NASAs Mondcomputer verträgt drei Totalausfälle

Michael Dobler
Autor Dr. Web
3 Min. Lesezeit
NASAs Mondcomputer verträgt drei Totalausfälle

Die Mondmission Artemis II fliegt mit einem der fehlertolerantesten Computersysteme, das je für die Raumfahrt gebaut wurde. Vier Menschen umrunden damit erstmals seit über fünfzig Jahren wieder den Mond.

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Der Bordrechner der Orion-Kapsel steuert bei Artemis II fast alles Sicherheitskritische, von der Lebenserhaltung bis zum Funkverkehr. Anders als zu Apollo-Zeiten hängt das Überleben der Crew vollständig an dieser Rechenarchitektur.

Das Wichtigste in Kürze

  • Orion nutzt vier Flugsteuerungsmodule, jedes aus einem selbstprüfenden Prozessorpaar, zusammen also acht CPUs im Parallelbetrieb.
  • Das System folgt einem „Fail-silent“-Prinzip: Ein fehlerhaftes Modul verstummt, statt eine falsche Antwort weiterzugeben.
  • Drei der vier Module dürfen binnen 22 Sekunden ausfallen, das letzte bringt die Kapsel sicher durch.

Warum acht Prozessoren statt einem schnellen?

Vier Glühbirnen stehen nebeneinander vor weißem Hintergrund; nur die rechte leuchtet blau
Kosmische Strahlen verursachen Bitfehler in Raumfahrtcomputern. Die NASA deaktiviert fehlerhafte Module, gesunde Kanäle übernehmen automatisch

Stille statt falscher Antwort. Im Weltall kippen kosmische Strahlen einzelne Bits, was zu falschen Berechnungen führt. Statt drei Ergebnisse zu vergleichen und zu überstimmen, lässt NASA fehlerhafte Module einfach verstummen. Die gesunden Kanäle übernehmen nach fester Rangfolge. Communications of the ACM beschreibt die Architektur in einer ausführlichen Analyse.

Ein verstummtes Modul bleibt kein totes Gewicht. Das System setzt es zurück, gleicht seinen Zustand wieder ab und holt es mitten im Flug zurück in die Gruppe. Möglich macht das eine streng deterministische Architektur, in der alle Rechner im Gleichschritt arbeiten.

Was hat das mit alter Technik zu tun?

Vintage Computer auf orangefarbenem Kissen vor weißem Hintergrund
Zwei strahlungsgehärtete IBM-PowerPC-750-Prozessoren aus dem Jahr 2002 sichern die Mission. Bewährte Technik statt neuester Bauteile für maximale Zuverlässigkeit

Bewährt schlägt neu. Im Herzen stecken zwei strahlungsgehärtete IBM-PowerPC-750-Prozessoren, eine CPU aus dem Jahr 2002, wie sie einst in Apples iBook G3 arbeitete. Für eine Mission ohne zweite Chance zählt nicht das schnellste Bauteil, sondern das am besten verstandene.

Gegen Software-Fehler, die alle vier Hauptmodule zugleich treffen könnten, fliegt zusätzlich eine völlig eigenständige Notfall-Software mit. Diese Notfall-Software läuft auf anderer Hardware und einem anderen Betriebssystem, von einem getrennten Team entwickelt. So fängt unähnliche Redundanz genau jene Fehler ab, die identische Systeme gemeinsam machen würden.

Diese Engineering-Disziplin wirkt aus der Zeit gefallen, ist aber hochaktuell. Beim Bau kritischer Systeme lohnt die Frage, ob das neueste Bauteil wirklich das zuverlässigste ist.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was lernen Entscheider daraus?

Drei silberne Serverracks mit orangen Griffen und einer Astronautenschwein-Figur davor
NASA synchronisiert mehrere Rechner durch konsequente Determinismus-Prinzipien, um Systemausfälle durch Zeitabweichungen zu vermeiden

Determinismus zahlt sich aus. Mehrere Rechner im exakten Gleichschritt zu betreiben gilt in der Informatik als berüchtigt schwierig, weil kleinste Zeitabweichungen gesunde Systeme auseinanderlaufen lassen. NASA löst das durch kompromisslose Vorhersagbarkeit, eine Disziplin, die in der modernen Entwicklung zunehmend selten wird.

Übertragen Sie das Prinzip auf Ihre eigene kritische Infrastruktur. Redundanz und klare Ausfallregeln, dazu bewusst gewählte bewährte Komponenten, schlagen im Ernstfall jede ungeprüfte Neuerung. Wie heikel Ausfälle in öffentlicher Infrastruktur werden, zeigt unser Bericht zur souveränen KI-Cloud des Bundes.

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Michael Dobler
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Ich bin der Herausgeber von Dr. Web. Um praxisfit zu bleiben, unterstütze ich darüber hinaus Kunden bei der digitalen Kundengewinnung und Kundenbindung. Erste eigene Gehversuche im Internet unternahm ich 1999 mit einem Kinomagazin. Nach 15 Jahren in Lohn und Brot, u.a. als Projektmanager für digitale Medien, machte ich mich schließlich Ende 2005 selbständig. Das war die beste berufliche Entscheidung meines Lebens.
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