Eine russische Einflussoperation baute sich einen eigenen Thinktank und füllte ihn mit fremden Aufsätzen. Von 36 geprüften Texten auf der Website des International Burke Institute stammten 34 von anderen Autoren. ChatGPT lieferte dabei nicht die Inhalte, sondern die Werbung dafür.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAuf der Website des International Burke Institute stand in einem Text über Deutschland die Formulierung „the Svetofor coalition“. Gemeint war die Ampelkoalition, denn „светофор“ heißt auf Russisch Verkehrsampel. Dieser Spur ging OpenAI nach und sperrte am 25. August 2026 die ChatGPT-Konten hinter einer russischen Einflussoperation.
Das Wichtigste in Kürze
- OpenAI sperrte ChatGPT-Konten aus Russland, die für das selbsternannte International Burke Institute warben.
- Von 36 geprüften Aufsätzen der Institutsseite waren 34 anderswo abgeschrieben, mehrere davon unter falschem Autorennamen.
- Ein Betreiber erzeugte deutschsprachige Telegram-Beiträge, ein zweiter die Logos für zwölf Kanäle mit Zielländern von Deutschland bis zur Türkei.
- Die größte Reichweite lief über Telegram, das nicht auf der EU-Liste der sehr großen Onlineplattformen steht.
Wo saß die künstliche Intelligenz in dieser Operation?

Nur im Verstärker. Die Betreiber nutzten ChatGPT für Werbeposts auf Substack, Telegram, X, Facebook und LinkedIn sowie für Kanallogos und Profilbilder, nicht für die Aufsätze selbst. Ihre Eingaben liefen auf Russisch, die Ausgaben meist auf Englisch. Das Modell bekam dazu die ausdrückliche Anweisung, jeden sprachlichen Hinweis auf die russische Herkunft zu tilgen.[1] Den Zugang aus Russland sperrt OpenAI, also liefen die Konten über VPN.
Fremde Federn. Den inhaltlichen Kern lieferte laut OpenAI kein Sprachmodell, sondern die Zwischenablage. Ein Text über den Wirtschaftskorridor zwischen China und Pakistan stammte von Cambridge University Press, erschien aber unter dem Namen der Nottinghamer Politikwissenschaftlerin Katharine Adeney. Ein Beitrag zur Migrationspolitik kam vom Migration Policy Institute und lief unter dem Namen einer australischen Lebensmittelchemikerin.[1]
Warum wirkt ein abgeschriebener Aufsatz glaubwürdiger als ein KI-Text?
Geliehene Autorität. Ein echter Fachaufsatz übersteht jede Plagiats- und KI-Erkennung, weil ihn ein Mensch geschrieben hat. Darin liegt der Kniff: Die Betreiber stapelten geprüfte fremde Forschung auf einer Domain und hängten einen selbstgebauten „Souveränitätsindex“ daneben, der Russland gut und Staaten wie Deutschland oder Frankreich schlecht bewertete. Bis zum 17. Juli führte die Seite Francis Fukuyama und Noam Chomsky als Experten.[1]
Neue Bauweise. Solche Netzwerke enttarnt OpenAI seit 2024 regelmäßig, im Juni traf der Bericht Konten mit chinesischem Ursprung. Neu ist der Aufwand. Statt Masse an Beiträgen entstand eine Institution mit Straßenanschrift und eigenem Index, ähnlich sorgfältig aufgezogen wie das Netzwerk, das Wahlen in New York und Schottland beeinflusst haben soll. Auf der Breakout-Skala der Brookings Institution ordnet OpenAI den Fall am unteren Rand der Kategorie drei ein.[1]
Die gestohlene Fußnote wiegt schwerer als der KI-Text darüber. Eine Domain voller echter Forschung besteht jede Prüfung, die Redaktionen und Suchsysteme heute überhaupt fahren.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Dort arbeitete ChatGPT
- Werbeposts für die Institutsartikel
- Antworten unter fremden Substack-Beiträgen
- Logos und Profilbilder der Telegram-Kanäle
- Deutschsprachige Beiträge für den Kanal „Lahme Ente“
- Russische Zusammenfassungen der Kanalaktivität
Dort arbeitete es nicht
- Die Fachaufsätze auf der Website
- Die Länderberichte des „Souveränitätsindex“
- Die Expertenprofile samt fremder Fotos
- Die Domain, registriert im Februar 2025
Die Aufsichtslücke: Facebook, LinkedIn und X gelten in der EU als sehr große Onlineplattformen und tragen die Risikopflichten aus Artikel 34 und 35 des Digital Services Act. Telegram und Substack stehen nicht auf dieser Liste, Stand 24. Juli 2026, und dort lag die größte Reichweite dieser Operation.
Was bedeutet der Fall für Entscheider im DACH-Raum?
Deutschland als Ziel. Ein Betreiber erzeugte deutschsprachige Beiträge für den Telegram-Kanal „Lahme Ente“, die gegen die Ukraine, die EU und die Bundesregierung Stimmung machten. Der Länderbericht über Deutschland forderte militärische Souveränität ohne amerikanische Stützpunkte.[1] Auf Telegram erreichten die zwölf Kanäle je 10.000 bis 20.000 Abonnenten.
Aufsichtslücke. Facebook, LinkedIn und X stehen auf der EU-Liste der sehr großen Onlineplattformen und schulden deshalb Risikobewertung und Gegenmaßnahmen nach Artikel 34 und 35 des Digital Services Act. Telegram und Substack fehlen dort mit Stand vom 24. Juli 2026, also ausgerechnet die beiden Kanäle mit der größten Reichweite.[2] Auch die Transparenzpflicht aus Artikel 50 der KI-Verordnung greift hier nicht. Diese Pflicht bindet seit dem 2. August 2026 Anbieter und Betreiber im Binnenmarkt, nicht einen Akteur hinter einem VPN in Russland.
Namen als Material. Für Unternehmen und Hochschulen im deutschsprachigen Raum folgt daraus eine unspektakuläre Hausaufgabe. Die australische Lebensmittelchemikerin auf der Expertenseite erfuhr von ihrer angeblichen Migrationsexpertise vermutlich nie. Dasselbe kann jeder Fachkraft im eigenen Haus passieren, weshalb der Abgleich der eigenen Expertennamen gegen solche Verzeichnisse in dieselbe Routine gehört wie die übrige Vorsorge rund um künstliche Intelligenz.
Prüfen statt glauben. Eine Quelle wird nicht dadurch seriös, dass ihre Texte menschlich klingen. Genau diesen Reflex nutzt die Operation aus. Schon im Juni zeigte eine Studie, dass geübte KI-Nutzer Falschmeldungen schlechter erkennen. Vor dem Zitat aus einem unbekannten Institut gehören zwei Handgriffe in den Ablauf: die Autorenzeile gegen die Originalveröffentlichung halten und das Registrierungsdatum der Domain nachschlagen. Beides dauert fünf Minuten und erspart die peinliche Korrektur.
FAQ: Russische Einflussoperation um das International Burke Institute
Was ist das International Burke Institute?
Das International Burke Institute ist eine selbsternannte Expertengemeinschaft mit angeblicher Adresse in Israel, deren Website im Februar 2025 registriert wurde. Laut OpenAI diente die Seite als Kern einer verdeckten Einflusskampagne aus Russland und stellte überwiegend abgeschriebene Fachtexte unter falschen Autorennamen online.
Wofür haben die Betreiber ChatGPT eingesetzt?
Die Betreiber nutzten ChatGPT für Werbeposts und Kommentare auf Substack, Telegram, X, Facebook und LinkedIn sowie für Kanallogos und Profilbilder. Die Fachaufsätze und die Länderberichte des Souveränitätsindex stammen nach Angaben von OpenAI nicht aus dem Modell, sondern wurden von echten Autoren kopiert.
Wie hat OpenAI die Kampagne entdeckt?
Ausgangspunkt war eine Untersuchung KI-erzeugter Social-Media-Beiträge. Ein sprachliches Detail führte weiter: Ein Text über Deutschland sprach von der Svetofor coalition, einer wörtlichen Maschinenübersetzung des russischen Wortes für Verkehrsampel. Gemeint war die Ampelkoalition, was auf einen slawischsprachigen Verfasser hindeutet.
Wie groß war die Reichweite der Operation?
Die offiziellen Konten des Instituts blieben klein, die zugehörigen Telegram-Kanäle kamen dagegen auf jeweils rund 10.000 bis 20.000 Abonnenten. OpenAI ordnet die Kampagne auf der Breakout-Skala der Brookings Institution am unteren Rand der Kategorie drei ein, also mit ersten Anzeichen für ein echtes Publikum.
Greift die KI-Verordnung gegen solche Kampagnen?
Nur eingeschränkt. Die Transparenzpflicht nach Artikel 50 der KI-Verordnung gilt seit dem 2. August 2026 und verlangt die Kennzeichnung KI-erzeugter Inhalte, richtet sich aber an Anbieter und Betreiber im europäischen Binnenmarkt. Ein Akteur außerhalb der EU, der über VPN auf ein Modell zugreift, lässt sich darüber praktisch nicht erreichen.
Quellen
[1] OpenAI: „Disrupting a new covert influence campaign from Russia“, 25. August 2026
[2] Europäische Kommission: „Supervision of the designated very large online platforms and search engines under DSA“, Stand 24. Juli 2026
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