Der chinesische Sicherheitsanbieter 360 meldet für das erste Halbjahr rund 28 Millionen Euro Gewinn und schreibt die Wende seinen KI-Produkten zu. Über 80 Prozent davon stammen aber aus dem Ergebnis einer einzigen Bankbeteiligung, nicht aus verkaufter Sicherheitssoftware. Für Entscheider, die KI-Sicherheit einkaufen, zählt genau dieser Unterschied.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEin Halbjahresgewinn von 27,6 Millionen Euro klingt nach dem Beweis, dass sich die KI-Offensive von 360 endlich auszahlt. Die eigentliche Erklärung steht weiter hinten in der Bilanz, im Beteiligungsergebnis einer chinesischen Onlinebank. Ob dahinter ein tragfähiges KI-Geschäft steckt oder eine geschickte Erzählung, entscheidet allein die Herkunft dieser Zahl.
Das Wichtigste in Kürze
- 360 wendet ein Vorjahresminus von 36 Millionen Euro in 27,6 Millionen Euro Gewinn, über 80 Prozent davon aus einer Bankbeteiligung.
- Das Sicherheitsgeschäft bringt nur rund 40 Millionen Euro Halbjahresumsatz, der KI-nahe Kern bleibt eine Randgröße.
- 360 steht seit 2020 auf der US-Entity-List, das US-Verteidigungsministerium führt den Konzern als chinesisches Militärunternehmen.
- Das BSI darf nach Paragraf 7 BSIG öffentlich vor Sicherheitssoftware warnen, wie 2022 im Fall Kaspersky.
Woher kommt der Gewinn wirklich?

Von den 216 Millionen Yuan Konzerngewinn, umgerechnet rund 28 Millionen Euro zum Kurs vom 21. August 2026, entfielen laut Halbjahresbericht über 80 Prozent auf das Beteiligungsergebnis aus dem Anteil von 360 an der Tianjin Jincheng Bank, etwa 23 Millionen Euro.[1] Ein Jahr zuvor stand noch ein Verlust von 36 Millionen Euro in der Bilanz. Der bereinigte Gewinn ohne Sondereffekte liegt bei knapp 20 Millionen Euro, ein schmaler Wert für einen Konzern mit über einer halben Milliarde Euro Halbjahresumsatz.
Die Beteiligung an der digitalen Bank ist damit der stille Hebel hinter der Schlagzeile. Ein einzelner Finanzertrag trägt die Wende, das operative Geschäft trägt sie nicht.
Was steckt hinter der KI-Kommerzialisierung?
Das eigentliche Sicherheitsgeschäft wuchs im Halbjahr um 22,3 Prozent auf umgerechnet rund 40 Millionen Euro, ein zweistelliges Plus, gemessen am Konzern aber eine Randgröße. Den Löwenanteil des Umsatzes tragen weiter die Onlinewerbung mit rund 266 Millionen Euro und die Mehrwertdienste mit 157 Millionen Euro. Wie viel die KI-Produkte selbst einspielen, der Suchdienst Nano AI und das Sprachmodell 360 Zhinao, weist der Bericht nicht gesondert aus.
Diese Leerstelle wiederholt sich in der Branche. Wie bei Kingsoft Office, wo der Gewinn um 237 Prozent sprang, das Kerngeschäft aber deutlich langsamer wächst, klafft auch hier eine Lücke zwischen KI-Erzählung und ausgewiesener Zahl. Bei Meituan schlug die KI-Euphorie zunächst vor allem als Kosten zu Buche. iFlytek wiederum schrieb trotz KI-Agenten in sieben Abteilungen im Halbjahr Verlust.
Eine KI-Wende, die zu vier Fünfteln aus einer Bankbeteiligung besteht, ist eine Bilanzpointe, keine Produktstrategie. Entscheider sollten fragen, was die Software verdient, nicht was die Pressemitteilung verspricht.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet das für europäische Entscheider?
Beim Einkauf von KI-Sicherheit in Deutschland, Österreich und der Schweiz steht weniger die Bilanz im Vordergrund als die Vertrauensfrage. 360 steht seit 2020 auf der US-Entity-List, das US-Verteidigungsministerium führt den Konzern zudem als chinesisches Militärunternehmen.[2] Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik darf nach Paragraf 7 BSIG öffentlich vor Sicherheitsprodukten warnen, sobald Herkunft und Kontrolle eines Herstellers ein Risiko begründen. Genau das tat die Behörde im März 2022 mit ihrer Warnung vor Virenschutz von Kaspersky.
Sicherheitssoftware bekommt tiefen Systemzugriff, ihre KI-Funktionen verlagern Daten zusätzlich in die Cloud des Anbieters. Unter NIS2 haftet am Ende der einkaufende Betrieb für seine Lieferkette, nicht der Hersteller in Peking.
Vor jedem Zuschlag für einen KI-Sicherheitsanbieter gehört deshalb der Investmentertrag vom operativen Geschäft getrennt, dazu die Frage nach dem tatsächlichen Umsatz der KI-Produkte, nach Datenstandort und nach einer Zertifizierung wie BSI C5 oder ISO 27001.
FAQ: 360 verbucht die KI-Wende, den Gewinn bringt die Bankbeteiligung
Warum macht 360 im ersten Halbjahr 2026 wieder Gewinn?
360 weist für das erste Halbjahr 2026 rund 216 Millionen Yuan Gewinn aus, etwa 28 Millionen Euro, nach einem Verlust im Vorjahr. Über 80 Prozent davon stammen aus dem Beteiligungsergebnis am Anteil des Konzerns an der Tianjin Jincheng Bank, nicht aus dem laufenden Software- oder KI-Geschäft.
Womit verdient 360 sein Geld?
Den größten Teil des Umsatzes trägt weiterhin die Onlinewerbung, gefolgt von Mehrwertdiensten für Endnutzer. Das Sicherheitsgeschäft wuchs im Halbjahr zwar um 22,3 Prozent, blieb mit rund 40 Millionen Euro aber eine Randgröße. Den Umsatzanteil der eigentlichen KI-Produkte weist der Konzern nicht gesondert aus.
Steht 360 auf einer US-Sperrliste?
Ja. Das US-Handelsministerium setzte 360 im Jahr 2020 auf die Entity List und begründete das mit dem Risiko einer militärischen Endverwendung. 2022 nahm das US-Verteidigungsministerium den Konzern zusätzlich in seine Liste chinesischer Militärunternehmen auf.
Was ist Nano AI von 360?
Nano AI ist der KI-Suchdienst von 360, ergänzt um das hauseigene Sprachmodell 360 Zhinao. Beide gehören zur KI-Offensive des Konzerns. Wie viel Umsatz diese Produkte einspielen, macht der Halbjahresbericht allerdings nicht transparent.
Darf das BSI vor Sicherheitssoftware warnen?
Ja. Nach Paragraf 7 des BSI-Gesetzes darf das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik öffentlich vor Produkten warnen, wenn deren Einsatz die IT-Sicherheit gefährdet. Der bekannteste Fall ist die Warnung vor Virenschutz von Kaspersky im März 2022.
Quellen
[1] 360 Security Technology: Halbjahresbericht 2026 (Zusammenfassung, Börsencode 601360)
[2] US Federal Register: „Addition of Entities to the Entity List“ (5. Juni 2020)
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