SAP hat seinen Kunden lange eine bessere Hilfe bei der Migration versprochen. Jetzt liefert der Konzern sie. Womöglich zu spät: Spezialisierte Drittanbieter lösen die Probleme beim Umstieg von ECC auf S/4Hana längst, oft schneller und mit weniger Aufwand als SAP selbst.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEnde 2030 läuft der ECC-Support aus

Auf der Kundenmesse Sapphire Mitte Mai in Orlando hat sich bei SAP fast alles um ein Thema gedreht: Künstliche Intelligenz. Der Konzern hatte sich zuvor viel Kritik an angeblich zu wenig Innovation anhören müssen, und CEO Christian Klein wollte zeigen, wie ernst er es mit der KI-Offensive meint. Fast untergegangen ist dabei ein zweites Thema, das für viele Kunden gerade noch dringender ist: der Umzug ihrer alten SAP-Systeme auf eine neue Plattform.
Spätestens Ende 2030 stellt SAP den Support für sein Softwarepaket ECC ein. Für jedes Unternehmen, das ECC noch nutzt, läuft damit die Zeit ab, denn der Wechsel auf die neue Software S/4Hana wird zur Pflicht.
„Üblicherweise sind solche Migrationsprojekte mit einem enormen zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden“, sagt Axel Oppermann, Analyst bei der IT-Beratung Avispador. Das ist noch freundlich ausgedrückt. Für IT-Abteilungen sind Migrationsprojekte die Höchststrafe. Im besten Fall läuft danach alles wie vorher, im schlechtesten legen die Verantwortlichen die Prozesse im ganzen Unternehmen lahm.
Was bietet SAP beim Umstieg jetzt an?

SAP stellt Transformationswerkzeuge bereit, die den Migrationsaufwand deutlich senken sollen, indem sie Systeme automatisch analysieren, Code anpassen, konfigurieren und im großen Maßstab testen. Den ersten Einsatz plant der Konzern für das dritte Quartal 2026.
In Orlando hat Klein angekündigt, den Kunden genau solche Werkzeuge anzubieten.
Das haben die Kunden immer wieder von uns gefordert, und genau das bieten wir jetzt an.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Doch viele Unternehmen fragen sich seither, ob sie wirklich zu diesem Angebot greifen sollten. Die Firmen haben viele Monate auf solche Hilfe gedrängt. Inzwischen sind etliche Drittanbieter auf den Markt gekommen, die die Probleme der SAP-Kunden womöglich besser lösen als SAP selbst.
Drittanbieter lösen die Migrationsprobleme längst

Bosch: 700 Eigenentwicklungen stillgelegt
Ein Beispiel ist Robert Bosch Manufacturing Solutions. Die Bosch-Tochter liefert Automatisierungslösungen und maßgeschneidertes Equipment für industrielle Fertigungslinien und steckt gerade mitten im Umstieg auf S/4Hana. „Unser altes ECC ist inzwischen mehr als 25 Jahre alt“, sagt Alexander Schurba, Commercial-IT-Chef der Bosch Manufacturing Solutions. „Daher war für uns besonders wichtig, ein realistisches Bild der Systemnutzung zu erhalten.“
Dieses Bild verschafft sich Schurba seit Mitte 2025 mit dem KPI Analyzer von West Trax aus Rheinland-Pfalz. Das Unternehmen ist seit rund 25 Jahren als unabhängiger Analyst im SAP-Umfeld unterwegs und hat sich darauf spezialisiert, die Nutzung von SAP-Systemen automatisiert zu untersuchen. Mitgründerin Diana Bohr hat den KPI Analyzer vor einigen Jahren entwickelt. Das Werkzeug wertet Logfiles und Metadaten aus den SAP-Systemen aus und zeigt, wie eine Systemlandschaft tatsächlich genutzt wird.
Den Unterschied zu klassischem Process Mining wie SAP Signavio erklärt Bohr mit einem griffigen Bild:
Process Mining beschreibt die Ausstattung eines Autos. Der KPI Analyzer ermittelt, welche dieser Funktionen ein Fahrer in der Praxis wirklich nutzt.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Genau danach hat Bosch-Manager Schurba gesucht, bevor er mit dem Umstieg begonnen hat. „Wir wollen in S/4Hana so viele Prozesse wie möglich in den Standard überführen“, sagt der IT-Chef. Das ist eine große Aufgabe, denn im alten ECC-System stecken mehr als 820 Eigenentwicklungen. Mithilfe des KPI Analyzers hat das Team festgestellt, „dass wir Hunderte Erweiterungen gebaut haben, die keiner nutzt“. Noch vor dem Start der Migration hat Schurbas Team 700 davon stillgelegt, was den späteren Umstieg deutlich vereinfacht hat. Die Analyse des Altsystems hat dabei nur wenige Stunden gedauert. „Das hätte uns sonst mindestens zwei bis drei Monate gekostet.“
De-Vau-Ge: Umstieg in sieben Monaten
Von ähnlichen Effekten berichtet der Lebensmittelhersteller De-Vau-Ge aus Lüneburg. Der auf Müsli und Riegel spezialisierte Handelsmarkenproduzent hat den KPI Analyzer von West Trax mit SmartShift kombiniert, einem Werkzeug des gleichnamigen Anbieters aus Mannheim. „Der KPI Analyzer hat die Übersicht geliefert, SmartShift hat die Eigenentwicklungen analysiert und ins neue System übertragen“, erklärt Hartmut Schröder, IT-Chef des Hauses.
So hat Schröder den Umstieg mit drei Entwicklern in sieben Monaten geschafft, „ohne einen einzigen Tag Produktionsunterbrechung“, wie er stolz betont. Der wichtigste Erfolgsfaktor war auch hier, möglichst viel schon vor dem Wechsel im Altsystem zu erledigen.
Festo: KI-Agenten räumen das System auf
Andere Werkzeuge setzen erst dann an, wenn sich die Schwächen einer Migration im Nachhinein zeigen. So war es bei Festo, einem Anbieter von Steuerungs- und Automatisierungstechnik. Der Konzern ist schon vor einiger Zeit auf S/4Hana gewechselt, betreibt die Software aber vorerst selbst im eigenen Rechenzentrum. Beim Umstieg hatte Festo die Zahl eigener Modifikationen bereits von knapp 6000 auf 500 gesenkt. „Das ist aber immer noch zu viel“, sagt Festo-CIO Jörn Weigle. „Wenn wir irgendwann komplett in die öffentliche Cloud umziehen wollen, brauchen wir ein sauberes System mit möglichst wenigen Eigenmodifikationen.“
Daran arbeitet Weigle nun mit dem Werkzeug von Nova Intelligence. Das Start-up um den früheren SAP-Manager Alexander Zeier hat eine Softwareplattform mit KI-Agenten entwickelt, die SAP-Systeme automatisiert durchleuchtet und bei Festo im Einsatz ist. Die KI ermittelt zum Beispiel, „ob es eine neue, passende Standardfunktion gibt“, so Weigle. Oder die Plattform schlägt eine Erweiterung auf Basis der SAP-Plattform vor und programmiert diese gleich cloudfähig neu. „Die funktioniert dann später auch in der Cloud.“
Für Weigle führt an Nova kaum ein Weg vorbei. „Wir hätten gar nicht genug eigene Leute, um das von Hand zu schaffen. Und auf dem IT-Markt gibt es auch nicht genug Kapazitäten“, sagt Festos IT-Chef.
Kommt SAPs Migrationshilfe zu spät?

Gut möglich, denn mit West Trax, SmartShift und Nova Intelligence gibt es längst funktionierende Alternativen, und mit Blick auf das ECC-Support-Ende 2030 zählt für viele Anwender jeder Tag.
Aus Sicht von SAP heißt das: Der Markt hat einen Teil des Problems schon ohne den Konzern gelöst. SAP selbst will sein Werkzeug nach eigener Auskunft erst im dritten Quartal 2026 zum ersten Mal einsetzen. Für die Kunden bleibt bis dahin vor allem ein Wunsch: bloß keine Migrationskrise.
Wer den ECC-Ausstieg nur als Pflichtübung abhakt, verschenkt die größte Chance. Die eigentliche Frage ist nicht, ob ein Unternehmen migriert, sondern wie schlank sein System danach läuft.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Häufige Fragen zur SAP-Migration auf S/4Hana

Wann endet der Support für SAP ECC?
SAP stellt den Support für ECC spätestens Ende 2030 ein. Danach gibt es keine regulären Updates und keine Wartung mehr. Wer ECC noch nutzt, muss bis dahin auf S/4Hana umsteigen.
Was ist der Unterschied zwischen ECC und S/4Hana?
ECC ist SAPs bisheriges ERP-System, S/4Hana der Nachfolger. S/4Hana setzt auf die In-Memory-Datenbank SAP Hana, arbeitet in Echtzeit und ist für den Cloud-Betrieb gebaut. Beim Umstieg übernehmen oder bereinigen Unternehmen ihre Daten und Eigenentwicklungen.
Warum sind viele Eigenentwicklungen beim Umstieg ein Problem?
Jede Eigenentwicklung muss beim Umstieg geprüft, angepasst oder ersetzt werden. Das kostet Zeit und Geld, und viele Erweiterungen nutzt am Ende niemand. Wer sie vor der Migration stilllegt, vereinfacht den Wechsel deutlich.
Welche Drittanbieter helfen beim S/4Hana-Umstieg?
Im Beispiel genannt sind West Trax mit dem KPI Analyzer, SmartShift aus Mannheim und das Start-up Nova Intelligence. Die Anbieter zeigen, wie ein System wirklich genutzt wird, bereinigen Eigenentwicklungen oder bauen sie mit KI cloudfähig nach.