Der Optikkonzern Zeiss zog bei seinem SAP-Projekt die Reißleine, nachdem die Kosten für den kompletten Neuaufbau auf S/4HANA über 200 Millionen Euro geklettert waren. Statt das System von Grund auf neu zu bauen, hebt das Unternehmen seine bestehende Landschaft jetzt schonender in die Cloud. Für jeden Mittelständler vor der SAP-Wartungsfrist 2027 steckt darin eine teure Lektion.

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Eine S/4HANA-Migration sollte Zeiss von der betagten Software R/3 befreien, deren erste Version aus dem Jahr 1992 stammt. Rund fünf Jahre und mehr als 200 Millionen Euro später steht fest, dass der eingeschlagene Weg der falsche war.

Das Wichtigste in Kürze

  • Zeiss stoppt den greenfield-Neuaufbau seiner SAP-Landschaft und wechselt auf eine brownfield-Migration.
  • Über 200 Millionen Euro flossen seit rund 2020 in das ursprüngliche Projekt, das nun neu aufgesetzt wird.
  • Externe Berater übernehmen die Steuerung der schonenderen Umstellung.
  • Die Mainstream-Wartung für SAP ECC endet am 31. Dezember 2027 und erhöht den Umstiegsdruck.

Was hat Zeiss konkret entschieden?

Modell einer Ruine, Holzschild „Neustart gestoppt“, grauer Metallkasten mit Karteikarte
Zeiss migriert SAP-Systeme statt kompletten Neubau in die Cloud. Brownfield-Ansatz spart Kosten gegenüber ursprünglichem Greenfield-Projekt über 200 Millionen Euro

Zeiss ersetzt den kompletten Neuaufbau seiner SAP-Systeme durch eine schonendere brownfield-Migration, bei der die bestehende Landschaft weitgehend erhalten bleibt und in die Cloud gehoben wird. Wie zuerst der Finanzdienst Bloomberg berichtete, summierten sich die Kosten des ursprünglichen greenfield-Projekts über mehrere Jahre auf mehr als 200 Millionen Euro. Ein Unternehmenssprecher räumte gegenüber dem IT-Fachdienst The Register ein, der Vorstand habe schon 2020 die Größe der Aufgabe erkannt, R/3 abzulösen.

Künftig steuern externe Berater die Umstellung. Der Fall zeigt, wie schwer sich selbst technisch gut aufgestellte Häuser mit dem Wechsel des ERP-Systems tun, wenn eine über Jahrzehnte gewachsene Landschaft am Kern des Betriebs hängt.

Warum scheitern greenfield-Umstiege so oft?

Beim greenfield-Ansatz bauen Unternehmen ihre Prozesse in S/4HANA von null neu, was jahrzehntelang gewachsene Eigenentwicklungen und Schnittstellen entwertet und die Projekte aufbläht. Der brownfield-Weg hebt die vorhandene Umgebung dagegen weitgehend unverändert auf die neue Plattform und bewahrt Eigencode wie gewohnte Abläufe. Dieser Weg senkt Risiko und Kosten, schleppt aber alten technischen Ballast mit.

Branchenschätzungen zufolge verfehlen rund 60 Prozent aller S/4HANA-Migrationen ihr Budget oder ihren Zeitplan. Zeiss steht damit nicht allein, denn der Lebensmittelkonzern Lidl brach ein vergleichbares SAP-Projekt bereits nach etwa 500 Millionen Euro ab. Manche ERP-Anbieter setzen längst auf KI-Agenten statt klassischer Module, doch der Umstieg auf die aktuelle Kernplattform bleibt die Pflicht davor.

Der eigentliche Fehler liegt nicht in der Kostenüberschreitung, sondern im Glauben, eine über Jahrzehnte gewachsene ERP-Landschaft ließe sich in einem Rutsch neu erfinden. Zwei Jahre vor dem Wartungsende aus der Schwäche heraus zu verhandeln, kostet am Ende mehr als jede saubere Vorbereitung.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet der Fall für den Mittelstand?

Mittelständler mit SAP ECC sollten den Umstieg jetzt planen, denn die Mainstream-Wartung endet am 31. Dezember 2027. Eine kostenpflichtige Verlängerung reicht nur bis Ende 2030.[1] Der Aufpreis liegt bei zwei Prozentpunkten auf die Wartungsbasis, während SAP die Nachfolgeplattform S/4HANA bis 2040 pflegt. SAP koppelt seinen KI-Ausbau inzwischen an ein Cloud-Bekenntnis, was den Druck zum Wechsel zusätzlich erhöht.

Vor jeder Entscheidung steht eine ehrliche Inventur des Eigencodes. Erst danach lässt sich abwägen, ob ein sauberer Neuaufbau die Prozesse wirklich verbessert oder ob die brownfield-Konvertierung genügt. Wichtig bleibt ein Budget mit Puffer statt einer Kalkulation auf den Bestfall, wie das Zeiss-Beispiel unmissverständlich vorführt.

Zeiss verlegt den Start der neuen Umstellung damit nach hinten, gewinnt aber Kontrolle über Kosten und Risiko zurück. Für kleinere SAP-Anwender lautet die Lehre schlichter: Über den Preis entscheidet die Methode, nicht die Nähe zur Frist.

Das Zeiss-SAP-Projekt in Zahlen
Ein gestoppter Neuaufbau und der Druck der Wartungsfrist
200 Mio. €
flossen in den gestoppten greenfield-Neuaufbau
2027
Ende der Mainstream-Wartung für SAP ECC (31. Dezember)
~60 %
der S/4HANA-Migrationen verfehlen Budget oder Zeitplan
500 Mio. €
kostete Lidls früher abgebrochenes SAP-Projekt

Greenfield

Prozesse werden von null neu auf S/4HANA aufgebaut. Bereinigt Altlasten, kostet aber mehr Zeit und Geld und entwertet gewachsenen Eigencode.

Brownfield

Die bestehende Landschaft wird konvertiert und in die Cloud gehoben. Schneller und günstiger, trägt jedoch alten technischen Ballast mit.

FAQ: Zeiss stoppt den S/4HANA-Neustart

Was ist der Unterschied zwischen greenfield und brownfield bei SAP?

Beim greenfield-Ansatz wird die SAP-Umgebung komplett neu auf S/4HANA aufgebaut, beim brownfield-Ansatz die bestehende Landschaft samt Eigencode konvertiert und weitgehend erhalten. Greenfield bereinigt gewachsene Prozesse, kostet aber mehr Zeit und Geld. Brownfield ist schneller und günstiger, schleppt jedoch alten technischen Ballast mit.

Wann endet die Wartung für SAP ECC?

Die Mainstream-Wartung für SAP ECC 6.0 und die Business Suite 7 endet am 31. Dezember 2027. Gegen einen Aufpreis von zwei Prozentpunkten bietet SAP eine verlängerte Wartung bis Ende 2030 an. Für die Nachfolgeplattform S/4HANA reicht die Wartungszusage bis 2040.

Wie lange dauert eine S/4HANA-Migration?

Typische S/4HANA-Projekte dauern rund 12 bis 24 Monate, abhängig von Größe, Zahl der Eigenentwicklungen und gewähltem Migrationsweg. Große, stark angepasste Landschaften wie bei Zeiss können sich über mehrere Jahre ziehen und die Planung mehrfach sprengen.

Was kostet eine S/4HANA-Migration?

Eine pauschale Zahl gibt es nicht, die Spanne reicht vom niedrigen sechsstelligen Bereich im Mittelstand bis zu dreistelligen Millionenbeträgen bei Konzernen. Zeiss investierte über 200 Millionen Euro, bevor das Projekt gestoppt und die Methode gewechselt wurde.

Was passiert, wenn man nicht auf S/4HANA migriert?

Ohne Migration verliert ein ECC-System nach 2027 die reguläre Wartung und damit Sicherheits- und Gesetzesupdates. Der Betrieb bleibt technisch möglich, doch Risiko, Compliance-Aufwand und die Abhängigkeit von teuren Speziallösungen steigen mit jedem Jahr deutlich.

Quelle

[1] SAP: „SAP S/4HANA maintenance until 2040 – clarity and choice for SAP Business Suite 7 customers“

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