Erstmals können sich mehr junge Menschen eine Ausbildung vorstellen als ein Studium: 76 zu 66 Prozent, so die neue Bertelsmann-Studie. Gleichzeitig bleiben zehntausende Lehrstellen unbesetzt. In diesem Widerspruch steckt für Ausbildungsbetriebe eine konkrete Chance.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Ausbildung hat das Studium in der Gunst der Schulabgänger überholt, das zeigt die am 23. Juli 2026 veröffentlichte Studie „Ausbildungsperspektiven 2026“ der Bertelsmann Stiftung.[1] Befragt wurden im Frühjahr 2026 insgesamt 1.763 junge Menschen sowie 1.325 Auszubildende. Der Befund beendet eine lange Akademisierungswelle, deren Höchststand 2011 bei 519.000 Studienanfängern gelegen hat.
Das Wichtigste in Kürze
- 76 Prozent der befragten Schüler können sich eine Ausbildung vorstellen, 66 Prozent ein Studium.
- Neun von zehn Auszubildenden sind zufrieden, 87 Prozent würden ihren Beruf erneut wählen.
- 84.000 Bewerber sind 2025 leer ausgegangen, zugleich sind 54.400 Lehrstellen frei geblieben.
- Auswahlverfahren mit Noten-Fixierung gelten als zentrale Zugangshürde.
Wie deutlich fällt die Trendwende aus?

76 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler können sich eine Ausbildung vorstellen, nur 66 Prozent ein Studium. Damit liegt die Lehre in der Bertelsmann-Befragung erstmals deutlich vor der Hochschule.[2]
Im Vorjahr haben beide Wege mit 43 zu 40 Prozent noch fast gleichauf gelegen. Knapp neun von zehn Befragten bewerten die Lehre inzwischen als gute Karrierebasis.[1]
Die Auszubildenden stützen den Trend: 90 Prozent sind mit ihrer Ausbildung zufrieden, 87 Prozent würden ihren Beruf erneut wählen. Besonders gut schneidet die Team-Atmosphäre ab, die 86 Prozent positiv bewerten.
Woran scheitert das Matching am Ausbildungsmarkt?
Rund 84.000 Bewerber haben 2025 keinen Ausbildungsplatz gefunden, gleichzeitig sind 54.400 Stellen unbesetzt geblieben. Stellen und Interessenten passen regional wie fachlich oft nicht zusammen, und Auswahlverfahren sortieren nach Schulnoten statt nach Motivation aus.
Die Zahl der unversorgten Bewerber ist binnen eines Jahres um rund 19 Prozent gestiegen, die der neu abgeschlossenen Verträge auf 476.000 gesunken.[1] Der Engpass liegt also nicht im Interesse der Jugendlichen, sondern im Zugang.
Besonders skeptisch blicken junge Menschen mit niedrigem Schulabschluss auf ihre Chancen: 38 Prozent zweifeln daran, überhaupt einen Platz zu finden. Der Arbeitsmarkt für Menschen ohne Abschluss steht ohnehin unter Druck, wie die Debatte um die Minijob-Reform zeigt: Ohne Berufsabschluss hat die Arbeitslosenquote 2025 bei 21 Prozent gelegen, mit abgeschlossener Ausbildung bei 4 Prozent.
84.000 junge Menschen haben eine Lehre gesucht und keine bekommen. Der Ausbildungsmarkt hat kein Nachwuchsproblem, sondern ein Auswahlproblem.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was Schulabgänger sich nach dem Abschluss vorstellen können
Der Ausbildungsmarkt 2025 in Zahlen
Was folgt daraus für Ausbildungsbetriebe?
Betriebe erreichen mehr Bewerber, sobald Schulnoten nicht allein über die Zusage entscheiden und niedrigschwellige Zugänge wie längere Praktika oder die assistierte Ausbildung dazukommen. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt zudem eine frühere und individuellere Berufsorientierung.[1]
Für Entscheider im Mittelstand liefert die Studie ein starkes Recruiting-Argument: Die eigene Ausbildung wird zum verlässlichsten Kanal gegen den Fachkräftemangel, und die hohe Zufriedenheit der Azubis senkt das Abwanderungsrisiko. Wie ein Unternehmen ausbilden darf, beschreibt unser Ratgeber über den Weg zum Ausbildungsbetrieb.
Wie stark der Nachwuchsmangel einzelne Gewerke bereits trägt, zeigen unsere Berufsanalysen zum Fleischer und zum Anlagenmechaniker SHK. Auch beim Kfz-Mechatroniker werben Betriebe um jeden Bewerber. Langfristig öffnet der Gesellenbrief den Weg in die Selbstständigkeit; Zahlen dazu liefert unser Überblick zum Gehalt von Selbstständigen.
Prüfen Sie deshalb vor dem nächsten Bewerbungsjahrgang Ihre Auswahlkriterien, und ergänzen Sie Schnupperpraktika sowie unkomplizierte Bewerbungswege. Der Nachwuchs will kommen; die Hürden bauen bislang die Betriebe.
Quellen
[1] Bertelsmann Stiftung: „Neun von zehn Azubis zufrieden, doch der Zugang zur Ausbildung bleibt für viele schwierig“ ↩
[2] WDR: „Trendwende bei jungen Menschen: Ausbildung beliebter als Studium“ ↩