Ein Test mit 121 echten Geldfragen entlarvt die beliebtesten KI-Chatbots: 57 Prozent der Antworten waren falsch, bei kniffligen Steuer- und Rentenfragen sogar 88 Prozent. Für Firmen, die Mitarbeitern oder Kunden solche Auskünfte zutrauen, wird aus einem Bequemlichkeits-Tool schnell ein Haftungsrisiko.

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KI-Chatbots beantworten Fragen zur Steuerlast, zur Rente oder zur besten Kredittilgung flüssig und selbstbewusst. Nur stimmt die Auskunft oft nicht. Der Finanztechnik-Anbieter Saturn hat 18 gängige KI-Modelle mit 121 typischen Geldfragen konfrontiert und über 10.000 Antworten ausgewertet.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • 57 Prozent aller Antworten waren falsch, bei komplexen Fragen zu Steuer, Rente und Schulden stieg die Fehlerquote auf 88 Prozent.
  • Gratis-Modelle patzten häufiger als Bezahlversionen. Selbst das beste Modell lag mit 39 Prozent Fehlern bei jeder dritten Antwort daneben.
  • Als Durchfaller zählten nicht nur Rechenfehler, sondern auch fehlende Risikohinweise und frei erfundene Regeln.
  • Anlageberatung ist in Deutschland erlaubnispflichtig, die Haftung bleibt beim Anbieter, nicht bei der KI.

Warum scheitern KI-Chatbots ausgerechnet an Geldfragen?

Oranges Sparschwein auf Würfel balancierend, mit Fragezeichen im Einwurfschlitz
Sprachmodelle erfinden plausible, aber falsche Steuerregeln statt Wissenslücken zuzugeben

Sprachmodelle rechnen nicht, sondern schätzen den nächstwahrscheinlichen Satz. Eine korrekte Steuerauskunft hängt aber an aktuellen Freibeträgen, Fristen und Prozentsätzen, die je nach Land und Jahr wechseln. Fehlt der passende Wert, erfindet das Modell eine plausibel klingende Regel, statt die Lücke zuzugeben. Genau diese erfundenen Vorgaben wertete Saturn neben Rechenfehlern und fehlenden Warnhinweisen als Durchfaller, ein bekanntes Muster der aktuellen KI-Modelle.

Bei schweren Fragen versagt die KI am häufigsten

Die Fehlerquote wächst mit der Schwierigkeit. Bei fortgeschrittenen Fragen zu Schulden, Studienkrediten, Hypotheken, Renten und Steuern kletterten die Fehler auf 88 Prozent, einzelne Modelle irrten in 99 Prozent der Fälle.[1] Kostenlose KI-Tools schnitten mit 63 Prozent Fehlern schlechter ab als Bezahlmodelle mit 49 Prozent. Selbst der Testsieger Claude Opus 5 im Reasoning-Modus lag bei 39 Prozent daneben, das Schlusslicht Claude Haiku 4.5 bei 82 Prozent. Ausgerechnet bei den komplizierten Fällen, in denen Rat am wertvollsten wäre, antwortet die KI am unzuverlässigsten. Welches Modell wie sauber arbeitet, ordnet auch unser Vergleich der KI-Textgeneratoren ein.

KI-Finanzberatung im Test
18 Modelle, 121 Finanzfragen, über 10.000 ausgewertete Antworten.
57 %
der Antworten waren insgesamt falsch
88 %
Fehlerquote bei komplexen Finanzfragen
63 / 49
Prozent Fehler: Gratis- gegen Bezahlmodelle
39 %
Fehler selbst beim besten Modell (Claude Opus 5)

Eine KI, die flüssig formuliert und trotzdem in mehr als der Hälfte der Fälle danebenliegt, ist kein Berater, sondern ein Risiko mit gutem Sprachgefühl. Verlässliche Zahlen erkennt man nicht am Tonfall, sondern an der Quelle.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet das für Beratung und Haftung im Unternehmen?

Anlageberatung ist in Deutschland erlaubnispflichtig und steht unter Aufsicht der BaFin. Ein Chatbot, der konkrete Geld- oder Anlageempfehlungen ausspricht, kann die Grenze zur regulierten Beratung nach MiFID II überschreiten. Seit August 2026 greift zudem der EU AI Act voll: KI-Systeme im direkten Kundenkontakt unterliegen Transparenzpflichten, automatisierte Finanzberatung kann als Hochrisiko-Anwendung gelten. Der Grundsatz bleibt einfach: Aufgaben lassen sich an eine KI delegieren, die Haftung nicht.

Für Unternehmen folgt daraus zweierlei. Auskünfte zu Steuern, Finanzen oder Recht gehören vor jeder Verwendung gegen eine belastbare Primärquelle oder eine qualifizierte Fachkraft geprüft. KI-generierte Antworten im Kundenkontakt werden als solche gekennzeichnet. Dieselbe Sorgfaltsfrage stellt sich überall dort, wo KI in die Rechtsberatung einzieht. Als Recherchehilfe unter menschlicher Kontrolle bleibt der Chatbot nützlich, als letzte Instanz bei einer Geldentscheidung taugt er nicht.

Quelle

[1] Saturn: „Artificial Authority: Should you trust AI to deliver financial advice?“

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