Im Webdesign entscheidet zunehmend eine Maschine, was ein Mensch überhaupt zu sehen bekommt: Sprachmodelle fassen Inhalte zusammen und bauen ganze Oberflächen, bevor die erste Nutzerin darauf blickt. Die Designerin Aurélie Radom nennt das den Entwurf für den Stellvertreter. Ihre These kennt in Deutschland seit Juni 2025 auch das Gesetz.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEine Zahl macht den Umbruch greifbar: Sobald Google eine KI-Zusammenfassung über die Trefferliste legt, klicken nur noch 8 statt 15 Prozent der Suchenden auf einen Link. Das Pew Research Center maß das im Frühjahr 2025 an fast 69.000 Suchanfragen.[2] Der erste Kontakt mit einer Seite läuft damit oft über ein Modell, nicht über einen Menschen.
Das Wichtigste in Kürze
- Sprachmodelle werten Websites zuerst aus: Laut Pew klicken nur 8 statt 15 Prozent der Google-Nutzer, sobald eine KI-Antwort erscheint.
- Vibe Coding liefert überzeugende Screenshots, aber selten ein tragfähiges Produkt.
- Über Qualität entscheidet die unsichtbare Schicht aus Abständen, Design-System und Barrierefreiheit.
- Seit dem 28. Juni 2025 macht das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz Zugänglichkeit zur Pflicht.
Sprachmodelle werten Ihre Inhalte zuerst aus

Über Jahrzehnte gestaltete Webdesign für einen einzigen Adressaten, den Menschen. Heute läuft ein Fachartikel oft zuerst durch ein Sprachmodell, das ihn zusammenfasst und zitiert, und Suchende lesen die generierte Antwort statt der Quelle. Aurélie Radom beschreibt, wie sich damit die Zielgruppe grundlegend ändert.[1]
Jede Medientechnik belohnt anderes. Suchmaschinen prämierten einst die Auffindbarkeit, soziale Netzwerke die Interaktion. Sprachmodelle belohnen dagegen die Interpretierbarkeit. Die Gefahr steckt im letzten Schritt: Sobald Seiten nur noch für die maschinelle Zusammenfassung entstehen, gerät der Leser ins zweite Glied. Genau das sortiert die Generative Engine Optimization gerade neu und erklärt die wachsende KI-Ästhetik, die viele Oberflächen gleich aussehen lässt.
Was ein Screenshot über Webdesign nicht zeigt
Die zweite Front verläuft bei der Erstellung. Radom ließ ein KI-Werkzeug ohne Vorgaben eine Landingpage für eine Hautpflegemarke bauen, und das Ergebnis wirkte auf den ersten Blick fertig. Im echten Entwurf zeigte sich der Bruch: Das Layout kippte beim ersten sauberen Raster, Komponenten verhielten sich nicht wie ein System, Interaktionszustände fehlten, und an Barrierefreiheit hatte niemand gedacht.[1]
Gutes Webdesign steckt in den Entscheidungen, die ein Screenshot nicht zeigt: in den Abstandssystemen, die Hierarchie schaffen, und in der Komponenten-Architektur, die ein Produkt über Jahre trägt. Auch die Design Tokens gehören dazu. Je billiger die sichtbare Schicht wird, desto wertvoller wird die unsichtbare Schicht. Gegen den generischen Look hilft nur, die eigenen Regeln zu dokumentieren, etwa in einem DESIGN.md.
Was der Screenshot zeigt
- Farben und Layout auf einen Blick
- Eine fertige, überzeugende Anmutung
- Die sichtbare Oberfläche
Was er verschweigt
- Abstandssystem und Hierarchie
- Komponenten-Architektur
- Interaktionszustände
- Typografie über alle Breakpoints
- Barrierefreiheit nach WCAG
Ein KI-Entwurf, der im Screenshot glänzt, ist noch lange kein Produkt. Über die Qualität entscheidet die Schicht darunter, und seit dem BFSG entscheidet sie auch über die Rechtssicherheit einer Website.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das für Webdesign-Teams im DACH-Raum?
Optimieren Sie Inhalte für Maschinen, gestalten Sie das Produkt aber für Menschen. Seit dem 28. Juni 2025 verlangt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz zugängliche Websites und Shops, und generierte Oberflächen ohne Kontrast, Struktur und Tastaturbedienung werden damit zum konkreten Haftungsrisiko.
Für den Alltag folgen daraus klare Aufgaben. Strukturieren Sie Inhalte maschinenlesbar, ohne die Verständlichkeit zu opfern. Prüfen Sie jeden KI-Entwurf gegen ein echtes Design-System und die Zugänglichkeit, bevor er live geht, denn ob eine KI barrierefreien Code schreibt, bleibt die Ausnahme. Und behandeln Sie das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz nicht als Kür, sondern als Mindeststandard.
Der Rat der Designerin bleibt schlicht: Für Maschinen optimieren dürfen Sie, für Maschinen gestalten nicht.[1]
Quellen
[1] Aurélie Radom: „Designing for the proxy“
[2] Pew Research Center: „Google users are less likely to click on links when an AI summary appears in the results“
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