Ein Entwickler schaltet für rund 435 Euro (500 US-Dollar) seine erste Kampagne bei Google Ads, kurz darauf sperrt der Konzern das Konto wegen „Schadsoftware“. Das beworbene Programm ist signiert, notariell beglaubigt und in Google Safe Browsing wie auf VirusTotal ohne Befund. Trotzdem lief der Einspruch mehrfach ins Leere.

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Hinter dem kuriosen Einzelfall steckt ein Muster, das jeden Werbekunden treffen kann: Eine automatische Prüfung fällt ein hartes Urteil, und ein Mensch sieht die Beschwerde nie an. Für Unternehmen, die ihre Sichtbarkeit an Google hängen, ist eine solche Sperre ein Geschäftsrisiko.

Das Wichtigste in Kürze

  • Google Ads stufte den Terminal-Client RACE als „Schadsoftware“ und „kompromittierte Website“ ein und sperrte das Werbekonto, ohne den konkreten Auslöser zu nennen.
  • Signatur, Notarisierung, VirusTotal und Google Safe Browsing bescheinigten dem Programm keinen Befund. Erst öffentliche Aufmerksamkeit brachte die Freischaltung.
  • Das eigentliche Sicherheitsproblem sitzt in echten Anzeigen: Das FBI warnt seit Dezember 2022 vor Suchanzeigen, die bekannte Marken imitieren und Schadsoftware verteilen.
  • Für europäische Werbekunden verlangt der Digital Services Act eine nachvollziehbare Begründung jeder Sperre und ein kostenloses internes Beschwerdeverfahren.

Wie aus einem sauberen Tool „Schadsoftware“ wurde

Weißer Karton mit Aufschrift SCHADSOFTWARE und GEPRÜFT: SAUBER auf weißem Grund
RACE Terminal-Multiplexer für macOS fälschlicherweise als Malware erkannt, da seine Prozessverwaltung Fernwartungs-Software ähnelt

Fehlalarm im Filter. Das betroffene Programm heißt RACE, ein Terminal-Multiplexer für macOS. Ein solches Werkzeug verwaltet im Hintergrund Shell-Prozesse und hält Sitzungen über Neustarts hinweg offen. Genau dieses Verhalten ähnelt aus Sicht eines automatischen Klassifikators dem einer Fernwartungs- oder Hintertür-Software, obwohl der Entwickler die Prozessverwaltung offen dokumentiert. Google nannte neben „Schadsoftware“ auch „kompromittierte Website“, benannte aber nie die Datei, die Zeile oder das Signal, das den Verdacht auslöste.[1]

Warum der Einspruch ins Leere läuft

Blackbox ohne Rückkanal. Der Entwickler legte Nachweise vor: gültige Signatur, saubere Notarisierung, kein Fund in Google Safe Browsing und auf VirusTotal. Die Beschwerde wurde trotzdem abgelehnt, dann erneut, schließlich für eine Woche blockiert. Woran der Nachweis scheiterte, verriet der Automat nie. Dieser Widerspruch wiegt schwer, weil dieselbe Prüfung, die ein sauberes Werkzeug aussperrt, echte Bedrohungen durchwinkt.

Google Ads urteilt in Sekunden und verweigert die Begründung, die europäisches Recht längst vorschreibt. Ein Marketing, das allein auf diesem Kanal steht, verlagert unternehmerisches Risiko an einen Algorithmus ohne Rückfrage.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Das eigentliche Malware-Problem sitzt in den Anzeigen

Anzeige als Köder. Während der Filter ein harmloses Tool aussperrt, dient dieselbe Plattform Kriminellen als Vertriebsweg. Das FBI warnt seit Dezember 2022 ausdrücklich vor Suchanzeigen, die bekannte Marken nachahmen und auf gefälschte Download-Seiten mit Schadsoftware führen; die Behörde rät sogar zum Einsatz von Werbeblockern.[2] Unternehmen brauchen deshalb doppelte Vorsicht: Software gehört von der Herstellerseite geladen, nicht über die erstbeste Anzeige, und jede Ziel-Adresse gehört vor dem Klick geprüft.

Wenn die Anzeigenprüfung das Falsche trifft
Ein Werbekonto-Fall und das Malware-Problem bei Suchanzeigen
435 €
Werbebudget, dann Kontosperre wegen „Schadsoftware“ (500 US-Dollar, Kurs 0,87)
0 Funde
VirusTotal, Google Safe Browsing und die Search Console meldeten keinen Befund
Seit 12/2022
FBI warnt vor Suchanzeigen, die Marken imitieren und Schadsoftware verteilen
Art. 17 DSA
EU-Recht: Sperre nur mit Begründung, inklusive Angabe, ob ein Algorithmus entschied

Warum der Fall beide Seiten trifft

Streng zum Falschen, nachsichtig zum Echten: Ein automatischer Filter blockiert ein sauberes Werkzeug, dessen Prozessverhalten wie eine Fernwartungssoftware aussieht, und nennt den Auslöser nicht. Zugleich schleusen Kriminelle über gekaufte Suchanzeigen gefälschte Download-Seiten an der Prüfung vorbei. Beide Fehler entstehen aus derselben Lücke: eine Prüfung ohne nachvollziehbare Begründung und ohne wirksamen menschlichen Einspruch.

Für europäische Werbekunden ist die Sperre nicht das letzte Wort. Die EU-Verordnung 2022/2065, besser bekannt als Digital Services Act, verpflichtet große Plattformen, jede Sperre nachvollziehbar zu begründen und dabei offenzulegen, ob ein Algorithmus oder ein Mensch entschieden hat; ein kostenloses internes Beschwerdeverfahren schreibt Artikel 20 vor.[3] Ähnlich verschlossen gibt sich der Konzern beim Umgang mit Nutzerdaten, wie der Streit um Chrome und die Cookie-Löschung zeigt. Wie ein Mittelstand seine Abwehr aufstellt, ordnet der Ratgeber zu den Cybersecurity-Grundlagen ein, das Vokabular dazu liefert das Cybersecurity-Glossar. Dass selbst Schutzsoftware zur Angriffsfläche werden kann, zeigte zuletzt ein Zero-Day in CrowdStrike Falcon.

FAQ: Google Ads und der Schadsoftware-Verdacht

Warum sperrt Google Ads Konten wegen Schadsoftware?

Google Ads prüft beworbene Programme und Zielseiten automatisch und sperrt bei Verdacht auf Schadsoftware oder eine kompromittierte Website das gesamte Werbekonto. Auslöser ist oft ein Verhaltensmuster, das ein Klassifikator als riskant einstuft, nicht zwingend echter Schadcode.

Was können Sie tun, wenn Google Ihr Werbekonto zu Unrecht sperrt?

Legen Sie über das interne Beschwerdeverfahren Einspruch ein und dokumentieren Sie jede Antwort. Sammeln Sie Nachweise wie gültige Signatur, Notarisierung und saubere Prüfberichte. In der EU können Sie sich zusätzlich auf die Begründungspflicht aus dem Digital Services Act berufen.

Wie erkennen Sie schädliche Software hinter einer Google-Anzeige?

Laden Sie Software grundsätzlich von der offiziellen Herstellerseite, nicht über die erste Suchanzeige. Prüfen Sie die Ziel-Adresse vor dem Klick auf Tippfehler und fremde Domains. Das FBI rät bei Suchanzeigen ausdrücklich zum Einsatz von Werbeblockern.

Ist eine App sicher, wenn VirusTotal keinen Befund zeigt?

Ein sauberer Befund bei VirusTotal und Google Safe Browsing ist ein starkes Signal, aber keine Garantie. Beide erkennen bekannte Muster und Signaturen. Achten Sie zusätzlich auf gültige Signatur und Notarisierung sowie auf die Herkunft des Downloads.

Welche Rechte haben Werbekunden in der EU bei einer Kontosperre?

Der Digital Services Act verpflichtet große Plattformen, jede Sperre nachvollziehbar zu begründen und offenzulegen, ob ein Algorithmus oder ein Mensch entschieden hat (Artikel 17). Ein kostenloses internes Beschwerdeverfahren schreibt Artikel 20 vor.

Quellen

[1] Przemysław Kamiński (xlii.space): „How I advertise malicious software on Google Ads“

[2] FBI Internet Crime Complaint Center: „Cyber Criminals Impersonating Brands Using Search Engine Advertisement Services to Defraud Users“

[3] Amtsblatt der EU: Verordnung (EU) 2022/2065 (Digital Services Act), Artikel 17 und 20

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