Naturkautschuk fehlt der Weltwirtschaft im Jahr 2026 an allen Ecken, und zum ersten Mal seit Langem übersteigt die Nachfrage die Ernte spürbar. Analysten der Branchenorganisation ANRPC beziffern die Lücke auf rund 400.000 Tonnen, bei einer Produktion von etwa 15,2 Millionen Tonnen und einem Bedarf von 15,6 Millionen. Über einem Rohstoff, den kaum jemand bewusst kauft, hängt damit eine handfeste Knappheit.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenFast der gesamte Gummi der Welt stammt aus dem Milchsaft eines einzigen Baums, der nur im feuchtheißen Gürtel nahe dem Äquator gedeiht. Jeder Autoreifen, jeder Lkw und jedes startende Flugzeug rollt auf diesem Baumsaft. Wird er knapp, spürt das nicht die Tropenplantage zuerst, sondern die Fabrik in Hannover.
Die Preise erreichten 2026 den höchsten Stand seit Jahren, während alternde Plantagen in Thailand und Vietnam immer weniger hergeben. Warum ein unscheinbarer Baumsaft ganze Industrien ins Wanken bringt, zeigt die Geschichte dieses Rohstoffs, von der Anden-Legende bis zur EU-Verordnung.
Das Wichtigste in Kürze
- Versorgungslücke: Der Weltmarkt für Naturkautschuk läuft 2026 auf ein Defizit von rund 400.000 Tonnen zu, weil alternde Plantagen weniger liefern und die Nachfrage der Autoindustrie steigt.
- Rund 80 Prozent der Welternte stammen aus Südostasien, allein Thailand liefert etwa ein Drittel der gesamten Menge.
- Etwa 85 Prozent des Naturkautschuks ernten Kleinbauern von wenigen Hektar, nicht große Konzerne.
- Für Flugzeug- und schwere Lkw-Reifen fehlt bis heute ein gleichwertiger Ersatz aus dem Labor.
- Ab dem 30. Dezember 2026 dürfen Reifen nur noch in die EU, wenn der Kautschuk nachweislich entwaldungsfrei erzeugt wurde.
Angeberwissen in fünf Fragen: der Naturkautschuk-Check
1Aus welchem Baum stammt fast der gesamte Naturkautschuk der Welt?Aufklappen ↓
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2Welches Land erntet den meisten Naturkautschuk?Aufklappen ↓
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3Wer erfand 1839 die Vulkanisation, die Gummi haltbar machte?Aufklappen ↓
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4Woraus bestehen die Reifen eines Verkehrsflugzeugs?Aufklappen ↓
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5Welchen Rohstoff nutzt Continental für den Löwenzahn-Reifen?Aufklappen ↓
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Was ist Naturkautschuk und wie entsteht er?
Naturkautschuk ist der eingetrocknete Milchsaft des Kautschukbaums Hevea brasiliensis, chemisch ein langkettiges Molekül namens cis-1,4-Polyisopren. Ritzt ein Zapfer die Rinde schräg an, tritt eine weiße Flüssigkeit aus, der Latex. Genau diese Flüssigkeit ist der Rohstoff, aus dem später jeder Reifen wird.
Der Baum bildet den Saft als Schutz gegen Insekten und zum Verschließen von Wunden. Ein Zapfer schneidet die Rinde in den frühen Morgenstunden an, wenn der Innendruck am höchsten ist, und fängt den Latex in einem Becher auf. Über Stunden tropft die zähe Flüssigkeit in kleine Behälter, Baum für Baum, von Hand.
Bis ein Kautschukbaum das erste Mal angezapft werden kann, vergehen sechs bis sieben Jahre. Danach liefert er zwei bis drei Jahrzehnte lang, bevor der Ertrag nachlässt und die Plantage neu gepflanzt wird. Diese lange Vorlaufzeit erklärt, warum die Produktion auf Preissprünge kaum kurzfristig reagieren kann.
Der Baum gedeiht nur bei ganzjähriger Wärme, hoher Luftfeuchte und ohne Frost, also im schmalen Band beiderseits des Äquators. Höhere Qualitäten entstehen aus sauber koaguliertem Latex, während für einfache Sorten der Saft am Baum von selbst gerinnt. Aus dieser natürlichen Vielfalt speist sich der gesamte Weltbedarf.
Wer entdeckte den Kautschuk und wie begann der Gummi-Rausch?

Schon die Völker Mesoamerikas kannten den Kautschuk lange vor Kolumbus und formten aus dem Baumsaft Bälle für ihre Kultspiele. Spanische Eroberer staunten über die springenden Kugeln, doch in Europa blieb der Stoff zunächst eine Kuriosität. Erst ein Chemiker gab ihm seinen bis heute gebräuchlichen Namen Gummi elasticum.
Der Durchbruch kam 1839, als Charles Goodyear Kautschuk mit Schwefel erhitzte und dabei die Vulkanisation erfand. Vorher wurde der Rohstoff bei Hitze klebrig und bei Kälte brüchig, danach blieb er über einen weiten Temperaturbereich elastisch und fest. Diese eine Entdeckung machte aus einer Spielerei einen Industrierohstoff.
Von da an brach in der Amazonasregion ein Rausch aus, der ein halbes Jahrhundert anhielt. Die Hafenstädte Manaus und Belém wurden über den Kautschukhandel steinreich, mit Opernhaus und Straßenbahn mitten im Regenwald. Brasilien hütete sein Monopol und verbot die Ausfuhr von Samen unter Strafe.
1876 schmuggelte der Brite Henry Wickham rund 70.000 Kautschuksamen aus Brasilien und brachte sie in die Gewächshäuser der Königlichen Gärten von Kew. Aus den Setzlingen wuchsen die ersten Plantagen in den britischen und niederländischen Kolonien Südostasiens. Dieser eine Diebstahl verlagerte den Weltmarkt für immer nach Asien.
Wie hat Naturkautschuk die Weltkarte verändert?

Kaum ein Rohstoff hat so viel koloniale Gewalt gesehen wie der Gummi. Im Kongo-Freistaat trieb König Leopold II. von Belgien die Bevölkerung mit Geiselnahme und Verstümmelung zum Sammeln von Wildkautschuk an. Historiker zählen die sogenannten Kongogräuel zu den schwersten Verbrechen der Kolonialzeit.
Der Samenschmuggel nach Kew zerstörte binnen Jahren Brasiliens Vormacht und verlagerte den Anbau in die Tropen Britisch-Malayas und Niederländisch-Indiens. Europäische Handelshäuser legten riesige Plantagen an und banden ganze Regionen an eine einzige Exportfrucht. Damit entstand eine Abhängigkeit, die viele Länder bis heute prägt.
Im Zweiten Weltkrieg schnitt Japan mit der Eroberung Südostasiens die USA von fast der gesamten Kautschukversorgung ab. Washington antwortete mit einem gigantischen Programm für synthetischen Kautschuk aus Erdöl, das binnen weniger Jahre eine ganze Industrie aus dem Boden stampfte. Diese Kriegsnot gebar den bis heute wichtigsten Konkurrenten des Naturprodukts.
Der US-Konzern Firestone wiederum sicherte sich 1926 in Liberia eine der größten Kautschukplantagen der Welt auf einem Pachtvertrag über 99 Jahre. Ähnlich wie beim Palmöl aus Indonesien band ein einzelner Rohstoff die Wirtschaft eines ganzen Landes an westliche Nachfrage. Ressourcen schaffen Abhängigkeiten, und Abhängigkeiten schaffen Konflikte.
Warum ist Naturkautschuk für die Weltwirtschaft so wichtig?

Jedes Jahr verarbeitet die Welt rund 15 Millionen Tonnen Naturkautschuk, und der Löwenanteil rollt am Ende als Reifen über die Straßen. Nach Branchenzahlen gehen etwa zwei Drittel der Ernte in die Reifenproduktion, der Rest in Handschuhe, Dichtungen, Schläuche und tausende technische Teile.
Nach Zahlen des Datendiensts Statista führt Thailand die Rangliste der Produzenten mit rund 5,35 Millionen Tonnen an, das entspricht etwa einem Drittel der Welternte. Indonesien folgt mit gut 2 Millionen Tonnen, Vietnam mit knapp 1,3 Millionen, und die Elfenbeinküste ist zum größten Erzeuger Afrikas aufgestiegen. Auf der Nachfrageseite verschlingt allein China über 40 Prozent des Weltverbrauchs.
Die Handelswege laufen fast alle über die Häfen Südostasiens und durch die Straße von Malakka, einen der wichtigsten Nadelöhre der Weltwirtschaft. Gehandelt wird Kautschuk unter anderem an den Börsen in Singapur, Shanghai und Tokio, notiert in Dollar und Yen. Über diese Preisbildung schlagen Wetter und Politik in Asien direkt auf die Kosten in Europa durch.
Deutschland besitzt keinen einzigen Kautschukbaum und führt seinen gesamten Bedarf ein, ein großer Teil davon fließt in die Reifen- und Autozulieferindustrie. Fällt die Lieferung aus, stehen nicht nur Reifenwerke still, sondern auch die Bänder der Autohersteller. Diese stille Verwundbarkeit trifft eine der wichtigsten Branchen des Landes.
In welchen Produkten steckt Naturkautschuk und was verschwindet ohne ihn?

Die meisten Menschen haben nie eine Kautschukplantage gesehen, berühren den Rohstoff aber täglich. In Autoreifen, Gummistiefeln, Schläuchen, Dichtungen, Förderbändern, OP-Handschuhen und Kondomen steckt der Baumsaft, von den meisten Nutzern unbemerkt. Diese unsichtbare Allgegenwart macht die Abhängigkeit so heikel.
Besonders eng wird die Lage bei den schweren Reifen. Ein Lkw-Reifen enthält rund 40 Prozent Naturkautschuk, weil das Material die Hitze unter Dauerlast besser verträgt als jeder Kunststoff. Ein Pkw-Reifen kommt je nach Typ mit 10 bis 30 Prozent aus, mischt also Natur- und Synthesekautschuk.
An einer Stelle fehlt bis heute schlicht jeder Ersatz: Flugzeugreifen bestehen zu 100 Prozent aus Naturkautschuk. Nur das Naturmolekül hält die Schläge einer Landung bei über 250 Stundenkilometern aus, ohne zu reißen. Diese physikalische Grenze lässt sich mit keiner Rezeptur aus dem Erdöl überspringen.
Genau hier greift die Kipp-Logik der Lieferkette: Bei Schuhsohlen und Alltagsgummi springt notfalls billiger Kunststoff ein, von den Kunden kaum bemerkt. Bei Flugzeug- und schweren Lkw-Reifen dagegen steht ohne Naturkautschuk schlicht die Produktion still, weil kein Labor die Reißfestigkeit erreicht. Aus dieser Zweiteilung speist sich das strategische Gewicht des Rohstoffs.
Wie setzt sich der Preis eines Autoreifens zusammen?

Ein Markenreifen für den Pkw kostet im Handel oft um die 100 Euro, doch nur ein kleiner Teil davon entfällt auf den eigentlichen Rohstoff. Der Naturkautschuk macht in einer Modellrechnung rund 8 Prozent des Ladenpreises aus. Der große Rest verteilt sich auf ganz andere Posten.
Rechnet man die weiteren Materialien hinzu, also Synthesekautschuk, Stahlgürtel, Ruß und Chemikalien, kommt der Rohstoffblock auf etwa 40 Prozent. Fertigung, Energie und Löhne schlagen mit rund einem Fünftel zu Buche, weil die Vulkanisation viel Strom frisst. Ein weiteres Fünftel geht an Marke, Entwicklung, Werbung und die Handelsspanne.
Den sichtbarsten Anteil kassiert am Ende der Staat: 19 Prozent Mehrwertsteuer liegen auf dem Nettopreis. Ein deutscher Autofahrer zahlt für die Steuer also mehr als für den Naturkautschuk im Reifen. Diese Verteilung überrascht die meisten Käufer.
Die Folge dieser Struktur ist beruhigend und ärgerlich zugleich. Steigt der Weltmarktpreis für Naturkautschuk um die Hälfte, verteuert das den Reifen rechnerisch nur um wenige Prozent, weil der Rohstoff so wenig Gewicht hat. Steigen die Preise im Laden trotzdem stärker, liegt das selten am Baumsaft allein.
Wer verdient an Naturkautschuk und wer zahlt drauf?

Am Anfang der Kette stehen keine Konzerne, sondern Millionen Kleinbauern. Rund 85 Prozent des Naturkautschuks ernten Familien von wenigen Hektar Land, oft in Thailand, Indonesien und Vietnam. Diese Kleinstruktur unterscheidet den Gummi von fast jedem anderen Industrierohstoff.
Genau diese Bauern tragen das größte Risiko und haben die geringste Macht. Fällt der Weltmarktpreis, wie über weite Strecken des vergangenen Jahrzehnts, roden viele ihre Bäume und pflanzen lieber Ölpalmen oder Obst. Ähnlich wie beim Kakao der westafrikanischen Bauern entscheidet ein ferner Börsenkurs über das Auskommen ganzer Dörfer.
Die großen Gewinne machen die Zwischenhändler und die Reifenkonzerne, die den Rohstoff zu Hochtechnik veredeln. Michelin, Bridgestone und Continental verarbeiten den billigen Baumsaft zu Produkten mit hoher Marge. Zwischen Plantage und Ladentheke vervielfacht sich der Wert.
Der Naturkautschuk zeigt, wie eine ganze Weltindustrie auf den Schultern von Millionen Kleinbauern ruht, die vom Endpreis fast nichts sehen. Kein Reifenkonzern sichert seine Lieferkette, ohne zuerst die Menschen am Baum abzusichern, sonst rodet die nächste Preisflaute die Plantagen von morgen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Volkswirtschaftlich zeigt der Kautschuk das Muster des Ressourcenfluchs im Kleinen. Länder, die stark am Export eines einzigen Rohstoffs hängen, geraten bei jedem Preissturz ins Wanken und investieren zu wenig in andere Branchen. Diese einseitige Ausrichtung hält arme Anbauregionen arm.
Wie mächtig ist die Kautschuk- und Reifenlobby?

Anders als beim Öl fehlt ein Kartell, das den Kautschukpreis diktiert, doch die verarbeitende Industrie ist bestens organisiert. In Deutschland vertritt der Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie die Interessen der Branche gegenüber der Politik. Diese Verbandsmacht zeigt sich vor allem in Brüssel.
Der größte politische Hebel liegt derzeit bei der EU-Entwaldungsverordnung, die ab Ende 2026 lückenlose Herkunftsnachweise verlangt. Reifenhersteller und Zulieferer drängten monatelang auf Aufschub und Erleichterungen, weil Millionen Kleinbauern kaum GPS-Daten ihrer Felder liefern können. Die mehrfache Verschiebung der Verordnung gilt als Erfolg dieser Lobbyarbeit.
Die Produzentenländer wiederum haben sich in der ANRPC zusammengeschlossen, um Marktdaten zu bündeln und Preise zu beobachten. Ein echtes Preiskartell nach dem Vorbild der Ölförderländer ist daraus nie geworden, dafür konkurrieren die Anbauländer zu stark. Diese Zersplitterung hält die Erzeuger schwach.
Zugleich vermarktet die Industrie den Naturkautschuk zunehmend als nachhaltigen, nachwachsenden Rohstoff im Gegensatz zum erdölbasierten Kunststoff. An diesem Bild ist viel Wahres, doch verdeckt der Werbeslogan die Abholzung, die der Plantagenausbau vielerorts verursacht. Zwischen Werbebotschaft und Waldrand klafft eine spürbare Lücke.
Wie kommt die Welt vom Naturkautschuk los?

Ein vollständiger Ausstieg ist nicht in Sicht, wohl aber eine schrittweise Verbreiterung der Basis. Der wichtigste Ersatz ist seit dem Zweiten Weltkrieg der Synthesekautschuk aus Erdöl, der heute bei vielen Reifen den größeren Anteil stellt. Dieser Kunststoff deckt aber gerade die härtesten Anwendungen nicht ab.
Spannender sind neue Pflanzen, die den Kautschukbaum aus den Tropen holen. Continental gewinnt unter dem Namen Taraxagum Naturkautschuk aus den Wurzeln des Russischen Löwenzahns und betreibt dafür seit 2018 ein Labor in Anklam. Der große Reiz liegt darin, dass diese Pflanze auch auf kargen Feldern in Europa wächst.
Daneben erforschen Hersteller den Wüstenstrauch Guayule aus dem Südwesten der USA, der ganz ohne Regenwald auskommt. Beide Alternativen stehen jedoch erst am Anfang und liefern bisher nur einen winzigen Bruchteil der Weltmenge. Bis zur industriellen Reife vergehen noch viele Jahre.
Der schnellste Hebel ist das Recycling, denn in Altreifen steckt wertvoller Gummi und Ruß. Verfahren wie die Rückgewinnung von Industrieruß aus alten Reifen ersetzen bereits neuen Rohstoff, wenn auch in kleinem Maßstab. Eine echte Kreislaufwirtschaft für Kautschuk bleibt vorerst Zukunftsmusik.
Was bedeutet die Kautschuk-Knappheit für Deutschland?

Die eingangs genannte Lücke von rund 400.000 Tonnen trifft ein Land, das jeden Reifen aus importiertem Kautschuk fertigt. Steigende Weltmarktpreise verteuern die Produktion bei Continental und den vielen Zulieferern, auch wenn der Rohstoffanteil am Endpreis klein bleibt. Für die Autoindustrie summiert sich das zu einem echten Kostendruck.
Zur Preisfrage kommt die Bürokratie der EU-Entwaldungsverordnung, die ab dem 30. Dezember 2026 gilt. Ab diesem Datum darf Kautschuk nur noch in die EU, wenn seine Herkunft bis auf das Feld nachweisbar entwaldungsfrei ist. Wie schon beim Kaffee der Kleinbauern droht die neue Nachweispflicht gerade die Ärmsten aus dem europäischen Markt zu drängen.
Für die kommenden Monate sind drei Szenarien denkbar. Im optimistischen Fall entspannen gute Ernten und volle Lager die Lage, und die Preise sinken wieder. Im realistischen Fall bleibt die Versorgung knapp und die Preise verharren hoch, ohne zu eskalieren. Im pessimistischen Fall verschärfen Wetterextreme und Baumkrankheiten die Knappheit, und Reifen werden spürbar teurer.
Für Sie als Verbraucher heißt das konkret: Bei ohnehin anstehendem Reifenkauf lohnt der Griff vor die nächste Preisrunde, und alte Reifen gehören ins fachgerechte Recycling. Unternehmen sichern sich über längere Lieferverträge und geprüfte Herkunftsnachweise ab, bevor die Verordnung greift. Der unscheinbare Baumsaft aus den Tropen bleibt so lange ein strategisches Gut, wie kein Labor die Landung eines Airbus ersetzen kann.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe rund um Naturkautschuk

Elastomer
Elastomer heißt ein Kunststoff, der sich stark dehnen lässt und danach wieder in seine Ausgangsform zurückspringt. Naturkautschuk ist das bekannteste natürliche Elastomer und die Grundlage jedes Gummireifens.
EUDR
EUDR ist die Abkürzung für die EU-Entwaldungsverordnung. Sie verbietet ab Ende 2026 den Handel mit sieben Rohstoffen, darunter Kautschuk, sofern für deren Anbau Wald gerodet wurde, und verlangt genaue Herkunftsnachweise.
Guayule
Guayule ist ein Wüstenstrauch aus dem Südwesten der USA und Mexikos, der ebenfalls Naturkautschuk in seinen Zellen bildet. Er gilt als mögliche Alternative zum tropischen Kautschukbaum, liefert bislang aber nur geringe Mengen.
Hevea brasiliensis
Hevea brasiliensis ist der lateinische Name des Kautschukbaums, der ursprünglich aus dem Amazonasbecken stammt. Aus seinem Milchsaft gewinnt die Welt heute nahezu den gesamten Naturkautschuk.
Kautschukboom
Kautschukboom nennt man die Phase des rasanten Reichtums in der Amazonasregion zwischen 1870 und 1920. Städte wie Manaus wurden durch den Handel mit Wildkautschuk kurzzeitig steinreich, bevor asiatische Plantagen den Markt übernahmen.
Koagulation
Koagulation beschreibt das Gerinnen des flüssigen Latex zu festem Rohkautschuk. Durch Zugabe von Säure oder von selbst verklumpen die Kautschukteilchen und lassen sich zu Ballen oder Fellen weiterverarbeiten.
Latex
Latex ist der weiße Milchsaft, der beim Anritzen der Rinde aus dem Kautschukbaum tritt. Er enthält winzige Kautschukteilchen in Wasser und ist der Rohstoff für Handschuhe, Kondome und die Reifenherstellung.
Naturkautschuk
Naturkautschuk ist der aus Latex gewonnene, nachwachsende Rohstoff für elastische Gummiprodukte. Er übertrifft synthetische Sorten bei Reißfestigkeit und Hitzebeständigkeit und bleibt deshalb für Flugzeug- und Lkw-Reifen unverzichtbar.
Polyisopren
Polyisopren ist der chemische Fachbegriff für das lange Molekül, aus dem Naturkautschuk besteht. Seine geordnete Struktur, das cis-1,4-Polyisopren, verleiht dem Material seine besondere Elastizität.
Smallholder
Smallholder, auf Deutsch Kleinbauer, bewirtschaftet nur wenige Hektar Kautschukbäume. Diese Familienbetriebe ernten rund 85 Prozent des weltweiten Naturkautschuks und tragen zugleich das größte Preisrisiko.
Synthesekautschuk
Synthesekautschuk ist künstlich aus Erdöl hergestellter Gummi, etwa der weit verbreitete Styrol-Butadien-Kautschuk. Er ersetzt Naturkautschuk in vielen Produkten, erreicht dessen Festigkeit bei den härtesten Anwendungen aber nicht.
Vulkanisation
Vulkanisation ist das 1839 von Charles Goodyear entdeckte Verfahren, bei dem Kautschuk mit Schwefel erhitzt wird. Erst dadurch wird der klebrige Rohstoff dauerhaft elastisch, wetterfest und für den technischen Einsatz brauchbar.
FAQ: Naturkautschuk: Warum die Welt am Gummi hängt

Warum wird Naturkautschuk 2026 knapp?
Naturkautschuk wird 2026 knapp, weil die Nachfrage die Ernte um rund 400.000 Tonnen übersteigt. Alternde Plantagen in Thailand, Indonesien und Vietnam liefern weniger, viele Bauern haben nach Jahren niedriger Preise auf andere Pflanzen umgestellt, und die Autoindustrie fragt zugleich mehr Reifen nach.
Kann man Naturkautschuk durch synthetischen Kautschuk ersetzen?
Nur teilweise. Bei Pkw-Reifen, Schuhsohlen und vielen Alltagsprodukten ersetzt Synthesekautschuk aus Erdöl den Naturstoff. Flugzeugreifen und schwere Lkw-Reifen brauchen dagegen reinen Naturkautschuk, weil kein künstliches Material die gleiche Reißfestigkeit und Hitzebeständigkeit erreicht.
Welches Land produziert den meisten Naturkautschuk?
Thailand ist der größte Produzent mit rund 5,35 Millionen Tonnen pro Jahr, das entspricht etwa einem Drittel der Welternte. Dahinter liegen Indonesien und Vietnam. Zusammen mit Malaysia und Kambodscha liefert Südostasien rund 80 Prozent des weltweiten Naturkautschuks.
Wofür wird Naturkautschuk hauptsächlich verwendet?
Rund zwei Drittel des Naturkautschuks fließen in die Reifenproduktion für Autos, Lkw und Flugzeuge. Der Rest steckt in Handschuhen, Kondomen, Dichtungen, Schläuchen, Förderbändern und Schuhsohlen. Ohne Naturkautschuk stünden vor allem die Werke für schwere Reifen still.
Was hat die EU-Entwaldungsverordnung mit Naturkautschuk zu tun?
Kautschuk ist einer von sieben Rohstoffen, die unter die EU-Entwaldungsverordnung fallen. Ab dem 30. Dezember 2026 dürfen große und mittlere Unternehmen Reifen und Gummiwaren nur noch in die EU bringen, wenn sie nachweisen, dass der Kautschuk nicht auf gerodeten Waldflächen gewachsen ist.
Woraus besteht Naturkautschuk?
Naturkautschuk besteht chemisch aus langen Ketten des Moleküls cis-1,4-Polyisopren. Gewonnen wird er aus dem Latex, dem weißen Milchsaft des Kautschukbaums Hevea brasiliensis. Der Saft gerinnt zu Rohkautschuk und wird durch Vulkanisation mit Schwefel zu elastischem, festem Gummi.
Quellen
ANRPC | Natural Rubber Trends & Statistics, Top 10 Rubber Producing Countries 2025 | https://www.anrpc.org/ | besucht am 26.07.2026
Statista | Natural rubber production by country | https://www.statista.com/statistics/275397/caoutchouc-production-in-leading-countries/ | besucht am 26.07.2026
Indonesia Investments | Rubber: Production, Export & Plantations | https://www.indonesia-investments.com/business/commodities/rubber/item185 | besucht am 26.07.2026
Continental | Kautschuk aus Löwenzahn: Taraxagum | https://www.continental-tires.com/de/about/sustainability/activities-and-initiatives/design-and-sourcing/taraxagum/ | besucht am 26.07.2026
Europäische Kommission | Regulation (EU) 2023/1115 on deforestation-free products (EUDR) | https://environment.ec.europa.eu/topics/forests/deforestation/regulation-deforestation-free-products_en | besucht am 26.07.2026
reifen.com | EUDR: Auswirkungen auf die Reifen-Branche | https://www.reifen.com/de-de/infos-tipps/umwelt/eudr-reifen | besucht am 26.07.2026