Den ersten Quantencomputer der Schweiz stellt IBM bis Ende 2026 im Tessin auf. Bezahlt hat die Anlage weder die ETH Zürich noch der Bund: Das Geld stammt aus einem Gegengeschäft, zu dem sich Lockheed Martin beim Verkauf der Kampfjets F-35A an die Schweizer Armee verpflichtet hat.[1] Der Mechanismus dahinter erklärt zugleich, warum die Maschine in Lugano landet statt in Zürich.

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Das Wichtigste in Kürze

  • IBM installiert am Schweizer Nationalen Hochleistungsrechenzentrum CSCS in Lugano ein IBM Quantum System Two, betriebsbereit bis Jahresende.
  • Im Inneren arbeitet der Prozessor Nighthawk r2 mit 120 programmierbaren Qubits und mehr als 100.000 Schaltkreisen je Sekunde.
  • Finanziert wird die Anlage über die Offsetverpflichtung von Lockheed Martin gegenüber armasuisse, dem Bundesamt für Rüstung.
  • Aus dem F-35A-Geschäft standen per 30. Juni 2026 noch 1.598,3 Millionen Franken offen, rund 1,69 Milliarden Euro.

Wie bezahlt ein Kampfjet-Kauf einen Quantenrechner?

Flugzeugmodell, Zylinder mit Zündkerze und ein blaues Schild mit der Aufschrift „Gegengeschäft“
Ausländische Rüstungslieferanten müssen bei Aufträgen über 20 Millionen Franken industrielle Zusammenarbeit in der Schweiz leisten, anrechenbar sind auch indirekte Geschäfte und Forschungseinrichtungen

Über die Offsetpflicht. armasuisse verpflichtet ausländische Rüstungslieferanten ab einem Beschaffungsvolumen von 20 Millionen Franken zur industriellen Zusammenarbeit in der Schweiz, in der Regel über 100 % des Kaufpreises.[2] Anrechenbar sind auch indirekte Geschäfte ohne Bezug zum gelieferten Rüstungsmaterial. Forschungseinrichtungen gehören ausdrücklich zu den zugelassenen Begünstigten. Lockheed Martin kauft deshalb keine Jet-Bauteile in der Schweiz, sondern stellt der ETH einen Quantenrechner hin. Den anerkannten Wert darf armasuisse zusätzlich mit einem Faktor von 1 bis 3 multiplizieren, sofern das Geschäft eine sicherheitsrelevante Technologie fördert. Die Offset-Policy führt Quantum Computing und Quantum Sensing beide in ihrer Technologieliste.[2] Das erste der beiden gemeinsamen Forschungsprojekte von IBM und Lockheed Martin zielt genau auf Quantensensorik für die Navigation.[1]

Warum steht die Anlage in Lugano statt in Zürich?

Die Sprachregionen-Quote. Die Offset-Policy verlangt eine Verteilung der Geschäfte auf 65 % deutschsprachige, 30 % französischsprachige und 5 % italienisch- und rätoromanischsprachige Schweiz. Grundlage bildet Artikel 106 Absatz 2 des Militärgesetzes.[2] Beim F-35A-Programm steht die tatsächliche Verteilung per 30. Juni 2026 bei 84,4 %, 14,7 % und 0,9 %.[3] Das Tessin trägt damit den größten Rückstand im ganzen Programm. Das CSCS gehört zur ETH Zürich, steht aber in Lugano. Einen Präzedenzfall liefert dasselbe Register bereits: Die EPFL Lausanne erscheint dort als Begünstigte des F-35A-Offsets, eingeordnet in die Branche Forschung und Entwicklung.[3]

Forschungsinfrastruktur aus der Rüstungskasse klingt nach Umweg. Für die Schweiz bleibt das der kürzeste Weg zu einer Maschine, die kein einzelner Kanton und keine einzelne Hochschule allein bezahlen würde.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Kein Neuland. Im selben Gebäude steht der Rechner Alps, auf dem das offene Schweizer Sprachmodell Apertus trainiert wurde. IBM hat das System Two zuletzt modular erweitert und erstmals zwei Kühlzellen gekoppelt. Den praktischen Nutzen belegte der Konzern im Juli mit einer nachprüfbaren Methode zum Quantenvorteil. Mit dem Kauf von HRL Laboratories sicherte sich IBM zudem einen zweiten Weg zum Qubit.

Ein Quantenrechner auf Rüstungsrechnung

Schweizer Offsetgeschäft zum Kampfjet F-35A, Stand des Registers 30. Juni 2026

120
programmierbare Qubits im Prozessor Nighthawk r2, den IBM in Lugano einbaut
1,69 Mrd. €
offene Offsetverpflichtung von Lockheed Martin, umgerechnet aus 1.598,3 Mio. Franken zum EZB-Kurs 0,9451 vom 11. September 2026
100 %
des Kaufpreises muss ein ausländischer Rüstungslieferant in der Regel in der Schweiz kompensieren, ab 20 Mio. Franken Auftragsvolumen
2029
Laufzeit der Vereinbarung zwischen IBM und der ETH Zürich für Aufbau und Betrieb

Sprachregionen-Quote beim F-35A: Soll gegen Ist

Deutschschweiz
Soll 65 %, tatsächlich 84,4 % der anerkannten Offsetgeschäfte
Westschweiz
Soll 30 %, tatsächlich 14,7 %
Tessin, Graubünden
Soll 5 %, tatsächlich 0,9 %: der größte Rückstand im Programm. Genau dort steht das CSCS

Was bringt die Anlage der Industrie im DACH-Raum?

Zugang über die ETH Zürich. Schweizer Hochschulen, Start-ups und Unternehmen buchen die Rechenzeit über die ETH, die den Zugang koordiniert und parallel die IBM-Cloud-Flotte öffnet.[1] Deutsche und österreichische Firmen erreichen die Maschine nur über einen Schweizer Partner, denn ein anerkanntes Offsetgeschäft verlangt mindestens 20 % Wertschöpfung in der Schweiz.[2] Zwei Schritte lohnen jetzt. Chemie-, Werkstoff- und Finanzhäuser mit Schweizer Tochtergesellschaft melden ihr Interesse direkt bei der ETH an, bevor die Rechenzeit verteilt ist. Zulieferer der Sicherheits- und Wehrtechnik prüfen das öffentliche Offset-Register auf noch offene Verpflichtungen, denn dort stehen die Kontaktpersonen der ausländischen Lieferanten.[3]

Quellen

[1] IBM Newsroom: „IBM, Lockheed Martin Announce Swiss Quantum Innovation Hub at ETH Zurich“

[2] armasuisse: Offset-Policy vom 1. November 2022 (PDF)

[3] armasuisse: Offset-Register per 30. Juni 2026 (PDF)

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