Verliert die M+E-Industrie weitere 300.000 Stellen?

Michael Dobler
Autor Dr. Web
3 Min. Lesezeit
Verliert die M+E-Industrie weitere 300.000 Stellen?

Gesamtmetall-Präsident Udo Dinglreiter warnt im Handelsblatt-Interview vor einer „Spirale nach unten“. Seit 2019 hat die Metall- und Elektroindustrie rund 300.000 Stellen verloren, weitere 300.000 könnten folgen. Dann läge die Beschäftigung unter dem tiefsten Stand nach der Wiedervereinigung.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Mit den jüngsten Warnungen von Gesamtmetall-Präsident Udo Dinglreiter rückt die Krise der Metall- und Elektroindustrie an einen historischen Tiefpunkt. Hand aufs Herz: Trifft Sie diese Entwicklung auch in der eigenen Zulieferkette? Das Interview im Handelsblatt liest sich wie ein Hilferuf an die Politik.

Das Wichtigste in Kürze

  • Seit 2019 sind in der Metall- und Elektroindustrie rund 300.000 Arbeitsplätze verschwunden, der Bestand liegt aktuell unter 3,8 Millionen.
  • Gesamtmetall-Präsident Udo Dinglreiter warnt vor weiteren 300.000 Jobverlusten in den kommenden Monaten.
  • Treten beide Szenarien ein, fällt die Beschäftigung unter den tiefsten Stand nach der Wiedervereinigung.
  • Bundeskanzler Friedrich Merz trifft die Sozialpartner am 10. Juni 2026, ein Wettbewerbsfähigkeits-Paket steht auf der Tagesordnung.

Was sagt Dinglreiter konkret?

Steuchel Stechuhr Mechanik Berlin Mod. IV Werkzeuge mit Zeitkarte im Auswurfschlitz
Metall- und Elektroindustrie mit 300.000 Arbeitsplatzverlusten seit 2019, weitere 300.000 gefährdet

Die Lage in der Metall- und Elektroindustrie bezeichnet der Verbandspräsident im Handelsblatt als „dramatisch“. Die Branche stellt rund zwei Drittel der deutschen Industrie und stützt damit den gesamten Wirtschaftsstandort. Der Beschäftigungsstand ist seit dem Höchststand 2019 um 300.000 gefallen und droht laut Dinglreiter um weitere 300.000 zu sinken.

Würde diese Prognose eintreffen, läge die Beschäftigung in der M+E-Industrie niedriger als zum bisher tiefsten Punkt nach der deutschen Wiedervereinigung. Wie sich der Druck heute schon in den Stellenplänen niederschlägt, hat die Redaktion am Beispiel der 1.300 Festo-Stellen in Esslingen und der vier von zehn Industriebetrieben mit Abbau-Plänen für 2026 dargestellt.

Warum drückt China auf die Bilanz?

M+E-Industrie-Gebäude mit Pagodendach, Drachenfigur und herausrollenden Laternen auf Weiß
Chinesische Investitionen in EU-Ländern wie Polen, Ungarn und Spanien schaffen neue Wettbewerber mit niedrigeren Kosten und direktem EU-Marktzugang

Mit den zuletzt deutlich gestiegenen chinesischen Investitionen in die EU schiebt sich ein zweiter Belastungsfaktor in den Vordergrund. Der Großteil dieser Investitionen fließt nicht nach Deutschland, sondern in andere EU-Länder. So entstehen in Polen, Ungarn oder Spanien neue Werke und damit neue Wettbewerber mit günstigeren Kostenstrukturen und direktem Marktzugang in den Binnenmarkt.

Die Arbeitsplätze bleiben außerhalb Deutschlands, die Konkurrenz aber landet direkt bei deutschen Mittelständlern auf der Ausschreibungs-Tabelle. Dass die deutsche Industriestruktur ohnehin bröckelt, belegt der DATEV-Mai-Bericht 2026: Maschinenbau minus 2,7 Prozent, Metallerzeugnisse minus 2,4 Prozent, während andere Bereiche zulegen.

Wenn eine Branche, die zwei Drittel der deutschen Industrie ausmacht, auf das Wendezeit-Niveau zurückfällt, dann betrifft das jeden Mittelständler in der Zulieferkette. Politische Lösungswillens-Beteuerungen reichen nicht mehr, jetzt zählt Tempo.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was erwartet die Branche vom Treffen am 10. Juni?

Weiße Schutzhelm mit orangefarbener Kante, Flügeldekor und Text „Hoffnungs-Flügel“
Gesamtmetall-Präsident skeptisch zu Merz-Treffen mit Sozialpartnern ohne konkretes Lösungspaket zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit

Das von Bundeskanzler Merz angesetzte Treffen mit den Sozialpartnern betrachtet der Gesamtmetall-Präsident mit Skepsis. Sinnvoll sei der Termin nur dann, wenn alle Parteien echten Lösungswillen mitbrächten. Andernfalls verliere man wertvolle Zeit. Die Wettbewerbsfähigkeit müsse jetzt mit einem konkreten Paket verbessert werden, sonst würden weitere Arbeitsplätze abgebaut, mehr Prozesse verlagert und weniger Steuern sowie Sozialabgaben gezahlt. Daraus entstehe eine Spirale nach unten, die schwer zu stoppen sei. Politisch parallel relevant: Die Bitkom-DSGVO-Studie zeigt, dass 70 Prozent der Unternehmen Innovationen wegen regulatorischer Lasten stoppen.

Was bedeutet das für Mittelständler in der Zulieferkette?

Kiste mit Teilen auf Palette mit Dominosteinen und Schild auf weißem Grund
Zulieferer sollten Kundenkonzentration prüfen: Über 30 Prozent Umsatz mit einem M+E-Großkunden bedeutet hohes Risiko bei Stellenabbau

Geschäftsführer in zuliefernden Betrieben sollten ihre Kundenkonzentration prüfen. Wer mehr als 30 Prozent Umsatz mit einem M+E-Großkunden macht, läuft Gefahr, einem Stellenabbau-Programm direkt zum Opfer zu fallen. Bonitätsprüfung der Top-Kunden, Diversifizierung in benachbarte Branchen und ein konservatives Liquiditätspolster bleiben 2026 die wichtigsten Hausaufgaben. Wer parallel in Effizienzhebel investieren will, kann die aktuellen LLM-Vergleichswerte aus dem DrWeb-Ratgeber heranziehen oder einen Blick auf den Selbstständigen-Gehalt-Report werfen, falls eine Ausgründung als Plan B auf dem Tisch liegt.

Mehr Newshunger?

Modell einer Halle zum Verkauf mit Figur und Schild vor weißem Hintergrund
Vier von zehn Industriebetrieben planen 2026 Massenentlassungen. Der Automatisierungshersteller Festo baut 1.300 Stellen in Deutschland ab
4,3 119 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Michael Dobler
Autor
Ich bin der Herausgeber von Dr. Web. Um praxisfit zu bleiben, unterstütze ich darüber hinaus Kunden bei der digitalen Kundengewinnung und Kundenbindung. Erste eigene Gehversuche im Internet unternahm ich 1999 mit einem Kinomagazin. Nach 15 Jahren in Lohn und Brot, u.a. als Projektmanager für digitale Medien, machte ich mich schließlich Ende 2005 selbständig. Das war die beste berufliche Entscheidung meines Lebens.
805 Artikel veröffentlicht
Alle Artikel

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter

Mehr solcher Artikel?
Jetzt kostenlos abonnieren.

Jeden Dienstag die besten Artikel aus dem Dr. Web-Magazin direkt in Ihr Postfach – kein Spam, jederzeit abmeldbar.

Einmal pro Woche, kein täglicher Spam
Jederzeit mit einem Klick abmeldbar
DSGVO-konform via Brevo