Die Allianz löst zum Jahreswechsel das Vorstandsressort auf, in dem Kapitalanlage und Nachhaltigkeit zusammenliefen. Rund 770 Milliarden Euro eigene Kapitalanlagen wandern zu einem Vorstand, der bereits das Geschäft mit fremdem Geld führt. Daran hängt, wie streng Klimakriterien künftig durch die Lieferkette gereicht werden.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenNeun Sitze hat der Allianz-Vorstand heute, ab Januar 2027 bleiben acht. Günther Thallinger, seit 2017 im Gremium und zuständig für Kapitalanlage, Krankenversicherung und Nachhaltigkeit, verlässt den Konzern zum 31. Dezember 2026.[1] Der Posten wird nicht nachbesetzt, sondern aufgeteilt.
Das Wichtigste in Kürze
- Günther Thallinger scheidet zum 31. Dezember 2026 aus dem Vorstand der Allianz SE aus, sein Ressort entfällt.
- Der Vorstand schrumpft von neun auf acht Mitglieder.
- Andreas Wimmer übernimmt zusätzlich die Allianz Investment Management SE mit rund 770 Milliarden Euro eigenen Kapitalanlagen.
- Tomas Kunzmann trägt ab 1. Januar 2027 neben Asien-Pazifik auch Global Health und Nachhaltigkeit.
Warum entfällt der Posten, statt neu besetzt zu werden?

Die Allianz verteilt die Aufgaben auf zwei bestehende Ressorts, statt einen neunten Sitz zu erhalten. Die Kapitalanlage geht an Andreas Wimmer, Krankenversicherung und Nachhaltigkeit gehen an Tomas Kunzmann.
Bei Wimmer laufen damit beide Seiten des Investmentgeschäfts zusammen. Zu seinem Ressort gehören bereits das Asset Management und die US-Lebensversicherung, also die rund zwei Billionen Euro, die PIMCO und Allianz Global Investors für Dritte verwalten.[2] Dazu kommen die 770 Milliarden Euro, die der Konzern auf eigene Rechnung anlegt.
An genau diesem Kapitalstock hängen die Klimaziele. Ein Dekarbonisierungspfad ist keine Kommunikationsaufgabe, sondern eine Vorgabe für die Allokation: Welche Anleihen, Immobilien und Infrastrukturprojekte ins Portfolio dürfen, entscheidet sich im Investmentressort. Thallinger sitzt zugleich der von den Vereinten Nationen einberufenen Net-Zero Asset Owner Alliance vor.
Hinter dem Umbau steckt kein Rückzug aus dem Geschäft. Der Konzern hat vergangene Woche zwei Milliarden Euro für das Lebensversicherungsgeschäft von HSBC in Singapur zugesagt.
Wiederholt sich hier ein Muster der Versicherungsbranche?
Große Versicherer haben ihre gemeinsamen Klimastrukturen bereits 2023 verlassen, ohne die eigenen Ziele aufzugeben. Die Münchener Rück verließ im März 2023 die Net-Zero Insurance Alliance und begründete den Schritt mit kartellrechtlichen Risiken einer abgestimmten Dekarbonisierung. Eine Woche später folgte die Zurich.
Bei der Allianz wiederholt sich das Muster eine Ebene tiefer. Nicht das Klimaziel fällt weg, sondern der eigene Posten dahinter. Ähnlich hat die Schwarz-Gruppe vor wenigen Tagen ihre E-Dienstwagen gestrichen und am Klimaziel trotzdem festgehalten.
Wie belastbar ein solches Versprechen bleibt, zeigt sich erst, wenn ein renditestarkes Investment gegen den eigenen Dekarbonisierungspfad läuft. Genau dort prüfen Aufseher und Anleger, ob hinter dem Bekenntnis nur grüne Versprechen ohne Substanz stehen.
Ein Klimaziel ohne eigenen Vorstandssitz ist kein aufgegebenes Ziel, aber ein Ziel ohne Fürsprecher im Raum, sobald der Renditedruck steigt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Zum 1. Januar 2027 verliert der Konzern das Ressort, in dem Kapitalanlage, Krankenversicherung und Nachhaltigkeit zusammenliefen.
Bis 31. Dezember 2026
- Ein Vorstandsmitglied verantwortet Kapitalanlage, Krankenversicherung und Nachhaltigkeit gebündelt.
- Die Nachhaltigkeitsstrategie hat einen eigenen Fürsprecher am Vorstandstisch.
- Günther Thallinger gehört dem Gremium seit 2017 an.
Ab 1. Januar 2027
- Andreas Wimmer führt zusätzlich die Allianz Investment Management SE, neben Asset Management und US-Lebensversicherung.
- Tomas Kunzmann übernimmt Global Health und Nachhaltigkeit, zusätzlich zu Asien-Pazifik.
- Ein eigenes Nachhaltigkeitsressort besteht nicht mehr.
Was heißt das für Unternehmen im DACH-Raum?
Die gesetzliche Berichtspflicht sinkt, der Datenhunger der Kapitalgeber bleibt. Seit dem 16. Dezember 2025 greift die CSRD nur noch ab 1.000 Beschäftigten und 450 Millionen Euro Umsatz, rund 90 Prozent der ursprünglich erfassten Unternehmen fallen heraus.
Entlastet sind Mittelständler damit nicht. Versicherer und Banken fragen Emissions- und Risikodaten weiter ab, weil ihre eigenen Portfolioziele daran hängen. Aus einer gesetzlichen Pflicht wird eine vertragliche, wie zuletzt der ESG-gebundene Garantierahmen von Nordex über 2,475 Milliarden Euro gezeigt hat.
- Prüfen Sie, welche Emissionsdaten Ihre Kredit- und Versicherungsverträge bereits heute einfordern.
- Richten Sie die eigene Datenerhebung an den Fragebögen der Finanzpartner aus, nicht an der CSRD-Schwelle.
- Fordern Sie bei Ausschreibungen großer Konzerne die ESG-Anhänge früh an, denn deren Lieferkettenziele laufen unverändert weiter.
Für Betriebe ohne freies Eigenkapital bleiben Modelle wie die Umrüstung von Fabriken durch E.ON und Leadec die praktikable Antwort. Die neue Ressortverteilung greift am 1. Januar 2027. Bis dahin lohnt der Blick in die eigenen Verträge, denn ein gestrichener Vorstandsposten ändert an den dort vereinbarten Klimakennzahlen nichts.
Quellen
[1] Allianz SE: „Allianz SE announces Board of Management changes“, 24. Juli 2026
[2] Allianz SE: „Auf einen Blick“, Kennzahlen zum 31. März 2026
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