Gegen Blutkrebs wirken T-Zell-Therapien längst, an soliden Tumoren scheitern sie bis heute. Der Hamburger Wirkstoffentwickler Evotec und das Münchner Start-up Plectonic legen deshalb zwei Techniken zusammen: ein molekulares Logik-Gatter für die Zielgenauigkeit und einen zweiten Aktivierungsschalter für die Schlagkraft.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenRund neun von zehn Krebserkrankungen bilden feste Tumoren, und genau dort versagt die Klasse der T-Zell-Therapien, die bei Leukämien Heilungen ermöglicht. Am 2. September 2026 gaben Evotec und Plectonic eine Forschungskooperation bekannt,[1] die dieses Problem an der Wurzel angeht.
Das Wichtigste in Kürze
- Evotec und Plectonic prüfen seit dem 2. September 2026 gemeinsam, wie sich T-Zell-Therapien gegen solide Tumoren richten lassen.
- Plectonics LOGIBODY aktiviert die Immunzelle erst, wenn sie mehrere Tumormerkmale zugleich erkennt, ähnlich einem logischen UND.
- Evotecs BiTco-Plattform liefert über den CD2-Schalter ein zweites Aktivierungssignal und erhöht die Schlagkraft der T-Zelle.
- Finanzielle Konditionen nennen beide Firmen nicht; das Ziel sind zunächst präklinische Machbarkeitsdaten.
Warum versagen T-Zell-Therapien bei soliden Tumoren?

Fehlendes Ziel. Ein T-Zell-Engager klemmt Immunzelle und Tumorzelle über ein einziges Oberflächenmerkmal zusammen. Bei Leukämien genügt das, weil die Krebszellen ein klares Erkennungszeichen tragen. Solide Tumoren teilen ihre Merkmale dagegen mit gesundem Gewebe, weshalb der Angriff auch gesunde Organe wie Lunge oder Darm trifft.
Giftige Nebenwirkung. Diese Attacke auf gesundes Gewebe begrenzt die Dosis und macht viele Kandidaten für feste Tumoren unbrauchbar. Fachleute nennen das On-Target-Off-Tumor-Toxizität, und an dieser Hürde scheiterten bislang die meisten Anläufe.
Wie soll das molekulare Logik-Gatter helfen?
Bedingte Freigabe. Plectonics LOGIBODY beruht auf einem programmierbaren Gerüst aus gefalteter DNA und Antikörpern, das 2023 im Fachjournal Nature Nanotechnology beschrieben wurde.[2] Der Baustein aktiviert die T-Zelle erst, wenn am selben Ort zwei oder mehr Tumormerkmale zusammentreffen.
Programmierbare Präzision. Dieses logische UND grenzt den Angriff auf Zellen ein, die wirklich zum Tumor gehören, und verschont Gewebe mit nur einem der Merkmale. Plectonic überträgt damit ein Prinzip der Computertechnik auf die Biologie, ähnlich der rechnergestützten Wirkstoffsuche, die Evotec bereits an Partner vermietet.
Präzision allein heilt keinen Tumor, und rohe Schlagkraft zerstört zu viel gesundes Gewebe. Erst die Verschaltung beider Prinzipien macht die T-Zell-Therapie für solide Tumoren überhaupt denkbar.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet die Allianz für Evotec und den Standort?
Plattform statt Pipeline. Evotec verdient zunehmend daran, eigene Technikbausteine an Partner zu lizenzieren, statt Medikamente allein bis zur Zulassung zu bringen. Die BiTco-Plattform steuert hier das CD2-Signal bei, einen zweiten Reiz, der die T-Zelle länger scharf stellt. Nach der gekappten Jahresprognose sucht der Konzern gezielt solche Kooperationen.
Deutsche Tiefentechnik. Plectonic ist eine Ausgründung der Technischen Universität München und sitzt im nahen Hallbergmoos. Bis zu einer Therapie vergehen Jahre, denn die Partner liefern zunächst nur präklinische Daten. Für den Standort zeigt der Fall, dass programmierbare Biologie aus deutschen Laboren im Rennen um bessere Krebstherapien mitspielt.
Quellen
[1] Evotec und Plectonic: „Evotec and Plectonic Enter Research Collaboration to Explore New Generation of T-Cell-Engaging Approaches for Solid Tumors“
[2] Nature Nanotechnology: „Programmable multispecific DNA-origami-based T-cell engagers“
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