Wer verdient an Little Italy 1973?

Michael Dobler
Autor Dr. Web
Aktualisiert:
16 Min. Lesezeit
Wer verdient an Little Italy 1973?

Wer verdient an Little Italy 1973? Martin Scorseses „Hexenkessel“ zeigt das Geflecht aus Spielern, kleinen Kredithaien und Männern, die abends in der Mulberry Street Espresso trinken. Hinter der Folklore stand ein System mit Bilanz, Margen und Forderungsausfällen. Wir sezieren das Geschäftsmodell Mafia in seinem letzten goldenen Jahrzehnt.

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Scorseses Film fängt einen Moment ein, in dem die Cosa Nostra ihr ökonomisches Hoch erreichte und gleichzeitig ihren Niedergang vorbereitete. Charlie sammelt Schulden ein, Johnny Boy weicht Kredithaien aus, im Hintergrund verdient eine straff geführte Organisation an jedem Wettschein, jedem Hundert-Dollar-Darlehen, jedem Stück geklautem Fleisch.

Mean Streets (1973) ORIGINAL TRAILER [HD]
Der Original-Trailer zu Scorseses „Mean Streets“ (deutscher Titel „Hexenkessel“), 1973. Dringende Empfehlung der Redaktion: unbedingt in der OV ansehen. Im englischen Original klingen De Niros und Keitels Figuren mumblig, lässig, beinahe cool. Die deutsche Synchro dagegen ist kaum erträglich, weil sie aus dieser Lässigkeit ein dumpfbackiges Stolpern macht. Charlie und Johnny Boy verlieren in der deutschen Fassung genau das, was sie im Original interessant macht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die fünf New Yorker Mafia-Familien generierten in den 1970er-Jahren ihre Erlöse vor allem aus illegalem Glücksspiel, Loansharking, Drogenhandel, Schutzgeld und Diebesgut-Fencing, mit Margen, die jeder börsennotierten Bank die Sprache verschlagen hätten.
  • Kredithaie verlangten 2 bis 5 Punkte „Vig“ pro Woche auf die Restschuld, was umgerechnet bis zu 260 Prozent Jahreszins entspricht, ohne dass der Schuldner je beim Kapital ankommt.
  • Die Nettobilanz für Little Italy ist eindeutig negativ. Zwischen 1910 und den 1970er-Jahren schrumpfte die italoamerikanische Wohnbevölkerung des Viertels von rund 10.000 auf einen Bruchteil, heute liegt der italienischstämmige Anteil bei rund 8 Prozent.

Wie funktionierte die Mafia-Ökonomie in Little Italy 1973?

Eine alte, zerknitterte US-Ein-Dollar-Note, zentriert auf weißem Hintergrund, von oben fotografiert
Little Italy Manhattan 1973: Italienische Bewohner zogen nach Brooklyn, Staten Island und Westchester ab, während die Cosa Nostra blieb

Little Italy in Manhattan war 1973 längst nicht mehr das ethnisch geschlossene Viertel von 1910. Damals lebten am Höhepunkt rund 10.000 Italiener auf wenigen Blocks zwischen Houston und Canal Street. In den 1970er-Jahren verließen die zweite und dritte Generation das Viertel in Richtung Brooklyn, Staten Island und Westchester.

Die Cosa Nostra blieb. Sie hatte ihre Strukturen über fünfzig Jahre verfeinert und betrieb in Mulberry Street, Mott Street und Elizabeth Street ein Geschäftsmodell mit klaren Erlösquellen und einer Aufbauorganisation, die der eines mittelständischen Konzerns glich.

An der Spitze stand jeweils ein Boss, daneben ein Stellvertreter als operativer Geschäftsführer und ein Consigliere als interner Rechtsberater. Darunter staffelten sich Caporegimes als Bereichsleiter und Soldaten als ausführende Ebene.

Lesetipp: Warum war Unfreiheit über Jahrtausende das profitabelste Geschäftsmodell?

Das Magazin „Fortune“ verglich diese Struktur 1986 explizit mit einer Aktiengesellschaft. Die Organisationsstruktur einer Mafia-Familie spiegelt das Management einer Konzernhierarchie wider.

Geschätzte 1.700 vollwertige Mitglieder der 24 amerikanischen La-Cosa-Nostra-Familien und weitere 17.000 Assoziierte erwirtschafteten in den 1980er-Jahren rund 50 Milliarden Dollar Bruttoumsatz pro Jahr, was nach Berechnungen von Wharton Econometric Forecasting Associates etwa 1,1 Prozent des damaligen US-Bruttoinlandsprodukts entsprach.

Übertragen auf das Little Italy von 1973 bedeutet das: Im Umkreis weniger Straßenzüge floss ein dreistelliger Millionenbetrag jährlich durch informelle Kanäle. Nur ein Bruchteil davon blieb in der Nachbarschaft.

Welche Geschäftsfelder finanzierten die Cosa Nostra wirklich?

Ein runder Casino-Jeton mit Goldrand, dunkelrotem Zentrum, Schriftzug „Casino“ und Zahl „10“
Glücksspiel war 1973 mit 30 bis 40 Prozent Umsatzanteil die Cash-Cow jeder Familie

Das Portfolio einer Familie ähnelte einem diversifizierten Konzern. Cash-Cow war das illegale Glücksspiel, Wachstumssegment der Drogenhandel, stabiler Cashflow kam aus Loansharking, Schutzgeld und der Infiltration legaler Branchen.

Die folgende Übersicht zeigt die ungefähre Anteilsstruktur in den 1970er-Jahren nach Auswertungen der späteren Reagan-Kommission und zeitgenössischer FBI-Berichte.

ErlösquelleGeschätzter Anteil am FamilienumsatzBruttomargeRisikoprofil
Illegales Glücksspiel (Numbers, Sportwetten, Casinos)30 bis 40 %sehr hochniedrig, Polizei oft unterwandert
Loansharking20 bis 30 %extrem hochmittel, Eintreibung als Engpass
Drogenhandel (Heroin, Kokain)15 bis 25 %hochhoch, RICO-Strafrahmen verschärft
Schutzgeld und Erpressung5 bis 10 %sehr hochniedrig, Drohpotenzial reicht
Fencing (Hehlerei, Diebesgut)5 bis 10 %mittelniedrig, hoher Durchsatz
Infiltration legaler Branchen (Müll, Bau, Garment, Häfen)10 bis 20 %mittelniedrig, schwer nachweisbar

Das Numbers-Spiel war das klassische Kleinhandelsprodukt. Spieler tippten auf drei Ziffern, abgeleitet aus der täglichen Pferderennen-Bilanz. Einsätze begannen bei einem Cent, Auszahlungen lagen bei bis zu 600 zu 1. Allein das New Yorker Numbers-Geschäft setzte um 1980 nach Schätzungen 800 Millionen bis 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr um.

Ein guter Runner verdiente in den 1970er-Jahren rund 1.000 Dollar Tagesumsatz, von denen nach Auszahlungen an Gewinner, Controller und Bank etwa 200 Dollar Tagesgewinn übrig blieben. Hochgerechnet auf 250 Arbeitstage waren das 50.000 Dollar Jahresgewinn für einen einzelnen Runner. Zum Vergleich: Das mittlere US-Haushaltseinkommen lag 1973 bei rund 10.500 Dollar.

Die nächste Stufe war das Loansharking. Und genau hier wird die Mathematik interessant.

Wie rechnet sich Loansharking betriebswirtschaftlich?

Bündel 100-Dollar-Scheine mit Gummiband vor weißem Hintergrund
1.000 Euro Kredit, 50 Euro Vig pro Woche, nach einem Jahr 2.600 Euro Zinsen ohne Tilgung

Der Kredithai der 1970er-Jahre arbeitete nicht mit Tilgungsplan, sondern mit Wochenzins. Das Modell heißt „Vig“, kurz für Vigorish. Der Schuldner zahlte nicht den Kredit zurück, sondern wöchentlich einen Prozentsatz der ausstehenden Hauptsumme. Üblich waren 2 bis 5 Punkte pro Woche.

Was das real bedeutet, zeigt eine einfache Rechnung. Frank Sheeran, dessen Memoiren die Vorlage für „The Irishman“ lieferten, schilderte den Fall einer Kellnerin: Sie leiht 100 Dollar und zahlt zehn Wochen lang 12 Dollar pro Woche. Wenn sie eine Woche nur 2 Dollar aufbringt, schuldet sie die fehlenden 10 Dollar weiterhin und sie werden hinten angehängt. Das ist kein Tilgungsdarlehen. Das ist eine Mietzahlung auf die Schuld.

WocheRestschuld zu Beginn (€)Vig-Zahlung 5 % (€)Tilgung (€)Restschuld am Ende (€)
11.0005001.000
21.0005001.000
41.0005001.000
101.0005001.000
261.0005001.000
521.0005001.000

Nach einem Jahr hat der Schuldner 2.600 Euro Zinsen gezahlt auf einen 1.000-Euro-Kredit. Die Schuld selbst steht unverändert. Annualisiert sind das 260 Prozent. Verpasst er eine Zahlung, addiert sich der ausgefallene Betrag zur Hauptsumme, der Vig-Satz greift dann auf den höheren Betrag.

Diese Mechanik nennen Insider „Rollover“. Sie hält den Schuldner permanent im Spiel.

Für den Kredithai war das ein Traumprodukt. Keine Bonitätsprüfung, keine Bilanzrunde, keine Buchhaltung. Bargeld rein, Bargeld raus, wöchentlich. Die Sopranos-Wiki beschreibt den Effekt nüchtern: Verpasste oder Teil-Zahlungen werden der Hauptsumme zugeschlagen, was einen permanenten Rollover erzeugt, der den Schuldner in unbezahlbarer Schuld gefangen hält.

Wir würden das in modernerer Sprache eine Subprime-Falle mit physischer Sicherheit nennen.

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Warum gehen Menschen mit wenig Geld zum Kredithai?

Eine weiße Tasse mit Espresso und Crema steht auf einer passenden Untertasse vor weißem Grund
Der Kredithai war Nachbar, man trank denselben Espresso, das machte das System sozial anschlussfähig

Das ist die Frage, die jede betriebswirtschaftliche Analyse beantworten muss. Eine Bank verlangt 1973 vielleicht 8 Prozent Jahreszins. Der Kredithai verlangt das Dreißigfache. Wer geht trotzdem zu ihm?

Die Antwort liegt im Marktversagen der legalen Anbieter. Italoamerikaner aus Little Italy in den 1970er-Jahren waren für Geschäftsbanken faktisch nicht kreditwürdig. Sie hatten keine Hypothek, oft keinen festen Arbeitsvertrag, gelegentlich Bargeldeinkommen aus Restaurants, Werkstätten oder dem Hafen.

Banken praktizierten zudem das, was später als „Redlining“ rechtlich verfolgt wurde. Ganze Stadtteile galten als nicht finanzierungswürdig. Der Kredithai war für viele schlicht der einzige verfügbare Kreditgeber.

Dazu kamen weitere Faktoren. Der Kredithai brauchte keine Unterschrift, keine Sozialversicherungsnummer, keine zwei Wochen Bearbeitungszeit. Er brauchte einen Handschlag und einen Bürgen aus der Nachbarschaft.

Die Auszahlung erfolgte sofort, oft bar in einem Hinterzimmer. Für einen kleinen Restaurantbetreiber, der am Freitag eine Lieferantenrechnung begleichen musste, war diese Geschwindigkeit überlebenswichtig. Aus seiner Perspektive war der Vig der Preis für Liquidität, nicht für Kapital.

Und es gab einen kulturellen Aspekt, der oft unterschätzt wird. Der Kredithai war Nachbar. Man trank denselben Espresso. Solange man zahlte, war das Verhältnis zivil. Wer schon mal versucht hat, einer deutschen Sparkasse zu erklären, warum die Mietkaution für das neue Ladengeschäft eine Woche früher kommen muss, wird das Geschwindigkeitsargument verstehen.

Auch wenn die Konsequenzen einer ausgefallenen Rate hier wenigstens nicht physisch sind. Die Forschung bestätigt diese Sichtweise. Die meisten Loanshark-Transaktionen wurden einvernehmlich abgewickelt, wobei beide Parteien zufrieden waren, schreibt eine Übersichtsarbeit zur Geschichte des illegalen Kreditwesens. Solange der Kunde zahlt…

Was passiert, wenn der Schuldner nicht zahlen kann?

Metallschraubstock mit Gebrauchsspuren auf weißem Hintergrund
Die Eskalationsleiter hatte sechs Stufen, Gewalt war die letzte und ökonomisch ineffizienteste

Dann beginnt die Eskalationsleiter. Sie ist betriebswirtschaftlich präzise gestaffelt, weil jede Stufe Kosten verursacht und die Wahrscheinlichkeit künftiger Zahlungen mindert. Gewalt ist die letzte Stufe, nicht die erste, denn ein verprügelter Schuldner zahlt schlechter als ein eingeschüchterter.

  1. Rollover. Die verpasste Rate wird zur Hauptsumme addiert, der Vig erhöht sich entsprechend. Diese Stufe kostet den Schuldner Zeit und Geld, kostet den Gläubiger nichts.
  2. Pfandnahme. Auto, Schmuck, Geschäftsausstattung wechseln den Besitzer. Der Kredithai verwertet sie über sein Hehler-Netzwerk.
  3. Arbeitsleistung. Der Schuldner liefert Dienstleistungen ab. Mal als Fahrer, mal als Strohmann, mal als Augen und Ohren.
  4. Bust-out. Wenn der Schuldner einen Betrieb hat, übernimmt der Gläubiger faktisch das Geschäft, bestellt Ware auf Kredit, verkauft sie und lässt den Betrieb in die Insolvenz gehen.
  5. Übernahme. Der Kredithai wird stiller Teilhaber oder Eigentümer. Aus einer 1.000-Euro-Forderung wird ein Pizzeria-Anteil mit dauerhaftem Cashflow.
  6. Physische Gewalt. Der letzte Schritt. Wirtschaftlich ist sie das schlechteste Instrument, abschreckungsökonomisch das wirksamste, weil sie öffentlich wirkt.

Aus der Perspektive der Familie ist Stufe 5 oft die lukrativste. Aus einer einmaligen Kreditvergabe wird ein laufendes Beteiligungsverhältnis. Das ist nicht zynisch formuliert, sondern exakt das Geschäftsmodell. Wir würden heute von einer Wandelschuldverschreibung mit Zwangsoption sprechen.

Wie funktionierte das Schutzgeld-System in Mulberry Street?

Ein brauner Briefumschlag aus Kraftpapier von oben gesehen
Pizzo wurde wöchentlich im Umschlag übergeben, 50 bis 500 Dollar je nach Betriebsgröße

Schutzgeld ist die saubere Übersetzung für eine schmutzige Wahrheit. Der italienische Begriff „Pizzo“ bezeichnet eine regelmäßige Abgabe an die organisierte Kriminalität, offiziell für „Schutz“ vor Übergriffen, faktisch eine Erpressung.

In Mulberry Street gab es in den 1970er-Jahren kaum einen Lebensmittelladen, ein Restaurant oder eine Bäckerei, die nicht zahlte. Die Frequenz war wöchentlich oder monatlich, die Höhe lag bei 50 bis 500 Dollar je nach Betriebsgröße.

Ökonomisch ist Pizzo eine versteckte Umsatzsteuer, die der formelle Staat nie sieht. Für die Familie war es ein Geschäftsfeld mit minimalen Operationskosten.

Ein einzelner Soldat konnte 30 bis 50 Betriebe „betreuen“. Bei durchschnittlich 200 Dollar Monatsabgabe ergibt das 6.000 bis 10.000 Dollar Bruttoumsatz pro Soldat pro Monat, ohne Wareneinsatz, ohne Mietkosten. Eine Marge, von der jedes SaaS-Unternehmen träumen würde.

Die paradoxe Pointe: Manche Schutzgeldzahler sahen den Pizzo tatsächlich als Versicherung. Die Familie sorgte dafür, dass keine fremden Gangs den Block aufmischten, dass Streitigkeiten mit Lieferanten geschlichtet wurden, dass im Notfall ein Anwalt zur Stelle war.

Diese Dienstleistungs-Komponente erklärt, warum das System so lange stabil blieb. Schutzgeld funktionierte als Erpressung mit Service-Level-Agreement. Eine moderne Studie schätzt die direkten Schutzgeld-Erlöse italienischer Mafias allein in Italien auf 2,76 bis 7,74 Milliarden Euro pro Jahr.

Die Robin-Hood-Legende der Mafia hält keiner Bilanzprüfung stand. Jede Dollar-Note, die in Mulberry Street von einem Schutzgeldzahler an einen Capo wanderte, war Kaufkraft, die der Nachbarschaft entzogen wurde. Das System war keine soziale Versicherung, sondernein parasitärer Vorsteuerabzug auf jedes ehrliche Geschäft.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Wie hoch war der Nettoeffekt für Little Italy?

Goldener Schlüssel an einem silbernen Schlüsselring vor weißem Hintergrund
Zwischen 1910 und den 2000ern verließen die meisten italoamerikanischen Familien das Viertel

Hier wird die Bilanz eindeutig. Die These, die Mafia sei eine Ersatzinstitution gewesen, die der Gemeinschaft mehr gab als sie nahm, hält den Zahlen nicht stand. Die Demografie spricht eine deutliche Sprache.

1910 lebten am Höhepunkt rund 10.000 Italiener auf wenigen Blocks in Little Italy. Im Vierzehnten Bezirk waren über 90 Prozent der Bewohner italienischer Herkunft. In den 1970er-Jahren begann der massive Abzug. Die zweite und dritte Generation verließ das Viertel in Richtung Brooklyn, Staten Island und Westchester, weil die Wohnverhältnisse, die hygienischen Standards und die ökonomischen Aussichten dies erzwangen.

Bis zur Volkszählung 2000 blieben gerade noch 1.211 Bewohner mit italienischen Wurzeln. Das sind 8,25 Prozent der Bevölkerung der drei Census-Tracts, die Little Italy bilden.

Was floss ab, was floss zurück? Die abfließende Seite ist konkret berechenbar. Wenn ein Block 50 Geschäfte hatte, die durchschnittlich 200 Dollar Pizzo pro Monat zahlten, sind das 120.000 Dollar Jahresabgabe pro Block. Hinzu kamen Vig-Zahlungen, Wettverluste und Drogengelder.

Auf der zurückfließenden Seite stand bestenfalls die Beschäftigung weniger Dutzend Soldaten und Runner, eine informelle Sozialhilfe für die Familien Inhaftierter und gelegentliche Wohltätigkeit. Die Differenz ist eindeutig negativ.

Hinzu kommt der indirekte Schaden. Wo Schutzgeld erhoben wird, sinken Investitionen. Wo der Kredithai die einzige Finanzierungsquelle ist, schrumpft die Anzahl der Existenzgründungen. Wo die Mafia ganze Branchen wie das Garment District oder die Müllabfuhr unterwanderte, stiegen die Preise.

Die Reagan-Kommission hielt 1986 fest, dass organisierte Kriminalität die Bauwirtschaft in Manhattan um bis zu 20 Prozent verteuerte. Die UPI berichtete, dass Mob-Aktivitäten die Vereinigten Staaten 414.000 Arbeitsplätze, 6,5 Milliarden Dollar entgangene Steuereinnahmen und jeden Amerikaner 77,20 Dollar gekostet hätten.

Hochgerechnet auf das Viertel selbst war die Mafia kein Wohlfahrtsverband, sondern ein effizienter Wertabschöpfer. Die Familie nahm einen erheblichen Teil dessen, was die Nachbarschaft erwirtschaftete, und reinvestierte ihn in eigene Strukturen, in Tochterunternehmen in der Bauwirtschaft, im Glücksspiel von Las Vegas, in Immobilien außerhalb des Viertels.

Die Nachbarschaft selbst blieb arm, verfiel baulich und verlor ihre Bewohner.

Was lehrt die Mafia-Ökonomie über extralegale Märkte heute?

Vorderseite eines schwarzen Smartphones auf weißem Hintergrund mit leicht spiegelndem Display
Das Geschäftsmodell hat die Form gewechselt, die Mechanik blieb identisch

Die Logik, die Charlie und Johnny Boy 1973 in Mulberry Street umgab, ist nicht verschwunden. Sie hat die Form gewechselt. Wer heute auf Telegram nach einem „schnellen Kredit ohne Schufa“ sucht, landet bei Anbietern, die mit derselben Mechanik arbeiten wie der Vig-Verleiher.

Wer ein illegales Online-Casino betreibt, monetarisiert dieselbe Sehnsucht nach dem schnellen Glück wie das Numbers-Spiel der Genovese-Familie. Wer ein Unternehmen mit Ransomware angreift und für die Entschlüsselung Geld verlangt, betreibt Schutzgeld 2.0 mit höherem Hebel.

Drei Dinge bleiben konstant:

  1. Extralegale Märkte dort, wo der legale Markt versagt oder zu teuer ist.
  2. Die Margen extralegaler Anbieter extrem, weil die Risikoprämie hoch ist und es keine Wettbewerber gibt.
  3. Der Nettoeffekt für die Kundengruppe fast immer negativ, auch wenn die einzelne Transaktion subjektiv als hilfreich erlebt wird. Wer mit einem Telegram-Kredit eine akute Notlage überbrückt, zahlt mittelfristig den Vig der digitalen Variante.

Die betriebswirtschaftliche Lehre aus Little Italy 1973 lautet: Ein Geschäftsmodell, das auf Marktversagen aufbaut und keine Regulierung kennt, generiert kurzfristig hohe Renditen für die Anbieter und langfristig hohe Kosten für die Community. Scorseses Hexenkessel zeigt die Innenansicht dieses Systems. Die Bilanz zeigt seine Außenwirkung. Sie ist verheerend.

Glossar

Grüne Geldbörse mit US-Dollar und Pappschild „Little Italy Glossar“
Bust-out: Kredithai übernimmt verschuldetes Unternehmen, füllt es mit Waren auf Kredit und treibt es in Insolvenz zur Wertabschöpfung. Capo: mittlere Mafia-Führungsebene, leitet Soldaten-Team. Consigliere: Boss-Berater, oft Jurist oder Stratege

Bust-out

Methode, bei der ein verschuldetes Unternehmen vom Kredithai übernommen, mit Ware auf Kredit gefüllt und in die Insolvenz getrieben wird, um den Warenwert abzuschöpfen.

Capo (Caporegime)

Mittlere Führungsebene einer Mafia-Familie, vergleichbar mit einem Bereichsleiter, der ein Team von Soldaten führt.

Consigliere

Berater des Bosses, oft Jurist oder erfahrener Stratege, vergleichbar mit einem General Counsel oder Chief of Staff.

Cosa Nostra

Selbstbezeichnung der amerikanischen Mafia, italienisch für „unsere Sache“. Bezeichnet das Netzwerk der 24 italoamerikanischen Familien in den USA.

Fencing

Hehlerei. Der gewerbsmäßige An- und Verkauf von Diebesgut, eine klassische Mafia-Nebeneinnahme mit hohem Durchsatz.

Loansharking

Illegale Kreditvergabe zu extrem hohen Zinsen mit Eintreibung durch Druck, Drohung oder Gewalt. Auch Shylocking genannt.

Made Man

Vollwertiges Mitglied einer Mafia-Familie nach offizieller Initiation. In den 1970er-Jahren strikt auf italienischstämmige Männer beschränkt.

Numbers Racket

Illegale Tageslotterie, bei der Spieler auf drei Ziffern setzen. Klassisches Mafia-Geschäft in Harlem und Little Italy mit Einsätzen ab einem Cent.

Omertà

Schweigegelübde der Mafia. Verbot, mit Behörden zu kooperieren. Bröckelte in den 1980er-Jahren unter dem Druck der RICO-Gesetzgebung.

Pizzo

Italienischer Begriff für Schutzgeld. Regelmäßige Abgabe an die organisierte Kriminalität, formal als Schutz, faktisch als Erpressung.

RICO

Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act von 1970. US-Bundesgesetz, das es ermöglicht, ganze kriminelle Organisationen statt einzelner Täter zu verfolgen.

Rollover

Praxis, ausgefallene Vig-Zahlungen zur Hauptsumme zu addieren, sodass der Schuldner permanent in der Schuld gefangen bleibt.

Shylock

Slangbezeichnung für einen Kredithai, abgeleitet von Shakespeares Figur aus „Der Kaufmann von Venedig“. Synonym zu Loanshark.

Skim

Abschöpfen unversteuerter Bargeldeinnahmen, etwa aus Casinos, vor der offiziellen Bilanzierung. Klassische Methode der Geldwäsche-Vermeidung.

Vig (Vigorish)

Wöchentliche Zinszahlung auf einen Kredithai-Kredit, üblicherweise 2 bis 5 Prozent der Hauptsumme. Annualisiert ergeben sich 100 bis 260 Prozent.

FAQ: Wer verdient an Little Italy 1973?

Ein Sparschwein im Kochgewand mit Münze, Aufkleber und Geldschein vor weißem Hintergrund
Carlo Gambino war 1973 der mächtigste Mafia-Boss in New York und führte die Gambino-Familie als „Boss der Bosse“

Quellen

Fortune | The 50 Biggest Mafia Bosses (Reprint Nov 1986) | https://fortune.com/article/the-50-biggest-mafia-bosses/ | besucht am 16.05.2026
UPI Archives | Report: Crime pays, but costs Americans $77.22 a year | https://www.upi.com/Archives/1986/04/02/Report-Crime-pays-but-costs-Americans-7722-a-year/2583512802000/ | besucht am 16.05.2026
TIME Magazine | The Conglomerate of Crime | https://time.com/archive/6833512/nation-the-conglomerate-of-crime/ | besucht am 16.05.2026
The New York Mafia | The Loansharking Racket | https://thenewyorkmafia.com/mafia-loansharking-racket-shylocking/ | besucht am 16.05.2026
Washington and Lee Law Review | Loan Sharks, Interest-Rate Caps, and Deregulation | https://scholarlycommons.law.wlu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=4277&context=wlulr | besucht am 16.05.2026
History.com | Mafia in the United States | https://www.history.com/articles/mafia-in-the-united-states | besucht am 16.05.2026
Lottery USA | Harlem’s hidden jackpot: The rise of the numbers game | https://www.lotteryusa.com/opinion/history-of-new-york-illegal-lottery | besucht am 16.05.2026
Cigar Aficionado | The Numbers War: Cubans vs. Italians | https://www.cigaraficionado.com/article/the-numbers-war-cubans-vs-italians | besucht am 16.05.2026
Medill News Service | Little Italy gets littler by the day | https://dc.medill.northwestern.edu/blog/2020/03/20/little-italy-gets-littler-by-the-day/ | besucht am 16.05.2026
Global Crime (Tandfonline) | The Camorra and protection rackets: the cost to business | https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/17440572.2015.1129815 | besucht am 16.05.2026
MovieMaker | 10 Mob Movie Slang Terms Explained | https://www.moviemaker.com/mob-movie-slang/3/ | besucht am 16.05.2026

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Michael Dobler
Autor
Ich bin der Herausgeber von Dr. Web. Um praxisfit zu bleiben, unterstütze ich darüber hinaus Kunden bei der digitalen Kundengewinnung und Kundenbindung. Erste eigene Gehversuche im Internet unternahm ich 1999 mit einem Kinomagazin. Nach 15 Jahren in Lohn und Brot, u.a. als Projektmanager für digitale Medien, machte ich mich schließlich Ende 2005 selbständig. Das war die beste berufliche Entscheidung meines Lebens.
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