Volkswagen baut im ID. Polo 2026 die reine Touch-Bedienung zurück und gibt Lautstärke, Klima und Warnblinker an echte Tasten. Dahinter steckt kein Nostalgie-Reflex, sondern ein altes Designprinzip: Jedes zusätzliche Detail kostet Aufmerksamkeit. Eine begrenzte Zahl an Bedienelementen schafft Raum, die wenigen verbleibenden Elemente sorgfältig zu gestalten.

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Etwa 800 Funktionen soll die Mittelkonsole im Porsche 918 Spyder gebündelt haben, und niemand hat diese 800 je als System entworfen.[1] Genau so entsteht Feature Creep: eine vernünftige Anforderung nach der anderen, bis keine Fläche mehr frei ist und niemand mehr den Überblick behält. Der Designer Geoff Teehan hat dieses Muster gerade neu beschrieben, ausgerechnet die Autoindustrie liefert das Gegenbeispiel.

Das Wichtigste in Kürze

  • Volkswagen ersetzt im ID. Polo 2026 Touch-Flächen wieder durch physische Tasten für Klima, Lautstärke und Warnblinker.
  • Das Prinzip dahinter: Aufmerksamkeit skaliert nicht mit der Zahl der Bedienelemente, jedes Detail bindet Pflege und Sorgfalt.
  • Feature Creep entsteht schleichend, eine plausible Einzelanforderung nach der anderen, nicht durch eine einzige Fehlentscheidung.
  • Für Produktteams heißt das: Weglassen ist eine aktive Entscheidung, kein Versäumnis.

Was heißt „weniger Details“ für ein Interface?

Graue Wippschalterreihe mit zentralem, orangefarbenem Schalter und Text „nur dieser zählt“
Konzentriertes Design durch Reduktion: Weniger Elemente ermöglichen vollendete Gestaltung statt kahler Leere, wie Dieter Rams und Jack Dorsey betonen

Weniger Details bedeutet nicht kahler, sondern konzentrierter. Dieter Rams fasste das in den Satz „Weniger, aber besser“, und Jack Dorsey formulierte für die Praxis: „Jedes einzelne Detail perfekt machen und die Zahl der Details begrenzen.“ Beide meinen dasselbe: Nur wenige Elemente lassen sich mit voller Sorgfalt gestalten.

Der iPod machte das vor. Ein einziges Scrollrad steuerte tausend Songs, und gerade weil die Bedienung auf dieses eine Element zulief, konnte Apple das Rad bis zur Perfektion feilen. Ein Bedienfeld mit dreißig Reglern lässt solche Sorgfalt gar nicht erst zu.

Warum wächst jedes Interface von selbst zu?

Komplexität wird selten geplant, sie lagert sich an. Jede neue Funktion, jedes zusätzliche Feld ist eine kleine Hypothek: einmal eingebaut, verlangt jeder Baustein über Jahre Pflege, Tests und Aufmerksamkeit.

Apples iTunes zeigt den Verlauf. 2001 startete das Programm als schlanker Musicplayer, 2019 verwaltete dieselbe Software Filme, Serien, Podcasts und einen Store. Kein einzelner Schritt war falsch, die Summe wurde unbedienbar. Dass schon ein schlecht gesetztes Detail messbar schadet, zeigt die Debatte um deaktivierte Buttons in Formularen. Wie überladene Oberflächen inzwischen alle gleich wirken, führt die Diskussion um die generische KI-Ästhetik vor.

Jedes Feature, das ein Team einbaut, ist ein Versprechen auf jahrelange Pflege. Die eigentliche Leistung steckt im Nein zu allem, was daneben noch möglich wäre.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was VW im ID. Polo daraus macht

Volkswagen dreht den Touch-Trend zurück. Im ID. Polo, dem Serienmodell für 2026, sitzen unter dem Bildschirm wieder feste Tasten für Klima und Warnblinker, dazu ein klassischer Lautstärkeregler und echte Schalter am Lenkrad. Chefdesigner Andreas Mindt begründet den Schritt mit dem Wunsch der Kundschaft nach sicherer, intuitiver Bedienung.

Für Produktteams jenseits der Autobranche liegt die Lehre nahe. Prüfen Sie vor jeder neuen Funktion, wie viel Aufmerksamkeit sie kostet, nicht nur, welchen Nutzen sie verspricht. Behandeln Sie das Weglassen als eigene Designentscheidung, die so viel Arbeit verdient wie das Hinzufügen. Dieselbe Haltung findet sich in der Rückbesinnung vieler Teams auf reduziertes Flat Design.

Weniger Details, mehr Sorgfalt
Vier Belege dafür, dass Aufmerksamkeit nicht mit der Zahl der Bedienelemente wächst.
≈800
Funktionen bündelte die Mittelkonsole im Porsche 918 Spyder, gewachsen ohne Gesamtplan.
1
Scrollrad steuerte im iPod die gesamte Musikbibliothek und ließ sich bis zur Perfektion feilen.
2001→2019
iTunes wuchs vom schlanken Musicplayer zur Zentrale für Filme, Serien, Podcasts und Store.
3
Tastengruppen kehren im VW ID. Polo 2026 zurück: Klima, Lautstärke und Warnblinker.
„Weniger, aber besser.“
Dieter Rams, Gestalter

Quelle

[1] Lightspark / Geoff Teehan: „Limit the number of details“

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