Finanzielle Sicherheit gilt als Fundament eines guten Lebens, doch kein Kontostand hält das Gefühl dauerhaft. Ein Forscherteam um Sendhil Mullainathan maß bei Menschen unter Geldsorgen einen Leistungsabfall wie nach einer schlaflosen Nacht, rund 13 IQ-Punkte. Das Pilotprojekt Grundeinkommen zahlte 122 Menschen drei Jahre lang 1.200 Euro im Monat, um zu prüfen, was danach mit diesem Gefühl geschieht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKaum ein Bedürfnis steuert Entscheidungen so stark wie der Wunsch nach Sicherheit, im Beruf, beim Geld, in Beziehungen. Trotzdem beschreiben Psychologie und Verhaltensökonomie Sicherheit weniger als Zustand denn als flüchtiges Gefühl, das sich immer wieder neu einstellen muss. Dieser Beitrag ordnet ein, warum das so ist und was daraus für Ihren Umgang mit Unsicherheit folgt.
Das Wichtigste in Kürze
- Grundbedürfnis: Sicherheit ist ein psychologisches Bedürfnis, das sich an Erwartungen anpasst, nicht an absolute Kontostände.
- Verlustangst: Gewöhnung und die Furcht vor Verlusten sorgen dafür, dass mehr Geld das Sicherheitsgefühl selten dauerhaft hebt.
- Denkkosten: Anhaltende Geldsorgen kosten messbar kognitive Leistung, in einer Science-Studie rund 13 IQ-Punkte.
- Verlässlichkeit: Das Pilotprojekt Grundeinkommen steigerte Zufriedenheit und mentale Gesundheit, ohne dass Menschen weniger arbeiteten.
Was meinen wir, wenn wir von Sicherheit sprechen?

Sicherheit meint im psychologischen Sinn nicht die Abwesenheit jeder Gefahr, sondern das verlässliche Gefühl, mit dem Kommenden umgehen zu können. Genau darin liegt der erste Trugschluss: Menschen jagen einem Zustand hinterher, obwohl in Wahrheit eine innere Bewertung gemeint ist, die sich laufend verschiebt.
Der Psychologe Abraham Maslow ordnete das Sicherheitsbedürfnis schon 1943 direkt über die körperlichen Grundbedürfnisse ein, noch vor Zugehörigkeit und Selbstverwirklichung. Erst auf einem stabilen Fundament, so seine Bedürfnishierarchie, wagen Menschen den nächsten Schritt. Fehlt der Boden, kreist das Denken um die Lücke.
Die moderne Hirnforschung verschärft den Befund. Das Gehirn arbeitet als Vorhersagemaschine, die laufend abgleicht, ob die nächste Minute zum erwarteten Muster passt. Sicherheit ist in diesem Bild kein fester Ort, sondern ein gelungener Abgleich zwischen Erwartung und Wirklichkeit, der jederzeit kippen kann.
Der Begriff zerfällt bei näherem Hinsehen in mehrere Ebenen. Eine gängige Aufschlüsselung unterscheidet fünf Dimensionen von Sicherheit, die selten gleichzeitig erfüllt sind. Finanziell abgesicherte Menschen fühlen sich sozial dennoch manchmal verloren, und umgekehrt trägt ein starkes Umfeld durch dünne Zeiten.
| Dimension | Was sie umfasst |
|---|---|
| Existenzielle Sicherheit | Gesundheit, Wohnung, Nahrung, das nackte Überleben |
| Finanzielle Sicherheit | verlässliches Einkommen und Rücklagen für das Erwartbare |
| Emotionale Sicherheit | Vertrauen darauf, Gefühle zeigen zu dürfen, ohne Strafe |
| Soziale Sicherheit | Zugehörigkeit und Menschen, die einen auffangen |
| Kognitive Sicherheit | ein Weltbild, das dem Alltag Orientierung gibt |
Diese Vielschichtigkeit erklärt, warum sich das Sicherheitsgefühl so schwer festhalten lässt. Sobald eine Dimension stabil wirkt, rückt die nächste ins Bewusstsein. Ein sicherer Job beruhigt nur, solange die Gesundheit mitspielt und der Freundeskreis hält.
Sicherheit ist eine innere Bewertung über fünf Ebenen hinweg, kein messbarer Zustand. Deshalb bleibt sie beweglich: Ist die eine Ebene gedeckt, meldet sich die nächste.
Warum fühlt sich niemand je sicher genug?

Zwei psychologische Mechanismen verhindern dauerhafte Sicherheit: Menschen gewöhnen sich schnell an erreichte Zustände, und sie fürchten Verluste stärker, als sie Gewinne genießen. Beide zusammen sorgen dafür, dass die Messlatte immer ein Stück höher wandert, egal wie viel schon erreicht ist.
Die Verhaltensökonomie nennt den ersten Effekt hedonistische Anpassung. Ein Gehaltssprung, eine größere Wohnung, ein voller Notgroschen fühlen sich kurz großartig an, werden aber rasch zum neuen Normal. Der Psychologe dahinter spricht von einer Tretmühle: Das Laufen hält an, der Standort bleibt gleich.
Der zweite Mechanismus ist die Verlustaversion. Daniel Kahneman und Amos Tversky zeigten in ihrer Prospect Theory von 1979, dass ein Verlust psychologisch rund doppelt so schwer wiegt wie ein gleich großer Gewinn. Mit wachsendem Besitz wächst also nicht die Ruhe, sondern die Angst, das Erreichte wieder herzugeben.
Ein dritter Faktor verstärkt beide Effekte: der Vergleich nach oben. Der Ökonom Richard Easterlin beobachtete schon 1974, dass steigende Durchschnittseinkommen die gemessene Zufriedenheit einer Gesellschaft kaum heben. Menschen bewerten die eigene Lage relativ zum Umfeld, nicht am absoluten Betrag auf dem Konto.
Im Alltag zeigt sich das als Vorsorgesparen. Viele Haushalte legen aus Sorge zurück, statt sich durch das Ersparte spürbar sicherer zu fühlen. Der Blick darauf, wie ungleich das Vermögen in Deutschland verteilt ist, macht die Sache nicht ruhiger, weil der Vergleich mit anderen die eigene Messlatte weiter nach oben zieht.
Gewöhnung
Das Sicherheitsgefühl passt sich neuen Zuständen an. Ein höheres Einkommen wird binnen Monaten zum neuen Normal.
Verlustaversion
Ein Verlust wiegt psychologisch rund doppelt so schwer wie ein gleich großer Gewinn (Kahneman und Tversky).
Vorsorgesparen
Aus Sorge legen viele Haushalte zurück, statt sich durch das Ersparte spürbar sicherer zu fühlen.
Die Kombination aus Gewöhnung und Verlustangst erklärt ein vertrautes Rätsel. Wohlhabende Menschen berichten oft von derselben diffusen Unruhe wie knapp Kalkulierende. Das absolute Niveau entscheidet weniger als die Richtung, in die sich die eigene Lage gerade bewegt.
- Gewöhnung: Jeder erreichte Zustand wird schnell zum Ausgangspunkt der nächsten Erwartung.
- Verlustaversion: Die Angst vor dem Rückschritt wächst mit dem Besitz mit.
- Folge: Nicht der Kontostand beruhigt, sondern die gefühlte Richtung der eigenen Lage.
Was kostet die ständige Sorge ums Geld?

Anhaltende Geldsorgen binden geistige Kapazität. Menschen, die permanent rechnen, ob das Geld reicht, verlieren Aufmerksamkeit für alles andere. Unsicherheit ist damit kein reines Gefühl, sondern ein Kostenfaktor, der sich in schlechteren Entscheidungen niederschlägt.
Den deutlichsten Beleg lieferte eine Studie im Fachjournal Science aus dem Jahr 2013. Das Team um Sendhil Mullainathan und Eldar Shafir testete Marktbesucher in New Jersey und Zuckerrohrbauern in Indien. Sobald finanzieller Druck präsent war, sank die kognitive Leistung, vergleichbar mit einer durchwachten Nacht oder rund 13 IQ-Punkten.
Die Forscher sprechen von begrenzter Bandbreite. Das Gehirn arbeitet wie ein überladener Rechner: Läuft im Hintergrund permanent die Sorge ums Konto, bleibt vorne weniger Kraft für Planung, Konzentration und Selbstkontrolle. Armut, so das Fazit, macht nicht dumm, aber Knappheit lähmt vorübergehend das klare Denken.
Diese Denklast hat sichtbare Folgen im Sozialsystem. Ein erheblicher Teil der Berechtigten ruft ihm zustehende Leistungen bei der Grundsicherung gar nicht ab, aus Scham, Unwissen oder schlicht überfordert von Anträgen. Ähnlich zermürbend wirkt der ständige Strom beunruhigender Nachrichten, der kognitive Sicherheit untergräbt, lange bevor eine reale Gefahr eintritt.
Die Sorge kostet also nicht nur Nerven, sondern lässt Menschen sogar auf Geld verzichten, das ihnen zusteht. Menschen, die permanent das Nötigste jonglieren, haben schlicht keine Bandbreite mehr, um sich durch einen sperrigen Antrag zu kämpfen. Knappheit schafft so ihre eigene Fortsetzung.
Für Entscheider in Unternehmen ist das mehr als eine Randnotiz. Belegschaften unter privatem Geldstress bringen weniger Konzentration mit an den Arbeitsplatz, treffen fehleranfälligere Entscheidungen und fehlen häufiger. Die Sorge des Einzelnen wird zur Produktivitätsfrage der ganzen Organisation.
Gerade in wirtschaftlich unruhigen Phasen summiert sich diese Last. Kündigungswellen, Inflation und eine unsichere Auftragslage erhöhen den privaten Druck, und die verlorene Aufmerksamkeit schlägt als Fehlerquote und innere Kündigung auf den Betrieb durch.
Geldsorgen ziehen geistige Kapazität ab, in einer Science-Studie im Umfang von rund 13 IQ-Punkten. Unsicherheit verschlechtert dadurch messbar Entscheidungen, im Privaten wie am Arbeitsplatz.
Was zeigt die Grundeinkommens-Forschung über Sicherheit?

Verlässliches Geld verändert vor allem das Gefühl, nicht die Arbeitszeit. Im Pilotprojekt Grundeinkommen stieg die Lebenszufriedenheit deutlich, während die Menschen genauso viel arbeiteten wie zuvor. Der Versuch übersetzt die Psychologie der Sicherheit erstmals in belastbare deutsche Daten.
Der Aufbau war schlicht. Von 2021 bis 2024 erhielten 122 Menschen im Alter zwischen 21 und 40 Jahren monatlich 1.200 Euro, bedingungslos und drei Jahre lang. Ausgewertet wurden 107 Empfängerinnen und Empfänger sowie eine Vergleichsgruppe von 1.580 Personen. Träger war der Berliner Verein Mein Grundeinkommen, wissenschaftlich begleitet unter anderem vom DIW Berlin.
Das laut Netz meistdiskutierte Ergebnis widerlegte ein verbreitetes Vorurteil. Rund 90 Prozent beider Gruppen arbeiteten weiter etwa 40 Stunden pro Woche, ein Rückzug vom Arbeitsmarkt blieb aus. Der viel beschworene Hängematten-Effekt trat schlicht nicht ein, wie der DIW-Wochenbericht im April 2025 festhielt.
Methodisch war der Versuch sorgfältiger als viele frühere Debattenbeiträge. Die Angaben der Teilnehmenden glichen die Forscher mit den Registerdaten der Bundesagentur für Arbeit ab, sodass der ausbleibende Rückzug nicht allein auf Selbstauskünften beruht. Genau diese Kopplung hebt die Studie über bloße Umfragen hinaus.
Interessanter als die Arbeitszeit war die Wirkung auf das Innenleben. Die Lebenszufriedenheit stieg um 0,42 Standardabweichungen, die mentale Gesundheit um rund 0,30, das Sinnerleben um 0,25. Bemerkenswert dabei: Der Effekt blieb über alle sechs Befragungswellen stabil, von Gewöhnung keine Spur.
Auch beim Geld verhielten sich die Empfänger anders als befürchtet. Sie sparten mehr, gaben etwas großzügiger für Gemeinnütziges und für Familie und Freunde. Die folgende Tabelle stellt die zentralen Kennzahlen beider Gruppen gegenüber.
| Kennzahl | Grundeinkommen (107) | Vergleichsgruppe (1.580) |
|---|---|---|
| Arbeitszeit pro Woche | rund 40 Stunden | rund 40 Stunden |
| Gespart pro Monat | 779 Euro | 332 Euro |
| Für Gemeinnütziges | 28 Euro | 12 Euro |
| Für Familie und Freunde | 126 Euro | 50 Euro |
| Lebenszufriedenheit | +0,42 Standardabw. | Basislinie |
Der deutsche Versuch steht nicht allein. Finnland zahlte von 2017 bis 2018 rund 2.000 Arbeitslosen ein steuerfreies Grundeinkommen von 560 Euro im Monat und maß ähnliche Muster: kaum Wirkung auf die Beschäftigung, aber deutlich mehr Wohlbefinden. Die Richtung der Befunde ähnelt sich über Ländergrenzen hinweg.
Bei aller Deutlichkeit lohnt der kritische Blick. Die ausgewertete Gruppe war mit 107 Personen klein, jung und freiwillig zusammengesetzt, und die Zahlungen endeten nach drei Jahren. Der Versuch misst damit die Wirkung einer befristeten Gewissheit, nicht die einer lebenslangen. Ob ein flächendeckendes Grundeinkommen finanzierbar wäre, beantwortet keine Feldstudie dieser Größe.
Genau hier trennen sich die Lesarten. Befürworter deuten die stabile mentale Gesundheit als Beleg, dass verlässliche Sicherheit Menschen produktiv statt träge macht. Kritiker verweisen auf die Kosten einer dauerhaften Zahlung an alle und darauf, dass eine befristete Garantie das Verhalten anders prägt als ein Anspruch fürs Leben.
Das Pilotprojekt zeigt eine unbequeme Wahrheit: Sicherheit ließ sich mit 1.200 Euro im Monat kaufen, aber nur, solange die Zahlungen liefen. Ein Gefühl mit Verfallsdatum taugt schlecht als Fundament einer ganzen Gesellschaftsreform.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Verlässliches Geld hob im Pilotprojekt Zufriedenheit und mentale Gesundheit, ohne die Arbeitszeit zu senken. Die kleine, befristete Stichprobe zeigt aber die Wirkung von Gewissheit auf Zeit, nicht das Rezept für eine Reform.
Wie leben Sie mit einer Welt ohne Garantien?

Sicherheit lässt sich nicht garantieren, aber trainieren. Der Umgang mit Unsicherheit wächst mit Rücklagen, tragfähigen Beziehungen und der Fähigkeit, Kontrollverlust auszuhalten. Aus der Illusion folgt kein Fatalismus, sondern eine nüchterne Verschiebung des Ziels: weg von der Jagd nach absoluter Sicherheit, hin zur Widerstandskraft.
Der finanzielle Teil ist am greifbarsten. Ein Notgroschen von einigen Monatsausgaben deckt nicht jede Katastrophe, nimmt aber dem Alltagsrisiko die Spitze und damit der Sorge einen Teil ihrer Denklast. Rücklagen wirken weniger über die Summe als über das Gefühl, im Ernstfall Handlungsspielraum zu haben.
Der soziale Teil wird oft unterschätzt. Menschen, die einen auffangen, sind in Krisen belastbarer als jedes Konto, weil sie mehrere Sicherheitsdimensionen zugleich stützen. Wie sich diese Widerstandskraft gezielt aufbauen lässt, beschreibt unser Leitfaden zur Resilienz in turbulenten Zeiten im Detail.
Bleibt der kognitive Teil, die Kunst, das Unkontrollierbare auszuhalten. Die stoische Unterscheidung zwischen dem, worauf Sie Einfluss haben, und dem Rest ist zweitausend Jahre alt und wirkt bis heute. Wer die Grenze akzeptiert, verschwendet weniger Bandbreite an Bedrohungen, die ohnehin außerhalb der eigenen Reichweite liegen. Die größeren Zusammenhänge dieses Themenfelds bündelt unser Überblick zur Illusion der Sicherheit.
Für Unternehmen gilt dieselbe Logik eine Etage höher. Planung unter Unsicherheit heißt nicht, die Zukunft vorherzusagen, sondern robuste Optionen für mehrere Szenarien vorzuhalten. Organisationen, die Kontrollverlust einkalkulieren, geraten seltener in Panik, sobald ein Plan bricht.
Ein Beispiel macht das greifbar. Statt einen einzigen Umsatzplan fortzuschreiben, rechnen vorausschauende Betriebe mehrere Szenarien durch, vom Nachfrageeinbruch bis zum Lieferengpass, und halten für jeden Fall eine vorbereitete Antwort bereit. Diese Vorbereitung ersetzt die trügerische Gewissheit durch echte Handlungsfähigkeit.
- Rücklagen: Ein Notgroschen senkt weniger das Risiko als die tägliche Denklast.
- Beziehungen: Ein tragfähiges Umfeld fängt mehrere Sicherheitsdimensionen zugleich auf.
- Akzeptanz: Die Grenze des Kontrollierbaren anzuerkennen spart geistige Kapazität.
Glossar: 12 wichtige Begriffe rund um Sicherheit und Psychologie

Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE)
Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) bezeichnet eine regelmäßige Zahlung an alle Bürger ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Gegenleistung. Anders als das Bürgergeld wird nichts angerechnet oder verlangt. Das Pilotprojekt Grundeinkommen testete diese Idee an einer kleinen Gruppe über drei Jahre.
Bürgergeld
Bürgergeld ist die bedürftigkeitsgeprüfte Grundsicherung für Erwerbsfähige in Deutschland, seit 2023 der Nachfolger von Hartz IV. Einkommen und Vermögen werden angerechnet, Mitwirkung wird erwartet. Im Gegensatz zum Grundeinkommen ist die Leistung an Voraussetzungen geknüpft.
Hedonistische Anpassung
Hedonistische Anpassung, auch hedonistische Tretmühle, beschreibt die Tendenz, nach einer positiven oder negativen Veränderung rasch zum gewohnten Zufriedenheitsniveau zurückzukehren. Ein höheres Einkommen hebt die Stimmung deshalb meist nur vorübergehend.
Kognitive Bandbreite
Kognitive Bandbreite meint die begrenzte geistige Kapazität für Aufmerksamkeit, Planung und Selbstkontrolle. Laufende Sorgen belegen diese Kapazität im Hintergrund und mindern die Leistung an anderer Stelle, ein Kernbefund der Knappheitsforschung.
Knappheit (Scarcity)
Knappheit (Scarcity) bezeichnet in der Verhaltensökonomie den Mangel an einer knappen Ressource wie Geld oder Zeit und dessen Wirkung auf das Denken. Der Mangel verengt den Fokus auf das Fehlende und zieht Kapazität von anderen Aufgaben ab.
Kontrollüberzeugung
Kontrollüberzeugung, im Englischen Locus of Control, beschreibt, ob ein Mensch Ereignisse eher der eigenen Handlung oder äußeren Umständen zuschreibt. Eine innere Kontrollüberzeugung geht oft mit einem stabileren Sicherheitsgefühl einher.
Maslowsche Bedürfnishierarchie
Maslowsche Bedürfnishierarchie ordnet menschliche Bedürfnisse in Stufen, von körperlichen Grundbedürfnissen über Sicherheit und Zugehörigkeit bis zur Selbstverwirklichung. Sicherheit steht auf der zweiten Stufe, direkt über dem physischen Überleben.
Nichtinanspruchnahme (Non-Take-Up)
Nichtinanspruchnahme (Non-Take-Up) bezeichnet den Umstand, dass Berechtigte ihnen zustehende Sozialleistungen nicht abrufen. Gründe sind Scham, fehlendes Wissen oder komplizierte Anträge. Die Quote gilt bei mehreren Leistungen als erheblich.
Prospect Theory
Prospect Theory, deutsch Neue Erwartungstheorie, wurde 1979 von Daniel Kahneman und Amos Tversky formuliert. Sie zeigt, dass Menschen Verluste stärker gewichten als gleich große Gewinne und Entscheidungen an Referenzpunkten ausrichten statt an absoluten Werten.
Resilienz
Resilienz ist die psychische Widerstandskraft, mit Belastungen und Krisen umzugehen, ohne dauerhaft Schaden zu nehmen. Im Kontext von Sicherheit ersetzt sie das unerreichbare Ziel absoluter Kontrolle durch die Fähigkeit, Unsicherheit zu tragen.
Standardabweichung
Standardabweichung ist ein statistisches Maß für die Streuung von Werten um den Mittelwert. In Studien dient sie als Vergleichseinheit für Effekte, etwa wenn die Lebenszufriedenheit um 0,42 Standardabweichungen steigt.
Vorsorgesparen
Vorsorgesparen, auch Vorsichtssparen, bezeichnet das Zurücklegen von Geld aus Sorge vor künftigen Risiken. Die Motivation liegt weniger im konkreten Ziel als im Wunsch nach einem Puffer gegen das Unvorhergesehene.
FAQ: Warum ist Sicherheit die größte Illusion?
Was bedeutet psychologische Sicherheit?
Psychologische Sicherheit meint das verlässliche Gefühl, mit dem Kommenden umgehen zu können, nicht die tatsächliche Abwesenheit jeder Gefahr. Der Begriff umfasst existenzielle, finanzielle, emotionale, soziale und kognitive Anteile und stellt sich immer wieder neu her, statt ein fester Zustand zu sein.
Macht mehr Geld glücklicher und sicherer?
Mehr Geld hebt das Sicherheitsgefühl meist nur kurz. Menschen gewöhnen sich rasch an ein höheres Einkommen, und die Angst vor Verlusten wächst mit dem Besitz mit. Verlässlichkeit über die Zeit wirkt stärker als ein einmalig hoher Betrag.
Wie viel zahlte das Pilotprojekt Grundeinkommen?
Im Pilotprojekt Grundeinkommen erhielten 122 Menschen drei Jahre lang je 1.200 Euro im Monat, ohne Bedingungen. Ausgewertet wurden 107 Empfängerinnen und Empfänger sowie eine Vergleichsgruppe von 1.580 Personen. Träger war der Verein Mein Grundeinkommen mit wissenschaftlicher Begleitung durch das DIW Berlin.
Beeinflusst Geldnot die Denkleistung?
Ja. Eine Studie im Fachjournal Science um Sendhil Mullainathan zeigte, dass anhaltende Geldsorgen die kognitive Leistung mindern, vergleichbar mit einer durchwachten Nacht oder rund 13 IQ-Punkten. Geistige Kapazität geht dabei für das ständige Rechnen verloren.
Was unterscheidet Bürgergeld und Grundeinkommen?
Bürgergeld ist eine bedürftigkeitsgeprüfte Sozialleistung mit Auflagen und Anrechnung von Einkommen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ginge ohne Prüfung und Gegenleistung an alle. Das Pilotprojekt testete nur die zweite Variante an einer kleinen Gruppe.
Wie gehe ich mit finanzieller Unsicherheit besser um?
Hilfreich sind ein Notgroschen für Erwartbares, tragfähige Beziehungen als Auffangnetz und bewusste Distanz zu einem Dauerstrom beunruhigender Nachrichten. Wichtiger als die Jagd nach absoluter Sicherheit ist die Fähigkeit, Kontrollverlust auszuhalten.
Quellen
DIW Berlin | Pilotprojekt Grundeinkommen: kein Rückzug vom Arbeitsmarkt, aber bessere mentale Gesundheit (Wochenbericht 15/2025) | https://www.diw.de/de/diw_01.c.945347.de/publikationen/wochenberichte/2025_15_1/pilotprojekt_grundeinkommen__kein_rueckzug_vom_arbeitsmarkt__aber_bessere_mentale_gesundheit.html | besucht am 13.08.2026
Science (Mani, Mullainathan, Shafir, Zhao) | Poverty Impedes Cognitive Function (Band 341, 2013) | https://www.science.org/doi/10.1126/science.1238041 | besucht am 13.08.2026
Pilotprojekt Grundeinkommen | Die Studienergebnisse | https://www.pilotprojekt-grundeinkommen.de/ | besucht am 13.08.2026
Mein Grundeinkommen | Sicherheit ist ein kuscheliger Fensterplatz (Magazin) | https://www.mein-grundeinkommen.de/magazin/psychologie-hinter-sicherheit | besucht am 13.08.2026
Econometrica (Kahneman, Tversky) | Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk (1979) | https://www.jstor.org/stable/1914185 | besucht am 13.08.2026