Stihl und Kärcher bündeln ihre Kräfte bei Profi-Akkus für Elektrowerkzeuge und vollziehen damit einen bemerkenswerten Kurswechsel. Beide Stuttgarter Traditionsunternehmen haben sich noch vor wenigen Jahren gegen eine markenübergreifende Akku-Plattform gesperrt und auf eigene, geschlossene Systeme gesetzt. Jetzt zwingt der Wettbewerbsdruck aus China und von deutschen Rivalen wie Bosch beide Firmen zum Umdenken.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Stihl und Kärcher starten eine gemeinsame Akku-Plattform für professionelle Elektrowerkzeuge
- Beide Firmen haben die 2022/2023 gestartete Bosch-Allianz für Profigeräte zuvor abgelehnt
- Chinesische Hersteller mit kompatiblen Billig-Akkus setzen etablierte Marken unter Preisdruck
- Handwerksbetriebe profitieren von weniger Ladegeräten und geringeren Ersatzteilkosten
Warum lehnten Stihl und Kärcher die Bosch-Allianz erst ab?

Die eigentliche Geschichte hinter der Kooperation ist nicht der Zusammenschluss selbst, sondern die Kehrtwende. Als Bosch 2022 und 2023 eine Akku-Allianz für Profigeräte initiiert hat, haben Stihl und Kärcher abgewunken. Der Grund lag im Geschäftsmodell: Proprietäre Akkusysteme binden Kunden an die eigene Marke und sichern satte Margen im Ersatzteilgeschäft. Wer einmal in ein geschlossenes Ökosystem investiert hat, kauft selten beim Wettbewerber.
Genau dieses Kalkül gerät nun unter Druck. Chinesische Hersteller drängen mit aggressiv bepreisten und teils kompatiblen Akkusystemen auf den europäischen Markt und greifen Marktanteile im Profisegment an. Gleichzeitig wächst das Ökosystem der Konkurrenz: Metabo betreibt mit dem Cordless Alliance System bereits seit 2018 eine offene Plattform, der laut Marktbeobachtung mittlerweile über 300 Geräte von 32 Marken angehören. Bosch hat mit Power4All im Konsumentenbereich und AmpShare im Profisegment nachgezogen. Handwerksbetriebe fragen zunehmend nach Kompatibilität statt Markentreue. Wer draußen bleibt, verliert Skaleneffekte und Sichtbarkeit bei genau dieser Zielgruppe.
Wie zwei deutsche Traditionsmarken unter Wettbewerbsdruck ihre geschlossenen Ökosysteme öffnen
Vom Alleingang zur Kooperation
Marktdynamik bei Akku-Standards
- ◆ Metabo – offene Plattform seit 2018, breite Markenallianz
- ◆ Bosch – Power4All (Konsumenten) und AmpShare (Profis)
- ◆ China-Hersteller – günstige, teils kompatible Akkusysteme
- ◆ Stihl & Kärcher – neue gemeinsame Profi-Allianz als Antwort
Vorteile für Handwerksbetriebe
- ✓ Weniger Ladegeräte auf dem Werkhof nötig
- ✓ Geringere Ersatzteilkosten durch gemeinsamen Akku-Pool
- ✓ Reduziertes Ausfallrisiko beim Gerätewechsel
- ✓ Niedrigere Total Cost of Ownership im Fuhrpark
Eine solche Zwei-Marken-Plattform läuft in der Regel auf einen gemeinsamen Spannungsstandard und eine einheitliche Kontaktgeometrie hinaus. Rasenmäher, Kettensägen, Hochdruckreiniger und Kehrmaschinen beider Marken lassen sich dann aus einem gemeinsamen Akku-Pool bedienen, statt getrennte Ladeinfrastrukturen vorzuhalten. Für die Zulieferkette deutscher Traditionsfirmen ist das ein weiteres Signal, wie sehr sich das Kräfteverhältnis verschiebt. Ähnliches zeigt sich bereits in der Autoindustrie: VW hat seinen Bosch-Deal über 1,5 Milliarden Euro aufgekündigt und denkt stattdessen über chinesische Technik für Europa nach.
Zulieferer aus dem deutschen Mittelstand stehen ohnehin unter Druck, Kosten zu senken und Plattformen zu öffnen, statt auf Insellösungen zu beharren. Personalabbau ist dabei keine Randnotiz mehr: Selbst Konzerne wie VW diskutieren offen, bis zu 100.000 Stellen zu streichen, während sich die Wertschöpfung neu sortiert.
Die Kehrtwende von Stihl und Kärcher zeigt, dass selbst etablierte deutsche Marken ihre geschlossenen Ökosysteme aufgeben müssen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was sollten Handwerksbetriebe jetzt konkret prüfen?
Für Facility-Management-Entscheider und Handwerksbetriebe ist die Kompatibilität von Akkusystemen längst kein Nebenaspekt mehr, sondern ein handfester Kostenfaktor. Weniger Ladegeräte auf dem Werkhof, weniger Ersatzakkus in der Baustellenkiste und ein geringeres Ausfallrisiko beim Gerätewechsel senken die Total Cost of Ownership direkt und messbar.
Ein KI- oder datenschutzrechtlicher Sonderrahmen wie der EU AI Act greift hier naturgemäß nicht. Relevanter sind die EU-Ökodesign-Richtlinie und die geplante EU-Batterieverordnung: Beide schreiben mehr Reparaturfähigkeit und Akku-Austauschbarkeit vor und begünstigen Plattform-Allianzen dadurch indirekt. Bevor die nächste Flotteninvestition ansteht, lohnt sich eine Prüfung, ob bestehende Stihl- oder Kärcher-Geräte in die neue Allianz migrierbar sind. Neuanschaffungen sollten gezielt auf das gemeinsame Akku-System ausgerichtet werden, um teure Parallel-Ökosysteme im eigenen Fuhrpark zu vermeiden.