillig ist das nicht, denn der Digital Markets Act zwingt Apple ohnehin zur Öffnung. Schon unter iOS 26.2 mussten in der EU alternative Sprachassistenten erlaubt sein.

Für Unternehmen mit Apple-Flotte lohnt der genaue Blick. Sobald Mitarbeitende ein Cloud-Modell wählen, verlässt der Prompt das Gerät, was unter der DSGVO eine saubere Auftragsverarbeitung voraussetzt. Klären Sie daher, welche Modelle Ihr Mobile-Device-Management zulässt, ob für das gewählte Modell ein AV-Vertrag mit EU-Serverstandort vorliegt und ob Ihre internen KI-Richtlinien die freie Modellwahl der Belegschaft abdecken.

Den fertigen Assistenten zeigt Apple heute Abend deutscher Zeit. Bis iOS 27 im Herbst ausliefert, bleibt Zeit, Geräteflotte und KI-Richtlinie sauberzuziehen.

Mehr Newshunger?

Ein Gehirnmodell mit „SIRI“-Aufschrift und einem Mietvertrag davor auf einem runden Podest
Microsoft entwickelt KI-Agent Scout. Metas KI-Modell ist fertig, API fehlt. Estland verteilt ChatGPT-Zugänge ohne Hausaufgabenhilfe
4,4 16 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?