Eine Gemini-KI managt seit April ein echtes Café in Stockholm: Sie stellt Personal ein, verhandelt Verträge, ordert Ware. Dabei kauft sie 6.000 Servietten für ein kleines Lokal und Eier, obwohl es keine Küche gibt. Vom Startbudget bleibt fast nichts übrig.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKommt Ihnen das bekannt vor? Sie geben einem Agenten eine simple Aufgabe, und am Ende kauft er sechs Monatslagerbestände auf einmal. Im Stockholmer Stadtteil Vasastan ist genau das Realität geworden. Das US-Startup Andon Labs hat die Geschäftsführung des Andon Café an einen KI-Agenten namens Mona übergeben, basierend auf Googles Gemini. Menschliche Baristas brühen noch Kaffee, alles dahinter macht die Maschine. Das Ergebnis ist ein Lehrstück, wie weit autonome KI heute eben nicht ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Andon Labs lässt eine Gemini-KI seit dem 18. April 2026 ein Café in Stockholm managen
- Mona bestellte 6.000 Servietten, Industrie-Müllsäcke und Eier ohne vorhandene Küche
- Vom Startbudget von 21.000 US-Dollar sind unter 5.000 übrig, der Umsatz liegt bei 5.700 USD
- Andon Labs nennt das Experiment selbst eine Demonstration der aktuellen KI-Grenzen
Wie kommt eine KI auf 6.000 Servietten?

Mona hat einen klassischen Kontextfehler. Das berichtet Hanna Petersson aus dem Technik-Team von Andon Labs gegenüber AP News. Ältere Bestellungen verschwinden aus dem Kontextfenster der KI, also dem Arbeitsspeicher, mit dem das Sprachmodell aktuell jongliert. Mona vergisst, dass sie schon dreimal Servietten geordert hat, und ordert nochmal. Das gleiche Muster gilt für Müllsäcke und Eier. Eier wären sinnvoll, gäbe es eine Küche. Gibt es aber nicht.
Genau dieses Muster zeigt sich auch in Parallel-Experimenten von Andon Labs. Ein KI-System, das eigentlich nur einen virtuellen Getränkeautomaten verwalten sollte, rief das FBI an, nachdem ein Mail-Streit mit dem Lieferanten eskaliert war. Ein anderer Automat verschenkte Spielkonsolen und bestellte lebende Fische. Diese Fälle sind keine Einzelfälle, sondern Symptome.
Warum schlägt sich Mona bei Verhandlungen besser?

Interessanterweise gelingen Mona gerade die kreativen Geschäfte. Sie hat einen Mietvertrag analysiert, Genehmigungen eingeholt, eine Speisekarte entworfen, Lieferanten ausgewählt und Stellenanzeigen geschaltet. Sie verhandelte einen Deal über 9.000 SEK für 300 QR-Codes zum Verschenken von Gratis-Kaffees. Ein Startup zahlte 3.000 SEK, um drei Monate lang ein Gebäck nach sich benennen zu lassen. Mona organisierte sogar einen Google-Meet-Call mit einer anderen KI, die von ihren Erfahrungen lernen wollte.
Der Konstruktionsfehler liegt also nicht in der Sprachintelligenz, sondern im operativen Gedächtnis. Sobald wiederkehrende Aufgaben über mehrere Tage geplant werden müssen, fällt Mona ins Stolpern. Das ist eine zentrale Erkenntnis für jeden, der gerade eigene KI-Agenten plant: Frontier-Modelle reden gut, aber sie führen kein verlässliches Inventar.
Andon Café zeigt im Zeitraffer, was passiert, wenn man einem Sprachmodell Verantwortung gibt, ohne ihm ein Gedächtnis zu bauen. Die Pointe ist nicht, dass die KI zu dumm ist. Die Pointe ist, dass Architektur entscheidet, ob ein Agent funktioniert oder Servietten hortet.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wie steht das Café finanziell da?

Die Zahlen sind ernüchternd. Seit der Eröffnung Mitte April hat das Andon Café laut Andon Labs rund 5.700 US-Dollar Umsatz gemacht. Vom Anfangsbudget von gut 21.000 US-Dollar bleiben weniger als 5.000 übrig. Ein Großteil ging in einmalige Einrichtungskosten, der Rest verteilt sich auf Monas Bestell-Eskapaden und reguläre Betriebsausgaben. Andon Labs hofft auf Break-even, garantiert ist davon nichts.
Was das Experiment lohnenswert macht: Andon Labs hat es ehrlich als Stress-Test angelegt. Das Startup arbeitet mit OpenAI, Anthropic, Google DeepMind und xAI zusammen und stellt seine Erkenntnisse öffentlich. Alle Mitarbeitenden im Café sind formal bei Andon Labs angestellt, niemand hängt existenziell an Monas Entscheidungen. Mehr Sicherheitsabstand kann man einer KI kaum geben. Wer selbst plant, Agenten produktiv einzusetzen, kann sich diesen Luxus oft nicht leisten.
Was bedeutet das für deutsche Mittelständler?

Drei Lehren aus Stockholm sind sofort übertragbar. Zunächst braucht jeder Agent einen externen Memory-Layer, der Bestellhistorie, Lagerbestand und laufende Verträge führt. Das Sprachmodell allein vergisst zuverlässig. Parallel dazu gehört in jeden Workflow ein Schwellenwert-Alarm: Bestellungen über einer bestimmten Stückzahl oder Summe lösen eine Freigabepflicht aus. Mona hätte bei der 6.000er-Lieferung anhalten müssen. Schließlich lohnt sich der Blick auf die Kosten pro Aufgabe. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Token-Krise bei Agenten, der die typischen Kostenfallen sortiert.
Eine zweite Beobachtung passt zur Adobe-Studie aus dem April: Unternehmen überschätzen, wie reif KI-Agenten im Kundenkontakt sind. Stockholm liefert dazu die anschauliche Begleitmusik. Wer kann, lässt seinen Agenten erst gegen ein eng gestecktes Spielfeld antreten, bevor er ihn auf echte Kunden oder Lieferanten loslässt. Andon Labs dokumentiert den weiteren Verlauf auf der Projektseite zum Café-Experiment.
Wer haftet eigentlich, wenn die KI zu viel bestellt?

Diese Frage stellt sich bei Mona nicht ernsthaft, weil Andon Labs jeden Vertrag selbst unterschrieben hat. In deutschen Unternehmen wird sie schnell relevant. Sobald ein Agent eigenständig Bestellungen auslöst, braucht es klar definierte Vollmachten, ein Vier-Augen-Prinzip ab definierten Beträgen und ein Audit-Log, das jede Entscheidung nachvollziehbar macht. Mona ist hier ein dankbares Anschauungsobjekt für die nächste IT-Sicherheits-Schulung.
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