Das Unterlassungsschreiben von X Corp. erreichte die Nitter-Entwickler am 24. August 2026, seither ist nitter.net offline.[1] Der Spiegel-Dienst XCancel stellte den Betrieb noch am selben Abend ein, nach zwei Jahren Laufzeit.[2]

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X Corp. verlangt die dauerhafte Abschaltung sämtlicher Instanzen und des Projekt-Repositorys. Ausschlaggebend ist dabei ein Detail der Nitter-Technik, das jeden Betreiber eines Monitoring-Werkzeugs angeht: der Zugriff über fremde Nutzerkonten.

Das Wichtigste in Kürze

  • X Corp. verschickte am 24. August 2026 Unterlassungsschreiben an Nitter und XCancel. Verlangt wird die dauerhafte Abschaltung aller Instanzen sowie des Projekt-Repositorys.
  • Entwickler zedeus nahm nitter.net vom Netz und stoppte die Entwicklung; das GitHub-Repository mit rund 13.500 Sternen ist inzwischen archiviert.
  • Das Schreiben stützt sich laut TechCrunch auf den texanischen Harmful Access by Computer Act und auf den Lanham Act, also auf Zugriffs- und Markenrecht.
  • Der Präzedenzfall hiQ gegen LinkedIn endete 2022 an der Nutzungsvereinbarung: rund 435.000 Euro Schadensersatz und eine dauerhafte Unterlassungsverfügung.

Woran hängt der Vorwurf gegen Nitter?

Vorhängeschloss mit Schlüssel, Schildern und Riegel auf weißem Hintergrund
Nitter nutzte unrechtmäßig X-Konten und Sitzungstoken, um über die API auf öffentliche Beiträge zuzugreifen

Angreifbar macht Nitter nicht das Auslesen öffentlicher Beiträge, sondern der Pool echter X-Konten, über den jede Abfrage lief. X Corp. wirft dem Projekt laut TechCrunch vor, die Programmierschnittstelle unrechtmäßig genutzt und umgangen sowie auf X-Konten und Sitzungstoken zugegriffen zu haben. Der offene Quellcode bestätigt den technischen Kern dieser Beschreibung: Nitter verwaltet einen Sitzungspool, dessen Einträge als OAuth- oder Cookie-Sitzung echter Konten hinterlegt sind.[3] Betreiber einer Instanz legen diese Zugänge in einer Datei namens sessions.jsonl ab.

Seit X im Jahr 2024 das Mitlesen ohne Anmeldung abgeschafft hat, führt kein Weg an einem angemeldeten Konto vorbei. Für jeden Abruf gilt damit die Nutzungsvereinbarung von X. Aus einem Streit über frei zugängliche Daten wird so ein Streit über einen Vertrag.

Was lehrt der Streit zwischen hiQ und LinkedIn?

Scraping-Verfahren in den USA scheitern selten am Zugriffsrecht und meistens am Vertrag. Das US-Bundesberufungsgericht des neunten Bezirks gab hiQ Labs 2022 recht, soweit rein öffentliche Profildaten betroffen waren: Ein Abruf ohne Anmeldung erfüllt den Computer Fraud and Abuse Act nicht.[4] Verloren hat hiQ trotzdem. Das Unternehmen hatte Scheinprofile anlegen lassen, um hinter die Anmeldeschranke zu gelangen, und verstieß damit gegen die Nutzungsvereinbarung von LinkedIn.

Im Dezember 2022 schloss das Bundesbezirksgericht in Nordkalifornien das Verfahren mit einem Vergleichsurteil ab: rund 435.000 Euro Schadensersatz, eine dauerhafte Unterlassungsverfügung und die Pflicht, alle erhobenen Daten samt Programmcode zu löschen.

Der Fall Nitter dreht sich nur scheinbar um Scraping. Sobald fremde Zugangsdaten im eigenen Dienst stecken, endet der Schutz, den öffentliche Daten sonst genießen.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Die Linie zieht sich durch die jüngere Rechtsprechung. Vor Gericht scheiterte Google mit dem Vorwurf, SerpApi habe geschützte Werke kopiert, während Reddits Scraping-Klage gegen Perplexity weiterläuft. Andere Plattformen regeln den Zugriff technisch statt juristisch, etwa über Cloudflares Lizenzverträge für KI-Crawler oder über die Sperre eines Betreibers mit 99 Prozent Bot-Verkehr.

Unterlassung gegen Nitter: die harten Eckdaten
Datum, Laufzeit, Präzedenzfall und der geregelte Weg zu Plattformdaten
24.08.2026
Datum der Unterlassungsschreiben von X Corp. an Nitter und XCancel; XCancel stellte den Dienst noch am selben Abend ein
7 Jahre
lief das Nitter-Projekt seit Juni 2019; das GitHub-Repository mit rund 13.500 Sternen ist inzwischen archiviert
435.000 €
Schadensersatz im Vergleichsurteil hiQ gegen LinkedIn von 2022, dazu eine dauerhafte Unterlassungsverfügung
29.10.2025
seit diesem Tag gilt der delegierte Rechtsakt zu Artikel 40 der Verordnung über digitale Dienste; Anträge laufen in Deutschland über die Bundesnetzagentur
Der Streit dreht sich nicht um öffentlich sichtbare Beiträge, sondern um die Konten, über die Nitter sie abrief. Damit greift statt des Zugriffsrechts die Nutzungsvereinbarung von X. Genau daran scheiterte 2022 schon hiQ Labs.

Was bedeutet das für europäische Unternehmen?

Plattformdaten sind in Europa seit Oktober 2025 auf geregeltem Weg zugänglich, und der führt über eine Behörde. Der delegierte Rechtsakt zu Artikel 40 der Verordnung über digitale Dienste trat am 29. Oktober 2025 in Kraft.[5] Seither beantragen geprüfte Forschende den Zugang zu internen Daten sehr großer Plattformen beim nationalen Koordinator für digitale Dienste, in Deutschland bei der Bundesnetzagentur.[6] X zählt als sehr große Online-Plattform dazu.

Für Marketing und IT folgen daraus zwei nüchterne Aufgaben. Prüfen Sie zuerst, ob Ihre Monitoring- und Social-Listening-Werkzeuge auf inoffiziellen Schnittstellen oder auf fremden Kontositzungen aufsetzen, denn genau diese Bauweise steht hier zur Verhandlung. Ersetzen Sie danach die RSS-Feeds aus Nitter-Instanzen, die in Dashboards und Intranets seit Montag ins Leere laufen. Wie unterschiedlich Gerichte automatisierte Zugriffe bewerten, zeigte zuletzt das Berufungsurteil, das Amazons Sperre gegen Perplexity kippte.

FAQ: Unterlassungsschreiben an Nitter und XCancel

Warum ist Nitter offline?

Nitter ist seit dem 25. August 2026 offline, nachdem X Corp. einen Tag zuvor Unterlassungsschreiben verschickt hatte. Entwickler zedeus stoppte den Betrieb von nitter.net samt Weiterentwicklung und holt zunächst rechtlichen Rat ein. Das Schreiben verlangt die dauerhafte Abschaltung aller Instanzen und des Projekt-Repositorys.

Was war XCancel?

XCancel war eine öffentliche Nitter-Instanz, über die sich Beiträge von X ohne eigenes Konto lesen ließen. Der Betreiber erhielt am 24. August 2026 ebenfalls ein Unterlassungsschreiben von X Corp. und stellte den Dienst nach zwei Jahren bis auf Weiteres ein.

Ist Web Scraping in Deutschland verboten?

Nein, ein pauschales Verbot besteht nicht. Die Grenzen ergeben sich aus dem Datenbankherstellerrecht der Paragrafen 87a ff. UrhG, aus den Nutzungsbedingungen und aus dem Datenschutz. Riskant wird der Abruf vor allem dort, wo eine Anmeldeschranke mit fremden oder eigens angelegten Konten umgangen wird.

Wie kommen Forschende legal an Daten von X?

Der Weg führt über Artikel 40 der Verordnung über digitale Dienste. Geprüfte Forschende beantragen den Zugang zu internen Daten beim nationalen Koordinator für digitale Dienste, in Deutschland bei der Bundesnetzagentur. Der zugehörige delegierte Rechtsakt trat am 29. Oktober 2025 in Kraft.

Laufen noch Nitter-Instanzen?

Das Projekt hat die Entwicklung eingestellt, und das GitHub-Repository ist archiviert. Weitere Instanzbetreiber erhielten laut TechCrunch ebenfalls Unterlassungsschreiben von X Corp. Betreiber einer eigenen Instanz sollten deshalb mit Post rechnen und frühzeitig rechtlichen Rat einholen.

Quellen

[1] Nitter: Hinweis „Cease and desist“ von zedeus, 25. August 2026

[2] XCancel: Hinweis zur Einstellung des Dienstes

[3] Nitter-Projekt auf GitHub: Quellcode und Hinweis zum Unterlassungsschreiben (Repository archiviert)

[4] United States Court of Appeals for the Ninth Circuit: „hiQ Labs, Inc. v. LinkedIn Corp.“, No. 17-16783 (PDF)

[5] Europäische Kommission: „Commission adopts delegated act on data access under the Digital Services Act“

[6] Bundesnetzagentur: „Forschungsdatenzugang“ nach Artikel 40 DSA

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