Verschläft Deutschland die Wohneigentumsfrage?
4. Mai 2026
Reading Time: 22 minutes

Verschläft Deutschland die Wohneigentumsfrage?

Michael Dobler

Michael Dobler

Autor Dr. Web

Wohneigentum ist in Deutschland Mangelware. 47,3 Prozent der Haushalte leben in den eigenen vier Wänden, der EU-Schnitt liegt bei rund 68 Prozent. Kein anderes EU-Land hat eine niedrigere Quote. Und der Zug fährt gerade weiter ab.

Sie kennen die Diskussion. „Wir müssen mehr bauen“, „die Mieten steigen“, „Wohnen ist soziale Frage“. Was selten gesagt wird: Deutschland hat sich systematisch weggefördert vom Eigentum. Die letzte ernsthafte Eigentumsförderung wurde 2005 abgeschafft. Seitdem läuft sie nur noch in homöopathischen Dosen, und das Ergebnis sehen Sie in jeder Eurostat-Tabelle.

Das Wichtigste in Kürze

  • Deutschland ist mit 47,3 Prozent EU-Schlusslicht beim Wohneigentum, der EU-Durchschnitt liegt bei 68 Prozent (Eurostat 2024)
  • Die Eigenheimzulage als zentrales Förderinstrument lief 1996 bis 2005, kostete zuletzt rund 11,4 Milliarden Euro pro Jahr und wurde zum 1. Januar 2006 ersatzlos gestrichen
  • Frankreich hat seinen zinslosen Erstkäuferkredit PTZ im April 2025 sogar ausgeweitet, Niederlande und Italien entlasten Erstkäufer komplett von der Grunderwerbsteuer
  • Die Grunderwerbsteuer in Deutschland reicht von 3,5 Prozent in Bayern bis 6,5 Prozent in NRW, Brandenburg, Saarland und Schleswig-Holstein
  • Der im Koalitionsvertrag 2025 versprochene Freibetrag von 250.000 Euro für Erstkäufer scheitert bisher am Föderalismus

Wie schlecht steht Deutschland tatsächlich da?

Stillleben aus Betonadler mit Helm, verriegelter Holztür und Textzettel auf Weiß
47,3 Prozent der deutschen Haushalte leben 2024 im Eigenheim. Im EU-Durchschnitt sind es 68 Prozent, Rumänien führt mit 94 Prozent an

Die Zahl, mit der man am besten anfängt, ist 47,3 Prozent. So viele Haushalte in Deutschland leben 2024 im eigenen Heim. Eurostat erhebt die Quote jährlich. Im EU-Durchschnitt sind es 68 Prozent, in Rumänien 94, in der Slowakei 93, in Polen 87. Selbst Frankreich, das gerne als ähnlich „mietergeprägt“ wahrgenommen wird, liegt mit 63 Prozent deutlich vor Deutschland. Nur die Schweiz hat in Europa eine niedrigere Quote, und die Schweiz hat aus regulatorischen Gründen ein eigenes Modell.

Wohneigentum in Europa
Wer wohnt wo zur Miete, wer im Eigentum? (Anteile in %, 2024)
DE
47,3 % — Schlusslicht der EU.
Der EU-Schnitt liegt bei 68 %.
Eigentumsquoten ausgewählter EU-Länder
Rumänien
94 %
Slowakei
93 %
Polen
87 %
Spanien
75 %
Italien
75 %
Niederlande
69 %
EU-27 Schnitt
68 %
Frankreich
63 %
Österreich
51 %
Deutschland
47,3 %
Drei Zahlen, die Deutschland erklären
21
Prozentpunkte Abstand zum EU-Schnitt
16 %
Eigentumsquote in Berlin (Schlusslicht innerhalb Deutschlands)
60 %
Eigentumsquote im Saarland (Spitze innerhalb Deutschlands)
Quelle: Eurostat 2024, IW Köln, Statistisches Bundesamt

Die Quote ist nicht nur niedrig, sie sinkt. 2023 waren es noch 47,6 Prozent, 2022 sogar nur 46,5 Prozent. Bei der jüngeren Generation ist der Rückgang dramatischer: Vor dem Immobilienboom 2008 lag die Eigentümerquote der 25- bis 44-Jährigen bei 32 Prozent. 2022 waren es noch 26 Prozent. Zwischen 2018 und 2022 schafften jährlich rund 400.000 Haushalte den Sprung ins Eigenheim. Vor 20 Jahren waren es 650.000 pro Jahr.

Der Bundesländervergleich zeigt das Stadt-Land-Gefälle. Im Saarland liegt die Quote bei knapp 60 Prozent, in Berlin bei 16 Prozent. Bei wem das nicht als Warnsignal ankommt: In der deutschen Hauptstadt wohnen rund acht von zehn Menschen zur Miete. Das ist europaweit eine Anomalie.

LandWohneigentumsquote 2024Abstand zu Deutschland
Rumänienrund 94 %+47 Prozentpunkte
Slowakeirund 93 %+46 Prozentpunkte
Polenrund 87 %+40 Prozentpunkte
Spanienrund 75 %+28 Prozentpunkte
Italienrund 75 %+28 Prozentpunkte
EU-27 Durchschnittrund 68 %+21 Prozentpunkte
Frankreichrund 63 %+16 Prozentpunkte
Österreichrund 51 %+4 Prozentpunkte
Deutschland47,3 %0

Quelle: Eurostat 2024, Statistisches Bundesamt. Die genauen Werte schwanken je nach Stichtag und Erhebungsmethode um 1 bis 2 Prozentpunkte.

Welche historischen Versäumnisse stehen dahinter?

Haus-Sparbüchse und ungültiges Dokument auf einem Holzbrett
Mit der Streichung der Eigenheimzulage zum 1. Januar 2006 verschwand das wichtigste Förderinstrument der deutschen Nachkriegswohnungspolitik
74 Jahre deutsche Wohneigentumspolitik
Vom Aufbruch nach 1949 bis zum Förderloch nach 2005
2005
Der Schnitt: Eigenheimzulage abgeschafft.
Seitdem 20 Jahre ohne breit wirkendes Förderinstrument.
Zeitstrahl der Förderung in Deutschland
1949
Erste 7b-Abschreibung
Steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten für Baukosten als erstes Förderinstrument der jungen Bundesrepublik.
1956
Zweites Wohnungsbaugesetz
Eigenheim wird zum gesellschaftspolitischen Ziel der Bundesrepublik erklärt.
1982
Baukindergeld eingeführt
Vergünstigung für Familien mit Kindern beim Erwerb selbstgenutzten Wohneigentums.
1987
Umstellung auf §10e EStG
Einkommensteuerliche Förderung wird auf Sonderausgabenabzug umgestellt, mit Bodenwertanteil.
1996
Eigenheimzulagengesetz
Direkte, einkommensunabhängige Zulage. Bis zu 2.850 € pro Jahr für Familien mit zwei Kindern, acht Jahre lang.
22. DEZ 2005
Eigenheimzulage gestrichen
Große Koalition aus CDU/CSU und SPD beschließt ersatzlose Abschaffung. 11,4 Mrd. € jährliche Förderung fallen weg.
2008
Wohn-Riester
Eigenheimrentengesetz koppelt Eigentumsförderung an die Riester-Rente. Wirkungstiefe deutlich geringer.
2018–2020
Baukindergeld 2.0
1.200 € pro Kind über zehn Jahre, befristet. Programm wurde nicht verlängert.
2023
KfW-Klimaförderung
Zinsverbilligte Kredite für klimafreundliche Neubauten. Strenge Effizienzanforderungen schließen Bestandskäufer faktisch aus.
2025
Versprochener Freibetrag
Koalitionsvertrag sieht 250.000 € Grunderwerbsteuer-Freibetrag für Erstkäufer vor. Stand Februar 2026: nicht umgesetzt.
Was haben andere Länder in den 20 Jahren ohne Eigenheimzulage gemacht?
Während Deutschland nichts ersetzte, bauten andere ihre Förderung aus.
FR
Prêt à Taux Zéro: Zinsloser Erstkäuferkredit, 1995 eingeführt. Im April 2025 sogar ausgeweitet auf alle Neubauten in ganz Frankreich. 45.000 vergebene Kredite allein 2024.
NL
Null Grunderwerbsteuer für Erstkäufer zwischen 18 und 35 Jahren bis 525.000 €. Plus voller Hypothekenzinsabzug über 30 Jahre.
IT
Reduzierte Registersteuer für Erstkäufer (2 statt 9 %). Bei Neubauten reduzierte MwSt von 4 statt 10 Prozent.
DE
Seit 2006: kein zentrales Erstkäufer-Förderinstrument. Stattdessen Grunderwerbsteuer-Spirale von 3,5 auf bis zu 6,5 Prozent.
Quelle: Wikipedia/Eigenheimzulage, Schader-Stiftung, Springer Nature, info.gouv.fr, Belastingdienst NL, Tax Foundation

Deutschland hat Wohneigentum über Jahrzehnte gefördert, und zwar nicht zu knapp. Das Zweite Wohnungsbaugesetz von 1956 setzte das Eigenheim als gesellschaftspolitisches Ziel. 1949 kamen die ersten steuerlichen Abschreibungen für Baukosten, die berühmte 7b-Abschreibung. 1982 folgte das Baukindergeld. 1987 wurde die Förderung auf den § 10e EStG umgestellt. 1996 löste das Eigenheimzulagengesetz die alten Regelungen ab und etablierte eine direkte, einkommensunabhängige Zulage.

Das System lief gut. Bis 2005. Dann kam der Schnitt.

Die rot-grüne Bundesregierung legte im August 2003 das Haushaltsbegleitgesetz vor, das die Eigenheimzulage komplett streichen sollte. Der Bundesrat blockierte. Im Oktober 2004 stimmte der Bundestag dem „Gesetz zur finanziellen Unterstützung der Innovationsoffensive durch Abschaffung der Eigenheimzulage“ zu, der Bundesrat blockierte erneut. Die freiwerdenden Mittel sollten in Bildung und Forschung fließen. Das Argument der Befürworter: Die Eigenheimzulage sei mit zuletzt 11,4 Milliarden Euro pro Jahr „die steuerliche Einzelsubvention mit dem höchsten Volumen im Bundeshaushalt“ und damit ineffizient.

Nach der vorgezogenen Bundestagswahl im September 2005 einigten sich CDU, CSU und SPD im Koalitionsvertrag vom 11. November 2005: Die Eigenheimzulage wird zum 1. Januar 2006 abgeschafft. Das Gesetz zur Abschaffung der Eigenheimzulage trat am 22. Dezember 2005 in Kraft. Wer bis Jahresende einen notariellen Kaufvertrag abschloss, bekam noch die volle Förderung. Alle danach gingen leer aus. Das war einer der teuersten haushaltspolitischen Reflexe der jüngeren Bundesgeschichte, vergleichbar in seiner Reichweite mit anderen Entscheidungen, die Berufspolitiker ohne Skin in the Game gegen Mittelständler treffen.

Was bedeutete die Abschaffung konkret?

Ein Ehepaar mit zwei Kindern hatte unter der alten Regelung jährlich 2.850 Euro Förderung erhalten, acht Jahre lang. Macht 22.800 Euro über die gesamte Laufzeit. Bei einer typischen Eigenheimfinanzierung war das genau der Betrag, der den Schwellenhaushalt vom Mietverhältnis ins Eigentum bringen konnte. Branchenkenner berichten, dass Banken damals Vorfinanzierungen anboten, die ausschließlich aus den künftigen Eigenheimzulagen zurückgezahlt wurden. Diese Konstruktion erlaubte vielen Familien, die hohen Kaufnebenkosten überhaupt zu stemmen.

Mit dem Wegfall fiel diese Konstruktion weg. Die Bundesregierung führte zwar 2008 das Eigenheimrentengesetz ein, das selbstgenutztes Wohneigentum als Anlageform in die Riester-Rente einbezog. 2018 folgte das Baukindergeld mit 1.200 Euro pro Kind über zehn Jahre. Seit 2023 gibt es zinsverbilligte KfW-Kredite für klimafreundliche Neubauten und Bestandserwerb. Aber: Keine dieser Maßnahmen hatte die Wirkungstiefe der Eigenheimzulage. Das Baukindergeld lief 2020 aus. Die KfW-Programme sind an strenge Energieeffizienz-Anforderungen gekoppelt und schließen den klassischen Bestandskäufer faktisch aus.

Das Ergebnis: Zwischen 2006 und 2026 hat Deutschland zwei Jahrzehnte ohne ein zentrales, breit wirkendes Wohneigentumsförderinstrument verbracht. In genau diesen Jahren stiegen die Immobilienpreise in den Ballungsräumen um 100 bis 200 Prozent.

Die Eigenheimzulage ersatzlos zu streichen war einer der teuersten haushaltspolitischen Reflexe der jüngeren Bundesgeschichte. Die kurzfristige Einsparung hat eine ganze Generation den Zugang zum Eigentum gekostet.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Wie hoch sind die Markteintrittshürden heute?

Modellhaus hinter einer Bezahlschranke mit 12 % Nebenkosten, davor eine Modellfamilie
Grunderwerbsteuer, Notar, Grundbuch und Maklerprovision summieren sich zu einer Mautschranke vor dem Eigentum

Wer heute in Deutschland ein Haus oder eine Wohnung kauft, zahlt zwischen 9 und 15 Prozent des Kaufpreises an Nebenkosten, bevor er auch nur einen Quadratmeter besitzt. Diese Nebenkosten finanzieren die Banken in der Regel nicht mit. Sie müssen aus Eigenkapital kommen.

KostenpositionHöhe vom KaufpreisBemerkung
Grunderwerbsteuer3,5 % bis 6,5 %je nach Bundesland
Notarkostenrund 1,5 %bundeseinheitlich
Grundbucheintragrund 0,5 %bundeseinheitlich
Maklerprovisionbis zu 3,57 %Käuferanteil seit 2020
Summe9 % bis 12 %bei Maklereinsatz

Bei einem Kaufpreis von 400.000 Euro sind das 36.000 bis 48.000 Euro Nebenkosten allein für den Wechsel im Grundbuch. Hinzu kommt die Eigenkapitalanforderung der Banken. Die übliche Empfehlung lautet: 20 bis 30 Prozent des Kaufpreises sollten aus Eigenmitteln kommen. Das ergibt für die 400.000-Euro-Immobilie eine Eigenkapitalsumme von 80.000 bis 120.000 Euro plus Nebenkosten, also insgesamt 116.000 bis 168.000 Euro.

Welche Rolle spielt die Grunderwerbsteuer?

Die Grunderwerbsteuer ist der Posten mit der größten Spreizung zwischen den Bundesländern. Bayern erhebt seit Jahren konstant 3,5 Prozent, NRW, Brandenburg, Saarland und Schleswig-Holstein liegen bei 6,5 Prozent. Bei einer Immobilie für 400.000 Euro macht das einen Unterschied von 12.000 Euro, nur weil die Postleitzahl auf der falschen Seite einer Bundeslandgrenze liegt.

Seit der Föderalismusreform 2006 dürfen die Länder den Satz selbst festlegen. Was als Wettbewerbsinstrument gedacht war, hat sich zu einer Steuererhöhungsspirale entwickelt. Der bundesweite Durchschnittssatz lag 2006 bei 3,5 Prozent. 2024 lag er bei 5,53 Prozent. Eine empirische Studie der Tax Foundation zeigt: Eine Erhöhung um einen Prozentpunkt senkt die Immobilienpreise innerhalb eines Jahres um drei Prozentpunkte und reduziert die Wohnungsbautätigkeit so stark, dass die Mehreinnahmen in mehreren Bundesländern komplett aufgefressen werden, ein Muster, das auch beim Versuch der Verwaltungskostensenkung im Gesundheitssystem zu beobachten ist.

Im Koalitionsvertrag 2025 steht die Einführung eines Freibetrags von bis zu 250.000 Euro für Erstkäufer. Stand Februar 2026 fehlt die Umsetzung. Der Bund kann nicht einfach durchgreifen, weil die Grunderwerbsteuer Ländersache ist. Jedes Bundesland kann eigenständig entscheiden, ob es einen Freibetrag einführt oder nicht. Bisher hat keines konsequent gehandelt.

Wie macht es das EU-Ausland?

Vier Modellhäuser mit Länderkürzeln (FR, NL, IT, DE), grüne Aufkleber und eine Schranke
Frankreich, Niederlande und Italien lassen Erstkäufer rein. Deutschland stellt ein Drehkreuz vor die Tür

Die Frage ist längst nicht mehr akademisch. Andere EU-Länder haben verstanden, dass Wohneigentum ein zentraler Hebel der Vermögensbildung in der breiten Mitte ist. Sie agieren entsprechend.

Frankreich: Der zinslose Erstkäuferkredit PTZ

Frankreich hat 1995 den Prêt à Taux Zéro eingeführt, einen staatlich zinssubventionierten Kredit für Erstkäufer. Der PTZ ergänzt die Hauptfinanzierung, läuft komplett ohne Zinsen und wird vom Staat refinanziert. Ein Haushalt mit mittlerem Einkommen kann bis zu 50 Prozent seines Kaufprojekts über den PTZ finanzieren, je nach Einkommensklasse und Region.

Im April 2025 hat Frankreich das Programm sogar ausgeweitet. Bis dahin galt der PTZ nur in Ballungsräumen und nur für Eigentumswohnungen. Seit dem 1. April 2025 ist er für alle Neubauten in ganz Frankreich verfügbar, auch für Einfamilienhäuser auf dem Land. 2024 wurden rund 45.000 PTZ-Kredite vergeben. Der Effekt: Junge Haushalte in der unteren und mittleren Einkommensklasse haben einen verlässlichen, planbaren Zugang zum Eigentum, der unabhängig von der Zinsentwicklung am Kapitalmarkt funktioniert.

Niederlande: Erstkäufer zahlen null Grunderwerbsteuer

Die Niederlande sind einen anderen Weg gegangen. Wer dort als Erstkäufer zwischen 18 und 35 Jahren zum ersten Mal eine selbstgenutzte Immobilie kauft, zahlt null Prozent Grunderwerbsteuer, sofern der Marktwert unter rund 525.000 Euro liegt. Wer drüber liegt oder älter als 35 Jahre ist, zahlt als regulärer Eigennutzer 2 Prozent. Investoren und Käufer von Mietobjekten zahlen ab 2026 acht Prozent (vorher 10,4 Prozent). Das ist eine klare Lenkungswirkung: Junge Erstkäufer im normalen Preissegment werden vom Staat aktiv reingelassen, Investoren werden steuerlich draußen gehalten.

Zusätzlich erlauben die Niederlande den vollen Hypothekenzinsabzug über 30 Jahre. Wer eine Immobilie finanziert, kann die gezahlten Zinsen vom zu versteuernden Einkommen abziehen, sofern die Hypothek mindestens annuitätisch getilgt wird. Dieses Instrument hat den niederländischen Wohnungsmarkt strukturell anders aufgestellt als den deutschen. Die niederländische Eigentumsquote liegt bei rund 69 Prozent.

Italien: Reduzierte Grunderwerbsteuer für Erstkäufer

Italien gewährt Erstkäufern, die die Immobilie selbst bewohnen, eine reduzierte Registersteuer von 2 Prozent statt der regulären 9 Prozent. Bei Neubauten vom Bauträger fällt eine reduzierte Mehrwertsteuer von 4 Prozent statt 10 Prozent an. Das ist im Effekt eine Halbierung bis Drittelung der Eintrittskosten. Italiens Eigentumsquote liegt entsprechend bei rund 75 Prozent.

Polen, Großbritannien, Skandinavien

Polen hatte mit „Mieszkanie dla Młodych“ und später „Mieszkanie+“ jahrelang aktive Erstkäuferprogramme mit direkten Zuschüssen und staatlich subventionierten Krediten. Großbritannien fuhr von 2013 bis 2023 das Help-to-Buy-Programm, das Erstkäufern bis zu 20 Prozent des Kaufpreises (in London 40 Prozent) als zinsfreies Darlehen für die ersten fünf Jahre stellte. Schweden und Finnland nutzen Hypothekenzinsabzüge in Kombination mit langen Laufzeiten und niedrigen Eigenkapitalanforderungen.

Das Muster ist klar: Fast jedes andere westeuropäische Land hat zumindest ein zentrales Förderinstrument, das Erstkäufern den Eintritt erleichtert. Deutschland hat seit 2006 keines mehr, das diesen Namen verdient.

Was wäre jetzt zu tun?

Ein Holzkasten mit einem Stempel, Geldschein und Holzhammer zu Immobilienförderungen
Drei Werkzeuge stehen bereit. Sie müssen nur aus dem Kasten genommen werden

Drei Hebel würden den deutschen Markt strukturell verändern. Alle drei sind politisch heikel, aber technisch trivial.

Erster Hebel: Grunderwerbsteuer-Freibetrag für Erstkäufer. Der im Koalitionsvertrag 2025 versprochene Freibetrag von 250.000 Euro müsste über eine Bund-Länder-Vereinbarung verbindlich gemacht werden, mit Ausgleichszahlungen aus dem Bundesfinanzausgleich für die Länder. Die Niederlande zeigen, dass das Modell funktioniert. Allein dieser Hebel würde die Eintrittskosten für eine 400.000-Euro-Immobilie um 14.000 bis 26.000 Euro senken.

Zweiter Hebel: Eigenkapitalersatz-Programm der KfW. Frankreichs PTZ-Modell ist eins zu eins übertragbar. Eine zinsfreie KfW-Tranche, die als Eigenkapitalersatz anerkannt wird, würde die 20-bis-30-Prozent-Schwelle der Banken praktisch entschärfen. Junge Haushalte mit solidem Einkommen, aber ohne Erbschaft, könnten kaufen, ohne 15 Jahre lang Eigenkapital ansparen zu müssen.

Dritter Hebel: Reaktivierung der Eigenheimzulage in modernisierter Form. Eine direkte, einkommensabhängige Zulage von 1.500 bis 2.500 Euro pro Jahr über zehn Jahre für selbstgenutztes Wohneigentum bis zu einer Kaufpreisgrenze von 600.000 Euro würde wieder den Schwellenhaushalt erreichen, der heute am Eigenkapital scheitert. Die alte Zulage hat genau das geleistet, bevor sie 2005 abgeschafft wurde.

Die Gegenargumente sind bekannt. Förderung verteure die Immobilienpreise. Förderung sei sozial nicht treffsicher. Förderung koste den Staat Geld. Alle drei Argumente sind richtig, alle drei lassen sich entkräften: Preiseffekte werden durch Einkommens- und Kaufpreisgrenzen begrenzt. Soziale Treffsicherheit lässt sich über Einkommensklassen steuern, wie Frankreich es vormacht. Und die Kosten sind, gemessen am volkswirtschaftlichen Effekt von Vermögensbildung in der Mittelschicht, ein guter Deal. Die alte Eigenheimzulage hat 11,4 Milliarden Euro pro Jahr gekostet, ein modernisiertes Modell mit Kaufpreisgrenze käme deutlich günstiger.

Ist der Zug schon abgefahren?

Modelleisenbahnanlage mit einem Hausmodell auf den Gleisen und einem Schild „Letzter Zug: Eigenheim 2005“
Für die heute Mittdreißigen ist der Zug ins Eigentum weitgehend abgefahren. Für die nächste Generation könnte er noch zurückgeholt werden

Für die Mittdreißiger-Kohorte, die heute über Eigentum nachdenkt, ist der Zug größtenteils abgefahren. Die Kombination aus 30 Prozent Eigenkapital, 12 Prozent Nebenkosten und Bauzinsen über 3 Prozent macht den Markteinstieg ohne familiäre Unterstützung praktisch unmöglich. Nur wer erbt, kauft.

Für die heute 20- bis 30-Jährigen ließe sich der Zug aber noch zurückholen. Wenn die Politik in den nächsten Legislaturperioden die drei oben genannten Hebel zieht, könnte Deutschland innerhalb einer Generation die Quote von heute 47 auf 55 bis 60 Prozent heben. Das ist kein utopisches Ziel, sondern ungefähr das Niveau, auf dem Österreich heute liegt.

Der entscheidende Punkt: Wohneigentum ist nicht nur ein privates Wohnthema. Es ist die wichtigste Säule privater Vermögensbildung in der Mittelschicht und damit ein zentraler Stabilitätsfaktor für die soziale Marktwirtschaft. Eine Gesellschaft, in der die Hälfte der Bevölkerung kein eigenes Dach über dem Kopf hat, ist verletzlicher gegen wirtschaftliche Schocks und politische Radikalisierung als eine Gesellschaft, in der zwei Drittel im Eigentum leben. Das ist keine Ideologie, das ist Sozialforschung.

Deutschland hat 2005 eine politische Entscheidung getroffen, die ihre volle Wirkung erst zwei Jahrzehnte später entfaltet. Wer heute über die niedrige Eigentumsquote klagt, klagt über Folgen, deren Ursachen längst dokumentiert sind. Die Entscheidung lag und liegt in der Hand der Politik. Bisher fehlt der Wille, sie zu korrigieren.

Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zu Wohneigentum

Schlüssel in Hausform mit Weihnachtsmütze und Anhänger, darauf Text in Großbuchstaben
Baukindergeld war ein Förderprogramm (2018-2020) der Bundesregierung. Familien mit Kindern erhielten 1.200 Euro pro Kind und Jahr über zehn Jahre beim Hauskauf

Baukindergeld

Baukindergeld war ein Förderprogramm der Bundesregierung von 2018 bis 2020, das Familien mit Kindern beim Erwerb von selbstgenutztem Wohneigentum mit 1.200 Euro pro Kind und Jahr über zehn Jahre unterstützte. Die Einkommensobergrenze lag bei 90.000 Euro zu versteuerndem Einkommen plus 15.000 Euro je weiterem Kind. Das Programm wurde nicht verlängert.

Bauzinsen

Bauzinsen bezeichnen den Zinssatz, den Banken für Immobilienfinanzierungen verlangen. Sie hängen von Leitzins, Bonität, Eigenkapitalquote und Sollzinsbindung ab. Im Februar 2026 lag der durchschnittliche Bauzins laut Bundesbank bei rund 3,26 Prozent. Höhere Bauzinsen verteuern die monatliche Rate und erhöhen die Eigenkapitalanforderung.

Beleihungsauslauf

Der Beleihungsauslauf beschreibt das Verhältnis zwischen Darlehenssumme und dem von der Bank ermittelten Beleihungswert der Immobilie. Je niedriger der Beleihungsauslauf, desto geringer das Risiko der Bank, was sich in günstigeren Zinsen niederschlägt. Typische Schwellen liegen bei 60, 80 und 100 Prozent.

Eigenheimrente

Die Eigenheimrente, umgangssprachlich Wohn-Riester, wurde 2008 eingeführt und ermöglicht die Verwendung von Riester-Guthaben für den Erwerb selbstgenutzten Wohneigentums. Anders als die Eigenheimzulage ist sie an die Altersvorsorge gekoppelt und führt zu einer nachgelagerten Besteuerung im Rentenalter.

Eigenheimzulage

Die Eigenheimzulage war von 1996 bis 2005 das zentrale Instrument der deutschen Wohneigentumsförderung. Sie zahlte direkte Zuschüsse an Erwerber selbstgenutzter Immobilien, kostete zuletzt rund 11,4 Milliarden Euro pro Jahr und wurde zum 1. Januar 2006 ersatzlos abgeschafft. Die Streichung gilt als zentrale Ursache der heute niedrigen deutschen Eigentumsquote.

Eigenkapitalquote

Die Eigenkapitalquote beschreibt den Anteil des Kaufpreises, der aus eigenen Mitteln finanziert wird. Banken empfehlen 20 bis 30 Prozent. Wer weniger einbringt, zahlt höhere Zinsen oder erhält keine Finanzierung. Die Quote ist die zentrale Eintrittshürde für junge Haushalte ohne Erbschaft.

Föderalismusreform 2006

Die Föderalismusreform trat im September 2006 in Kraft und übertrug den Bundesländern die Hoheit über die Festlegung der Grunderwerbsteuer. Vorher galt bundesweit ein einheitlicher Satz von 3,5 Prozent. Seitdem haben die meisten Länder den Satz erhöht, der Bundesdurchschnitt liegt bei 5,53 Prozent.

Grunderwerbsteuer

Die Grunderwerbsteuer ist eine einmalige Ländersteuer, die beim Kauf einer Immobilie fällig wird. Die Sätze reichen von 3,5 Prozent in Bayern bis 6,5 Prozent in NRW, Brandenburg, Saarland und Schleswig-Holstein. Sie wird auf den Kaufpreis erhoben und muss vor der Eigentumsumschreibung im Grundbuch bezahlt werden.

Hypothekenzinsabzug

Der Hypothekenzinsabzug erlaubt es Eigentümern, die für eine Immobilienfinanzierung gezahlten Zinsen vom zu versteuernden Einkommen abzuziehen. In Deutschland nicht möglich, in den Niederlanden bis zu 30 Jahre lang. Diese Differenz erklärt einen erheblichen Teil des Eigentumsquoten-Unterschieds zwischen beiden Ländern.

KfW-Förderung

Die KfW-Förderung umfasst zinsverbilligte Kredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau für klimafreundliche Neubauten und energetische Sanierungen. Seit 2023 ist sie das zentrale Bundesinstrument im Wohneigentumsbereich, allerdings an strenge Energieeffizienz-Anforderungen gekoppelt. Die Einkommensobergrenze für klimafreundliche Neubauten liegt bei 90.000 Euro zu versteuerndem Einkommen plus 10.000 Euro je weiterem Kind.

PTZ (Prêt à Taux Zéro)

Der Prêt à Taux Zéro ist ein staatlich zinssubventionierter Kredit für französische Erstkäufer, eingeführt 1995. Er ergänzt die Hauptfinanzierung und wird komplett ohne Zinsen vergeben. Im April 2025 wurde der PTZ ausgeweitet und gilt seitdem für alle Neubauten in ganz Frankreich. 2024 wurden rund 45.000 PTZ-Kredite vergeben.

Schwellenhaushalt

Ein Schwellenhaushalt ist ein Haushalt an der finanziellen Grenze zwischen Mietzahlung und möglichem Eigentumserwerb. Bei diesen Haushalten entscheidet die staatliche Förderung darüber, ob der Schritt ins Eigentum gelingt. Banken bezeichnen diese Gruppe intern entsprechend, weil sie betriebswirtschaftlich besonders heikel ist.

FAQ: Verschläft Deutschland die Wohneigentumsfrage?

Weißer Wecker mit Vogelnest und deutschem Text auf Zifferblatt, vor weißem Hintergrund
Deutschlands Wohneigentumsquote von 47,3 Prozent ist niedrig wegen politischer Versäumnisse, hoher Markteintrittshürden und starker Mietmarktregulierung seit Abschaffung der Eigenheimzulage 2006

Warum ist die Wohneigentumsquote in Deutschland so niedrig?

Die niedrige Quote von 47,3 Prozent ist das Ergebnis politischer Versäumnisse, hoher Markteintrittshürden und eines stark regulierten Mietmarkts. Die zentrale Ursache war die Abschaffung der Eigenheimzulage zum 1. Januar 2006, die seitdem nicht durch ein gleichwertiges Förderinstrument ersetzt wurde. Hinzu kommen Grunderwerbsteuersätze von 3,5 bis 6,5 Prozent, hohe Eigenkapitalanforderungen und Maklergebühren.

Wie hoch ist die Wohneigentumsquote im EU-Vergleich?

Deutschland liegt mit 47,3 Prozent EU-weit auf dem letzten Platz. Der EU-Durchschnitt beträgt rund 68 Prozent. Spitzenreiter sind Rumänien mit 94 Prozent und die Slowakei mit 93 Prozent. Selbst Frankreich liegt mit 63 Prozent deutlich vor Deutschland.

Was war die Eigenheimzulage und warum wurde sie abgeschafft?

Die Eigenheimzulage war von 1996 bis 2005 das zentrale Instrument der deutschen Wohneigentumsförderung. Sie zahlte direkte Zuschüsse an Erwerber selbstgenutzter Immobilien und kostete zuletzt 11,4 Milliarden Euro pro Jahr. Die Große Koalition aus CDU, CSU und SPD beschloss im November 2005 die ersatzlose Streichung zum 1. Januar 2006, um die Mittel in Bildung und Forschung umzulenken.

Wie fördert Frankreich Erstkäufer von Wohneigentum?

Frankreich nutzt seit 1995 den Prêt à Taux Zéro, einen staatlich zinssubventionierten Kredit für Erstkäufer. Er ergänzt die Hauptfinanzierung und läuft komplett ohne Zinsen. Im April 2025 wurde der PTZ ausgeweitet und gilt seitdem für alle Neubauten in ganz Frankreich. 2024 wurden rund 45.000 PTZ-Kredite vergeben.

Welcher Grunderwerbsteuersatz gilt in welchem Bundesland?

Bayern erhebt 3,5 Prozent, Hamburg, Sachsen und Bremen 5,5 Prozent, Berlin, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern 6,0 Prozent. Den Höchstsatz von 6,5 Prozent erheben Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Saarland und Schleswig-Holstein. Bayern ist das einzige Bundesland, das den ursprünglichen Bundessatz von 3,5 Prozent seit der Föderalismusreform 2006 beibehalten hat.

Welche konkreten Reformen würden die Eigentumsquote erhöhen?

Drei Hebel hätten strukturelle Wirkung: ein verbindlicher Grunderwerbsteuer-Freibetrag von 250.000 Euro für Erstkäufer wie im Koalitionsvertrag 2025 vorgesehen, ein zinsfreies KfW-Eigenkapitalersatzprogramm nach französischem PTZ-Vorbild, und eine modernisierte Eigenheimzulage mit Kaufpreis- und Einkommensgrenzen. In Kombination könnten sie die Quote innerhalb einer Generation auf das Niveau Österreichs heben.

Quellen

Eurostat | Distribution of population by tenure status | https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/ilc_lvho02 | besucht am 28.04.2026

Statistisches Bundesamt | Wohneigentumsquote in Deutschland 2024 | https://www.destatis.de | besucht am 28.04.2026

IW Köln (iwd) | Wohneigentumsquoten in Europa | https://www.iwd.de/artikel/wohneigentumsquoten-in-europa-612730/ | besucht am 28.04.2026

Schader-Stiftung | Die Eigenheimzulage | https://www.schader-stiftung.de/individuelle-auswahl/fokus/wohnen/artikel/die-eigenheimzulage | besucht am 28.04.2026

Bundesgesetzblatt | Gesetz zur Abschaffung der Eigenheimzulage vom 22. Dezember 2005 | https://dejure.org/BGBl/2005/BGBl._I_S._3680 | besucht am 28.04.2026

Springer Nature | Paradigmenwandel der Wohnungspolitik | https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-61287-3_3 | besucht am 28.04.2026

Ministère de l’Économie France | Prêt à taux zéro | https://www.economie.gouv.fr/particuliers/emprunter-et-sassurer/pret-taux-zero-ptz-tout-ce-quil-faut-savoir | besucht am 28.04.2026

Info.gouv.fr | Le prêt à taux zéro élargi à tous les primo-accédants | https://www.info.gouv.fr/actualite/le-pret-a-taux-zero-elargi-a-tous-les-primo-accedants | besucht am 28.04.2026

Belastingdienst Niederlande | Hypothekenzinsabzug | https://www.belastingdienst.nl/wps/wcm/connect/de/privatpersonen/inhalt/qualifizierter-auslaendischer-steuerpflichtiger-hypothekenzinsenabzug | besucht am 28.04.2026

Tax Foundation | Grunderwerbsteuersätze in den deutschen Bundesländern | https://taxfoundation.org/de/data/all/eu-de/grunderwerbsteuersaetze-in-den-deutschen-bundeslaendern/ | besucht am 28.04.2026

Sparkasse | Wohneigentumsquote Europa Deutschland | https://www.sparkasse.de/aktuelles/wohneigentumsquote-europa-deutschland.html | besucht am 28.04.2026

Wüstenrot | Höhe der Grunderwerbsteuer pro Bundesland | https://www.wuestenrot.de/ratgeber/grunderwerbsteuer | besucht am 28.04.2026

DIW Berlin | Steuerliche Instrumente der Wohneigentumsförderung | https://www.diw.de/de/diw_01.c.669732.de/publikationen/roundup/2019_0132/steuerliche_instrumente_der_wohneigentumsfoerderung.html | besucht am 28.04.2026

ImmoAO | Grunderwerbsteuer 2026 nach Bundesland | https://immoao.de/grunderwerbsteuer-2026-saetze-nach-bundesland-sparmoeglichkeiten/ | besucht am 28.04.2026

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