Der Gebärdensprach-Avatar von Boehringer Ingelheim übersetzt Packungsbeilagen für Menschen, die geschriebenes Deutsch kaum verstehen. Schätzungen des Deutschen Gehörlosen-Bunds zufolge nutzen rund 80.000 gehörlose Menschen in Deutschland die Deutsche Gebärdensprache als Erstsprache. Seit 2021 begleitet ein KI-gestützter Avatar ausgewählte Beipackzettel des Pharmakonzerns und dolmetscht die medizinischen Hinweise in Bedeutung, Grammatik und Mimik der Gebärdensprache, nicht Wort für Wort.[1]
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Boehringer Ingelheim nutzt seit 2021 einen KI-Gebärdensprach-Avatar für ausgewählte Packungsbeilagen, zuerst für die Tiergesundheitsmarke FRONTPRO.
- Der Avatar überträgt den Sinn in Deutsche Gebärdensprache, begleitet von einem Video, das die Anwendung Schritt für Schritt zeigt.
- Seit dem 28. Juni 2025 verpflichtet das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz private Anbieter zu barrierefreien digitalen Angeboten, bei Verstoß drohen Bußgelder bis 100.000 Euro.
- Den technischen Part liefert der Anbieter SignTime, dessen Gründer Georg Tschare auf die Lese-Hürde geschriebener Sprache verweist.
Warum scheitert die klassische Packungsbeilage an der Gebärdensprache?

Die Deutsche Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik und eigenem Satzbau, kein visuelles Abbild des Deutschen. Viele gehörlose Menschen erwerben Sprache primär visuell und lesen geschriebenes Deutsch deshalb wie eine Fremdsprache. Eine Packungsbeilage in kleiner Fachschrift verlangt medizinisches Vokabular und flüssiges Lesen zugleich. Genau diese Gruppe bleibt dabei faktisch ausgeschlossen.
Georg Tschare, Gründer des Dienstleisters SignTime, benennt den Kern des Problems: „Die meisten gehörlosen Menschen in Deutschland haben große Schwierigkeiten, geschriebene Sprache zu verstehen. Sie sehen die Wörter, aber die Bedeutung bleibt verschlossen.“ Falsch verstandene Dosierungshinweise sind kein Komfortproblem, sondern ein Sicherheitsrisiko, weil Anwendungsfehler bei Arzneimitteln unmittelbar Folgen haben.
Wie übersetzt der KI-Avatar einen Beipackzettel in Gebärde?
Der Avatar spiegelt keine Sätze und übersetzt nicht Wort für Wort. Stattdessen interpretiert er den Inhalt und formt ihn in den Satzbau der Gebärdensprache. Mimik und Kopfbewegung tragen dabei einen Teil der Bedeutung, weil solche nicht-manuellen Signale in der Gebärdensprache grammatische Funktion haben und über Frage, Verneinung oder Betonung entscheiden. Genau diese Ebene macht die automatische Erzeugung technisch anspruchsvoll und trennt sie von einer simplen Untertitelung.
Während der Avatar die Wirkweise erklärt, läuft im Hintergrund ein Video, das die Anwendungsschritte zeigt. Beide Ebenen zusammen stützen das Verständnis und senken das Risiko von Anwendungsfehlern. Boehringer setzt Künstliche Intelligenz nicht nur an dieser Stelle ein, sondern auch in der Wirkstoffforschung mit Owkins KI-Modell K Pro. Die Barrierefreiheit ist die für Endkunden sichtbarste dieser Anwendungen.
Barrierefreiheit war lange freiwillige Kür. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz macht daraus eine Pflicht, für die ein KI-Avatar die technische Lösung längst liefert.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz für Anbieter?
Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, die deutsche Umsetzung der EU-Richtlinie 2019/882. Zum ersten Mal nimmt eine Regel umfassend private Unternehmen in die Pflicht und verlangt barrierefreie Produkte und digitale Dienste für Verbraucher, von Websites über Apps bis zum Online-Handel. Die Marktaufsicht kann Nachbesserung verlangen, Angebote untersagen und Bußgelder bis 100.000 Euro verhängen.
Der Boehringer-Avatar zeigt, wohin die Entwicklung läuft: Regulierte KI wandert in sensible Bereiche, etwa als zertifizierte medizinische KI in Klinik und Praxis. Zugleich wird barrierefreie Information zur Compliance-Frage. Unternehmen sollten prüfen, wo Gebärdensprache die eigentliche Zielsprache ist, statt sich auf gut gemeinte Behelfslösungen zu verlassen. Ob eine KI barrierefreie Ergebnisse liefert, entscheidet sich in der Qualitätskontrolle, denn ein Teil der gehörlosen Community bewertet Avatare kritischer als menschliche Dolmetscher.
Der KI-Gebärdensprach-Avatar und der rechtliche Rahmen
Was ist ein Gebärdensprach-Avatar?
Ein Gebärdensprach-Avatar ist eine digitale, KI-gestützte Figur, die Texte in Gebärdensprache überträgt. Anders als eine Untertitelung übersetzt der Avatar nicht Wort für Wort, sondern formt den Inhalt in die Grammatik, den Rhythmus und die Mimik der Gebärdensprache. Boehringer Ingelheim setzt einen solchen Avatar seit 2021 für ausgewählte Packungsbeilagen ein, zuerst für die Tiergesundheitsmarke FRONTPRO.
Warum reicht eine schriftliche Packungsbeilage für gehörlose Menschen nicht aus?
Die Deutsche Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik, kein Abbild des Deutschen. Viele gehörlose Menschen erwerben Sprache visuell und lesen geschriebenes Deutsch wie eine Fremdsprache. Eine Packungsbeilage in kleiner Fachschrift verlangt medizinisches Vokabular und flüssiges Lesen zugleich und bleibt dieser Gruppe deshalb oft verschlossen.
Was schreibt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz vor?
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) gilt seit dem 28. Juni 2025 und setzt die EU-Richtlinie 2019/882 in deutsches Recht um. Das Gesetz verpflichtet erstmals umfassend private Anbieter zu barrierefreien Produkten und digitalen Diensten für Verbraucher, darunter Websites, Apps und Online-Handel. Die Marktaufsicht kann Nachbesserung verlangen und Bußgelder bis 100.000 Euro verhängen.
Ersetzt der KI-Avatar menschliche Gebärdensprachdolmetscher?
Nein, der Avatar ersetzt Dolmetscher nicht vollständig. Sinnvoll ist er bei standardisierten Inhalten wie Packungsbeilagen, die sonst kaum je gebärdensprachlich verfügbar wären. Ein Teil der gehörlosen Community bewertet Avatare kritischer als menschliche Dolmetscher, weshalb Qualitätskontrolle und menschliche Aufsicht wichtig bleiben.
Quelle
[1] Boehringer Ingelheim: „Sign Language Avatar“
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