Eine Studie des MIT Media Lab zeigt einen unbequemen Nebeneffekt: Wer Fake News mit KI-Hilfe prüft, verliert die eigene Fähigkeit dazu. Nach vier Wochen schnitten die Teilnehmenden ohne KI sogar schlechter ab als zu Beginn. Für Redaktionen, Marketing und HR mit jungen Zielgruppen ist das ein Warnsignal.

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Immer mehr Menschen behandeln Chatbots wie eine Nachrichtenquelle. Laut Pew Research Center bezieht in den USA jeder fünfte Teenager seine Nachrichten von Chatbots, und jeder fünfte Erwachsene unter 50 nutzt KI zumindest gelegentlich dafür.

Das Wichtigste in Kürze

  • Mit KI-Hilfe erkannten die Teilnehmenden Falschnachrichten um 21 Prozent treffsicherer.
  • Nach vier Wochen ohne KI fiel die eigene Trefferquote unter den Ausgangswert vor dem Versuch.
  • Die Forschenden nennen den Effekt „KI-Abhängigkeitsparadox“ und vergleichen ihn mit GPS und dem schwindenden Orientierungssinn.
  • Die Stichprobe umfasste 67 Personen über vier Wochen, größere Replikationen stehen noch aus.

Was hat das Media Lab gemessen?

Stützräder im Vordergrund vor einem unscharfen Kinderfahrrad, alles auf weißem Grund
67 Probanden bewerteten vier Wochen lang Nachrichten-Bilder-Paare. Mit KI-Chatbot stieg ihre Erkennungsgenauigkeit um 21 Prozent, fiel aber nach Entzug der Unterstützung ab

Verfall zeigte sich erst nach dem Entzug. Im Versuch bewerteten 67 Personen über vier Wochen Paare aus Schlagzeile und Bild und sagten, ob sie diese für echt oder falsch hielten. Mit Chatbot-Hilfe stieg ihre Genauigkeit um 21 Prozent.

Dann verschwand die KI-Unterstützung. In der vierten Woche erkannten die Teilnehmenden Falschnachrichten nicht nur schlechter als mit Hilfe, sondern schlechter als ganz zu Anfang. Die unassistierte Trefferquote sackte rund 15 Prozentpunkte unter den Startwert.

Das Muster ist nicht neu. Forschende sprechen vom Deskilling oder kognitiven Auslagern, bekannt vom Taschenrechner und dem Kopfrechnen oder vom GPS und dem Orientierungssinn. Eine ähnliche Dynamik beschreibt der Dr.-Web-Artikel Macht KI unser Gehirn träge? für das Lernen am Bildschirm.

Warum trifft das gerade Entscheider?

Stempel, Roboterfinger und das gedruckte Wort WAHRHEIT auf weißem Grund
Ein Viertel der Nutzer überschätzte ihre Fähigkeiten, während ihre Leistung beim Faktencheck sank. KI-Tools können die eigene Urteilskraft schwächen

Selbsttäuschung verschärft das Risiko. Rund ein Viertel der Teilnehmenden glaubte, besser zu werden, während die gemessene Leistung sank. Wer auf KI-Faktenchecks setzt, überschätzt also leicht die eigene Urteilskraft.

Die KI macht uns im Moment besser und auf Dauer schlechter. Wer im Team Faktenchecks komplett an den Chatbot delegiert, baut genau die Kompetenz ab, auf die es bei der nächsten Desinformationswelle ankommt.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Anku Rani, Co-Erstautorin der Studie, führt die Ergebnisse auf ein fehlgeleitetes Vertrauen in KI zurück. Die Forschenden fanden zugleich Strategien, die langfristig zu besserer eigener Erkennung führten, auch wenn sie die Bearbeitung zunächst verlangsamten.

Die Arbeit knüpft an frühere Forschung der MIT Sloan School of Management an, wonach KI-Dialoge den Glauben an Falschinformationen senken können, solange die Nutzer aktiv mit dem System arbeiten. 

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