Der KI-Boom scheitert nicht am Chip, sondern an der Steckdose. Liebherr verdoppelt im elsässischen Colmar die Fertigung der Großmotoren, die in den Notstromaggregaten von Rechenzentren stecken. Für Entscheider verschiebt das die Frage von der Rechenleistung zur gesicherten Energie.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenRund 12.000 Quadratmeter neue Werksfläche für ein Bauteil, das in keinem Serverschrank auftaucht: Am 2. Juni 2026 hat Liebherr in Colmar den Ausbau seiner Motorenfertigung für Rechenzentren gefeiert.[1] Hinter dem nüchternen Anlass steckt eine Verschiebung, die den ganzen KI-Ausbau betrifft.
Das Wichtigste in Kürze
- Liebherr erweitert das Werk Colmar um knapp 12.000 m² und will die Kapazität für Generator-Motoren mehr als verdoppeln.
- Abnehmer ist der US-Stromspezialist Rehlko, vormals Kohler Energy und Partner seit dem Start der KD-Serie 2016.
- Treiber ist der Hunger der KI-Rechenzentren nach ausfallsicherer Leistung, nicht der Chipmangel.
- Für Entscheider im DACH-Raum rückt gesicherte Stromkapazität zum eigentlichen Standortkriterium auf.
Was haben Liebherr und Rehlko in Colmar vereinbart?

Liebherr baut sein Werk im elsässischen Colmar um knapp 12.000 Quadratmeter aus und will damit die Fertigung der Motoren mehr als verdoppeln, die in Rehlkos Generatoraggregaten für Rechenzentren arbeiten. Den Grundstein dafür haben beide Partner am 2. Juni 2026 gelegt.
Verdoppelte Kapazität. Die Motoren aus Colmar treiben die Hochleistungs-Generatoren an, mit denen Rechenzentren ihre Stromversorgung absichern. Mit dem Ausbau soll sich die Produktionskapazität am Standort mehr als verdoppeln.[1]
Langer Vorlauf. „Diese Erweiterung ist mehr als eine Investition in Kapazität“, sagt Jens Krug, Geschäftsführer von Liebherr-Components Colmar. „Sie zeigt unser langfristiges Bekenntnis zur Partnerschaft mit Rehlko und zum Standort Colmar.“ Die Zusammenarbeit reicht bis zum Start der KD-Serie 2016 zurück und wurde im Mai 2025 vertieft.
Warum ist der Motor das Nadelöhr und nicht der Chip?
KI-Rechenzentren brauchen unterbrechungsfreie Leistung, doch Netzanschlüsse verzögern sich um Jahre. Betreiber überbrücken das mit riesigen Diesel- und Gasaggregaten. Deren Verbrennungsmotor lässt sich nicht beliebig schnell bauen, und genau dieses Bauteil wird zum knappen Gut.
Physik vor Rechenleistung. Ein Rechenzentrum der KI-Klasse duldet keinen Stromausfall. Redundante Aggregate springen bei jedem Netzflackern ein und liefern zunehmend auch Grundlast, solange der Netzanschluss auf sich warten lässt.
Knapper Antrieb. Das eigentliche Nadelöhr ist der Antrieb im Aggregat. Motorenwerke lassen sich nicht über Nacht hochfahren; Liebherr schafft in Colmar deshalb früh Fläche und Kapazität und sichert sich so die Auftragsbücher der kommenden Jahre.
Der Ausbau eines Motorenwerks im Elsass zeigt, wo der eigentliche Engpass des KI-Booms liegt.
Wer verdient sonst noch am Strom-Engpass?
Der KI-Ausbau ist ein Geschäft für die Zulieferer der Infrastruktur. Betreiber sichern sich Kraftwerke, Netzanschlüsse, Speicher und Bauflächen, lange bevor ein Modell rechnet. Deutsche und europäische Industrieunternehmen zählen dabei zu den stillen Gewinnern.
Schaufeln statt Gold. Meta lässt sein erstes kanadisches Rechenzentrum mit einem eigenen Erdgas-Kraftwerk laufen, Anthropic hat sich für zwanzig Jahre an ein Rechenzentrum gebunden. Näher an der Heimat sollte in Hessen für drei Milliarden Euro eine Anlage entstehen, die am Bebauungsplan scheiterte.
Zulieferer im Rückenwind. Liebherr reiht sich in eine Riege ein, die am Boom mitverdient, ohne selbst KI zu bauen. Auch Aixtron füllt dank des KI-Photonik-Booms die Auftragsbücher, während Micron Milliarden in neue Speicherwerke steckt.
Der Flaschenhals des KI-Zeitalters steht nicht im Reinraum, sondern im Maschinenraum. Vor der Rechenleistung kommt die Stromfrage, und die entscheidet sich an Motoren aus dem Elsass, nicht an der nächsten Grafikkarte.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt das für Entscheider im DACH-Raum?
Gesicherte Stromkapazität wird zum härtesten Standortkriterium. Frankfurt ist Europas größter Rechenzentrums-Knoten, doch Netzanschlüsse und Genehmigungen bremsen den Ausbau. Bei Cloud- und Colocation-Verträgen gehört die Energieversorgung deshalb genauso auf den Prüfstand wie der Preis pro Rechenstunde.
Vorlauf einplanen. Der EU AI Act treibt die Nachfrage nach Rechenleistung, doch die Netze halten nicht Schritt. Bei der Planung einer Anlage gehören Anschlusszeiten und Notstromkonzept vom ersten Tag an auf die Agenda, nicht erst zur Inbetriebnahme. Ein Blick auf die größten Rechenzentren Deutschlands zeigt, wie stark die Republik von wenigen Standorten abhängt.
Energie zuerst. Der Ausbau in Colmar ist ein Signal an die Branche, denn der KI-Wettlauf entscheidet sich an der Stromversorgung. Prüfen Sie bei jeder Infrastruktur-Entscheidung zuerst, woher die gesicherte Leistung kommt, bevor Sie über Chips und Modelle reden.
Quelle
[1] Liebherr: „Liebherr strengthens its industrial capabilities in Colmar to support growing demand for power generation applications“ ↩
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