Die Geschichte des Schenkens beginnt nicht im Kaufhaus, sondern am Lagerfeuer archaischer Stämme. Heute landet ein wachsender Teil des Weihnachtsbudgets auf einer Karte aus Plastik. Dazwischen liegen zwei Jahrtausende Reziprozität, Statuskampf und ein bemerkenswert rationaler Rückzug.

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Die Geschichte des Schenkens stellt eine unbequeme Frage. Warum geben wir Geld für Dinge aus, die der Beschenkte oft niedriger bewertet als den Kaufpreis? Genau an dieser Stelle gewinnt die ungeliebte Geschenkkarte ihren schlechten und zugleich unverdienten Ruf.

Das Wichtigste in Kürze

  • Schenken war nie selbstlos. Schon Marcel Mauss beschrieb 1925 die Gabe als Pflicht aus Geben, Annehmen und Erwidern.
  • Der Ökonom Joel Waldfogel zeigte 1993, dass Geschenke zwischen zehn Prozent und einem Drittel ihres Wertes vernichten.
  • Der deutsche Einzelhandel setzt im Weihnachtsgeschäft rund 126 Milliarden Euro um. Gutscheine und Geld zählen zu den beliebtesten Präsenten.
  • Als steuerfreier Sachbezug bringt die Geschenkkarte Arbeitgebern bis zu 600 Euro pro Mitarbeiter und Jahr ohne Lohnnebenkosten.
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Wie gut kennen Sie die Geschichte des Schenkens?
Fünf Fragen aus dem Artikel. Wählen Sie Ihre Antwort, dann decken Sie die Lösung auf.
1Worauf geht das Wort „schenken“ sprachlich zurück?Aufklappen ↓
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Richtig: A. „Schenken“ stammt vom althochdeutschen „skenken“ und meinte ursprünglich das Einschenken eines Getränks für den Gast. Erst im 15. Jahrhundert weitete sich die Bedeutung. Mehr dazu im ersten Kapitel.
2Wie viel Wert vernichten Geschenke laut dem Ökonomen Joel Waldfogel?Aufklappen ↓
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Richtig: C. Waldfogel zeigte 1993, dass Geschenke zwischen zehn Prozent und einem Drittel ihres Wertes verlieren, weil der Schenkende die Vorlieben verfehlt. Der Verlust steigt mit der sozialen Distanz.
3Welches Geschenk gehört in Deutschland laut HDE zu den beliebtesten?Aufklappen ↓
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Richtig: B. Neben Spielwaren und Büchern führen Gutscheine und Geldpräsente die Beliebtheitsskala an. Der Handelsverband Deutschland erwartet für 2025 rund 126,2 Milliarden Euro Weihnachtsumsatz.
4Wie hoch ist der steuerfreie Sachbezug pro Mitarbeiter und Monat?Aufklappen ↓
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Richtig: A. Bis zu 50 Euro pro Monat bleiben als Sachbezug steuer- und sozialabgabenfrei, geregelt in Paragraf 8 Absatz 2 Satz 11 des Einkommensteuergesetzes. Über das Jahr sind das 600 Euro netto.
5Was sagt die Forschung über das beste Vorgehen beim Schenken?Aufklappen ↓
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Richtig: C. Studien von Gino und Flynn sowie Zhang und Epley zeigen, dass Beschenkte gewünschte Dinge bevorzugen. Erlebnisse bleiben zudem länger in Erinnerung als Gegenstände.

Woher stammt das Schenken, und was verrät die Geschichte des Schenkens über uns?

Weiße Box, offener Deckel, orange Schleife mit Anhänger, orange Geschenkkarte darin
Geschenkkultur basiert auf drei Pflichten: geben, empfangen und erwidern. Dieses Muster sichert seit Urzeiten Frieden und Bündnisse zwischen Stämmen

„Geben ist seliger denn Nehmen.“ (Apostelgeschichte 20,35)

Lange vor Münzen und Märkten tauschten Stämme Gaben aus. Die Übergabe sicherte Frieden, stiftete Bündnisse, band Verbündete. Der französische Soziologe Marcel Mauss hat dieses Muster 1925 in seinem Essay „Die Gabe“ zur bis heute gültigen Formel verdichtet. Drei Pflichten halten jede Geschenkkultur zusammen: die Pflicht zu geben, die Pflicht anzunehmen, die Pflicht zu erwidern.

Eine freie Gabe ohne Hintergedanken bleibt dabei die Ausnahme. Jede Gabe erzeugt eine stille Schuld. Der Beschenkte steht in der Pflicht zur Gegengabe, sonst sinkt sein Ansehen. Genau dieser Mechanismus macht das Schenken zu einem der ältesten sozialen Werkzeuge der Menschheit.

Der Anthropologe Bronisław Malinowski beobachtete in den 1910er Jahren auf den Trobriand-Inseln den sogenannten Kula-Ring. Hochseekanus brachten Muschelketten und Armreifen über hunderte Kilometer von Insel zu Insel. Praktischen Nutzen hatten diese Stücke kaum. Den Beteiligten zählten Status, Vertrauen und ein Netz aus Verpflichtungen, das ganze Gesellschaften zusammenhielt.

Selbst das Wort trägt diese Wurzel in sich. „Schenken“ geht auf das althochdeutsche „skenken“ zurück und bedeutete ursprünglich, einem Gast ein Getränk einzugießen. Erst im 15. Jahrhundert weitete sich die Bedeutung zum Überreichen einer Sache. Der Begriff stammt also aus der Gastfreundschaft, nicht aus dem Handel.

Wir halten an dieser Stelle fest, was die Forschung über Jahrzehnte bestätigt hat. Schenken ist Kommunikation mit anderen Mitteln. Ein Gegenstand sagt etwas über die Beziehung aus, und anders als ein gesprochenes Wort lässt sich diese Botschaft nicht überhören.

Was ist Reziprozität? | Wie du mir, so ich dir!

Warum schenken wir, obwohl Geschenke ökonomisch oft unsinnig sind?

Grünes Geschenk, US-Dollar, Preisschild
Weihnachtsgeschenke vernichten zwischen 10 und 33 Prozent ihres wirtschaftlichen Wertes, weil Empfänger sie geringer schätzen als der Kaufpreis

„Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.“ (deutsches Sprichwort)

Der Ökonom Joel Waldfogel hat 1993 in der „American Economic Review“ eine unbequeme Rechnung aufgemacht. In seinem Aufsatz „The Deadweight Loss of Christmas“ befragte er Studierende, was ihre Geschenke gekostet hatten und wie viel sie selbst dafür gezahlt hätten. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus. Geschenke vernichten zwischen zehn Prozent und einem Drittel ihres Wertes, weil der Schenkende die Vorlieben des Beschenkten selten exakt trifft.

Der Verlust steigt mit der sozialen Distanz. Partner und enge Freunde liegen meist richtig, Tante, Onkel und Großeltern öfter daneben. Aus rein ökonomischer Sicht kann ein Schenkender bestenfalls die Wahl nachbilden, die der Beschenkte selbst getroffen hätte. Bargeld oder ein Gutschein lösen dieses Problem, weil die Wahl beim Empfänger bleibt.

Trotzdem schenken Menschen weiter, und das aus gutem Grund. Die Sozialpsychologin Elizabeth Dunn und ihre Kollegen wiesen 2008 in „Science“ nach, dass Ausgaben für andere glücklicher machen als Ausgaben für sich selbst. Beim Geben schüttet das Gehirn Botenstoffe aus, die Forscher als „warmes Glühen“ beschreiben. Der ökonomische Verlust auf der einen Seite trifft also auf einen emotionalen Gewinn auf der anderen.

Genau hier liegt der unverdiente schlechte Ruf der Geschenkkarte. Ein Gutschein gilt als fantasielos, verbindet aber beide Seiten der Rechnung. Der Beschenkte behält die Wahl, der Schenkende zeigt trotzdem Aufmerksamkeit, sofern die Karte zum Empfänger passt. Wir geben offen zu, dass ein Umschlag unter dem Christbaum selten Jubel auslöst. Die Ökonomie spricht dennoch klar für ihn.

Über den Erfolg entscheidet die Passung. Ein zielloser Geldbetrag wirkt beliebig, ein konkreter Bedarf dagegen trifft. Beim notorischen Vielbesteller geht eine Karte fürs Abendessen genau in diese Lücke, etwa sobald Sie einen Lieferando Gutschein kaufen und damit das Lieblingsessen statt eines weiteren Staubfängers verschenken. Die Geste bleibt persönlich, der Wertverlust sinkt gegen null.

Wie schenkt die Welt jenseits des deutschen Tellerrands?

Geschenk mit Blumenmuster und kleiner grüner Spielzeugeisenbahn auf weißem Grund
Chinesisches Sprichwort zeigt: Geschenke sind Zeichen der Wertschätzung. Doch internationale Geschenketikette unterscheidet sich stark zwischen Kulturen und ist wichtig im Geschäftsleben

„Über tausend Meilen schickt man eine Gänsefeder: das Geschenk ist gering, die Zuneigung wiegt schwer.“ (chinesisches Sprichwort)

Schenken folgt überall denselben Grundregeln, doch die Etikette unterscheidet sich von Land zu Land erheblich. Wer international Geschäfte macht, stolpert ohne dieses Wissen schnell in ein Fettnäpfchen. Eine kleine Auswahl zeigt, wie unterschiedlich die Codes ausfallen.

LandBrauchHäufiges Tabu
JapanMitbringsel (Omiyage) als feste Höflichkeit, aufwendige VerpackungZahl vier, klingt wie „Tod“; Geschenk sofort öffnen
ChinaRote Umschläge mit Geld (Hongbao) zu FestenUhren schenken, klingt wie „zur Beerdigung gehen“
USAWunschlisten und Geschenkregister bei Hochzeiten üblichZu teures Geschäftsgeschenk wirkt wie Bestechung
IndienMitgift und prächtige Gaben zur HochzeitLeder als Geschenk gegenüber Hindus
DeutschlandDirektheit, Auspacken vor dem SchenkendenGeldgeschenk gilt vielen noch als lieblos


Japan zeigt die größte Distanz zur deutschen Praxis. Das Mitbringsel ist Pflicht, die Verpackung zählt fast mehr als der Inhalt, und das Auspacken vor dem Schenkenden gilt als unhöflich. In China steckt im roten Umschlag nicht nur Geld, sondern Glück und Respekt. Eine Uhr dagegen verbietet sich, weil der Klang des Wortes an Vergänglichkeit erinnert.

Bemerkenswert wirkt der Blick auf das Geldgeschenk. Während Bargeld in Deutschland lange als Verlegenheitslösung galt, gehört der gefüllte Umschlag in weiten Teilen Asiens zur respektvollen Norm. Die deutsche Skepsis gegenüber Geld und Gutschein ist also keine Naturkonstante, sondern eine kulturelle Eigenheit.

Wann wurde aus dem Schenken ein Milliardengeschäft?

Text:
Historischer Wandel des Schenkens: Von kostbaren Gaben der Mächtigen zu kleinen Geschenken als Ausdruck von Freundschaft

„Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.“ (deutsches Sprichwort)

Über Jahrhunderte blieb das großzügige Schenken den Mächtigen vorbehalten. Fürsten überboten sich mit Gaben, Herrscher warfen dem Volk Brot und Münzen zu, und beim normalen Bürger reichte ein Metalllöffel zur Taufe oder ein Paar Schuhe zur Kommunion. Gekaufte Präsente waren die Ausnahme, Selbstgemachtes die Regel.

Die Wende kam im 19. Jahrhundert. Weihnachten wandelte sich vom religiösen Fest zum bürgerlichen Familienfest mit Baum und bescherten Kindern. Verlage, Warenhäuser und die noch junge Werbung erkannten das Potenzial und besetzten den Dezember mit immer neuen Anlässen zum Kauf.

Den endgültigen Schub brachte das Wirtschaftswunder. Erstmals hatten breite Schichten Geld übrig, das nicht für das Nötigste draufging. Der materielle Wert eines Geschenks rückte in den Vordergrund, und aus der bescheidenen Gabe wurde der heutige Konsummarathon. Die Wirtschaftspsychologin Britta Krahn von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg beschreibt, wie die Werbung gezielt soziale Normen anspricht. Die Botschaft lautet, niemand dürfe sich dem Kreislauf aus Geben und Nehmen entziehen.

Dasselbe Muster, in dem aus einer persönlichen Geste ein kommerzielles Massenprodukt wird, lässt sich an einem zweiten Gegenstand studieren. Wie aus dem handgeschriebenen Gruß ein Werbeträger wurde, zeichnet die Geschichte der Postkarte nach. Die Parallele ist kein Zufall, denn Kommerzialisierung folgt erstaunlich oft demselben Drehbuch.

Was kostet uns das Schenken in Zahlen?

Graues Geschenkpaket mit orangefarbenem Band, Karte, Mini-Abakus und Text-Tag auf Weiß
Weihnachtsgeschäft 2025: Handelsverband erwartet 126,2 Milliarden Euro Umsatz in November und Dezember. Verbraucher geben durchschnittlich 263 Euro pro Kopf für Geschenke aus, 34 Euro weniger als 2024

„Geschenkt bekommt man nichts im Leben.“ (deutsche Redensart)

Die nackten Zahlen sind beeindruckend. Der Handelsverband Deutschland rechnet für das Weihnachtsgeschäft 2025 mit einem Umsatz von 126,2 Milliarden Euro in den Monaten November und Dezember. Pro Kopf planten die Verbraucher laut HDE-Befragung im Schnitt 263 Euro für Geschenke ein, rund 34 Euro weniger als im Vorjahr.

Dr.-Web-Quizmaster präsentiert die Infografik
Infografik
Was ein Geschenk wirklich wert ist
Der Quizmaster erklärt, warum gut gemeinte Geschenke Geld vernichten und der Gutschein die rationale Antwort ist.
10–33%
ihres Wertes verlieren Geschenke laut Joel Waldfogel (Deadweight Loss of Christmas, 1993)
Werterhalt nach Nähe zum Beschenkten
Je größer die soziale Distanz, desto größer der Verlust
Partner & enge Freunderund 90%
Entfernte Verwandtschaftrund 67%
0
Wertverlust beim Gutschein, weil die Wahl beim Beschenkten bleibt
2008
Dunn et al. zeigen: Ausgaben für andere machen glücklicher als für sich selbst
Fazit: Ein Fehlkauf landet im Schrank, ein passender Gutschein nicht. Die Geschenkkarte gibt dem Beschenkten die Wahl zurück und senkt den Wertverlust gegen null.

Auffällig ist, was am häufigsten unter dem Baum landet. Neben Spielwaren und Büchern führen seit Jahren Gutscheine und Geldpräsente die Beliebtheitsskala an. Der HDE verweist sogar ausdrücklich auf die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, in denen viele Menschen ihre Bargeldgeschenke ausgeben und ihre Gutscheine einlösen.

Der wirtschaftliche Reiz der Geschenkkarte hat eine zweite, oft übersehene Seite. Ein Teil der ausgegebenen Karten wird nie eingelöst. Diesen Verfall nennt die Branche „Breakage“. Für den Aussteller ist jeder nicht eingelöste Euro reiner Gewinn, denn die Ware wurde nie geliefert. Der Schenkende zahlt, der Händler kassiert. Beim Beschenkten kommt nichts an.

Die Geschenkkarte rückt damit nah an ein eigenes Zahlungsmittel heran. Gespeichertes Guthaben, begrenzte Gültigkeit, ein Markt mit eigenen Regeln. Wie sich Tauschmittel über die Jahrtausende gewandelt haben, von der Muschel bis zur Karte, zeichnet die Geschichte der Zahlungsmittel nach. Die Geschenkkarte ist in dieser Linie nur das jüngste Kapitel.

Hier liegt unsere klare Position. Der Vorwurf, ein Gutschein sei lieblos, hält der Prüfung nicht stand. Lieblos ist ein Fehlkauf, der im Schrank verstaubt. Die Karte dagegen respektiert die Mündigkeit des Beschenkten, solange der Schenkende den passenden Rahmen wählt.

Der Gutschein gilt als Bankrotterklärung der Fantasie, dabei ist die Karte die ehrlichste Form des Schenkens und gibt dem Beschenkten die Wahl zurück, die ihm der gut gemeinte Fehlkauf seit jeher nimmt.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Warum boomt ausgerechnet die Geschenkkarte?

Oranges Klappheftchen mit deutschem Text und Burgillustration auf weißem Grund
Geschenkkarten umgehen Entscheidungsmüdigkeit, indem sie dem Beschenkten die Wahl überlassen, statt das Gehirn durch zu viele Optionen zu überlasten

„Bares ist Wahres.“ (deutsche Redensart)

Die Antwort steckt in einem psychologischen Phänomen, das jeder kennt. Entscheidungsmüdigkeit lähmt, sobald die Auswahl zu groß wird. Bei dutzenden Beschenkten und tausenden Produkten kapituliert das Gehirn. Die Geschenkkarte verschiebt diese Last elegant auf den Empfänger, der seine Vorlieben am besten kennt.

Dr.-Web-Quizmaster präsentiert die Geschenkkarte in Zahlen
Infografik
Die Geschenkkarte in Zahlen
Vom Weihnachtsumsatz bis zum steuerfreien Sachbezug: Der Quizmaster führt durch die Zahlen rund um Gutschein und Geschenkkarte.
126,2
Milliarden Euro Weihnachtsumsatz im deutschen Einzelhandel 2025 (HDE)
263 €
plant jede Person im Schnitt für Geschenke ein, 34 Euro weniger als im Vorjahr
Der Gutschein als Mitarbeiter-Benefit
Steuerfreier Sachbezug nach Paragraf 8 Absatz 2 Satz 11 EStG
50 €
pro Monat und Mitarbeiter steuer- und sozialabgabenfrei
600 €
netto pro Jahr, ganz ohne Lohnnebenkosten
Zwei Zahlen, die man kennen sollte
3
Jahre Verjährungsfrist für Gutscheine nach Paragraf 195 BGB
ZAG
Nur Karten mit begrenztem Akzeptanznetz gelten als steuerfreier Sachbezug
Fazit: Nicht eingelöste Karten (Breakage) sind für den Aussteller reiner Gewinn. Für Unternehmen bleibt der Gutschein trotzdem einer der wirkungsvollsten steuerfreien Hebel zur Mitarbeiterbindung.

Dazu kommt die Digitalisierung. Der Gutschein kommt heute als Code per Mail, sofort und ohne Postweg. Besonders deutlich zeigt sich der Trend bei digitalen Gütern. Steam, PlayStation Store und Nintendo eShop führen die Verkaufslisten der Geschenkkarten weltweit an, ein Strang, den die Geschichte des Gaming ausführlich erzählt. Seit das Schenken ins Netz gewandert ist, dominiert der digitale Code; die Geschichte des Internets liefert die Vorgeschichte dieses Sprungs.

Für Entscheider in Unternehmen wird die Geschenkkarte an einer ganz anderen Stelle interessant. Der Gesetzgeber erlaubt einen steuerfreien Sachbezug von 50 Euro pro Monat und Mitarbeiter, geregelt in Paragraf 8 Absatz 2 Satz 11 des Einkommensteuergesetzes. Über das Jahr summiert sich das auf 600 Euro netto, ganz ohne Lohnsteuer und Sozialabgaben. Gegenüber einer vergleichbaren Gehaltserhöhung sparen Arbeitgeber damit mehrere hundert Euro je Beschäftigtem.

Der Teufel steckt im Detail. Eine Karte gilt nur als Sachbezug, sofern die Bedingungen sauber eingehalten werden. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Regeln zusammen.

KriteriumRegel
HöheMaximal 50 Euro pro Kalendermonat, Freigrenze statt Freibetrag
ÜberschreitungEin Cent zu viel macht den ganzen Betrag steuerpflichtig
KartentypNur ZAG-konform nach Paragraf 2 Absatz 1 Nummer 10, begrenztes Akzeptanznetz
ZusätzlichkeitImmer obendrauf, niemals als Umwandlung von Gehalt
BargeldKeine Auszahlungs- oder Überweisungsfunktion erlaubt

Offene Kreditkarten von Visa oder Mastercard fallen seit 2022 aus der Begünstigung, weil das Bundesfinanzministerium im Schreiben vom 15. März 2022 strengere Maßstäbe gesetzt hat. Begünstigt bleiben Karten mit begrenztem Einsatzbereich, etwa für einzelne Händler, eine Region oder eine Produktgruppe. Die Geschenkkarte mutiert damit vom Verlegenheitspräsent zum durchdachten Instrument der Mitarbeiterbindung.

Wie schenkt man eigentlich richtig?

Hölzerner Spielzeugzug mit Anhänger voller Plastikkarten vor weißem Hintergrund
Beschenkte freuen sich mehr über gewünschte Dinge als über überraschende Originale, während Schenkende das Gegenteil glauben

„Der Gedanke zählt.“ (Redensart)

Die Forschung hat eine klare Antwort, die viele überrascht. Fragen Sie nach. Die Wirtschaftsforscher Francesca Gino und Francis Flynn zeigten 2011, dass Beschenkte sich über Dinge von ihrer Wunschliste deutlich mehr freuen als über vermeintlich originelle Überraschungen. Die Schenkenden glauben das Gegenteil und liegen damit zuverlässig falsch.

Noch deutlicher fiel ein Experiment von Yan Zhang und Nicholas Epley aus. Sogar reines Geld kam bei den Beschenkten besser an als eine teure Überraschung außerhalb der Wunschliste. Der Grund liegt in einem Denkfehler der Schenkenden. Diese überschätzen den Wert der Überraschung und unterschätzen den Wunsch des Gegenübers.

Ein zweiter Befund hilft weiter. Erlebnisse schlagen Dinge. Ein gemeinsames Konzert, ein Kochkurs oder eine Reise bleiben länger in Erinnerung als ein weiterer Gegenstand, weil materielle Geschenke der hedonistischen Gewöhnung unterliegen. Der Reiz des neuen Pullovers verblasst, die Erinnerung an den geteilten Abend hält.

Daraus folgt eine einfache Faustregel. Drei Fragen führen zum besseren Geschenk:

  • Was hat sich die Person konkret gewünscht, gegebenenfalls auf einer Liste?
  • Welches Erlebnis passt besser als ein weiterer Gegenstand?
  • Welcher Gutschein trifft einen echten Bedarf statt eines vagen Verlegenheitskaufs?

Die Wirtschaftspsychologin Krahn fasst die Lage nüchtern zusammen. Ein umsichtig gewählter Gutschein oder ein gut verpacktes Geldgeschenk drückt sehr wohl Wertschätzung aus, sofern erkennbar bleibt, dass sich der Schenkende mit dem Empfänger beschäftigt hat. Die Geschichte des Schenkens endet damit nicht im Niedergang, sondern in einer reiferen Form der alten Geste.

FAQ: Geschichte des Schenkens

Was sagt die Geschichte des Schenkens über uns aus?

Die Geschichte des Schenkens zeigt, dass Geben nie selbstlos war. Schon Marcel Mauss beschrieb 1925 die Gabe als soziale Pflicht aus Geben, Annehmen und Erwidern. Geschenke knüpfen ein Netz aus Beziehungen und Verpflichtungen. Diese Funktion ist über Jahrtausende stabil geblieben, nur die Objekte haben sich gewandelt.

Warum macht Schenken glücklich?

Beim Schenken schüttet das Gehirn Botenstoffe aus, die mit sozialer Bindung verknüpft sind, oft beschrieben als warmes Glühen. Die Psychologin Elizabeth Dunn wies 2008 nach, dass Ausgaben für andere glücklicher machen als Ausgaben für sich selbst. Schenken stärkt also nicht nur die Beziehung, sondern auch das eigene Wohlbefinden.

Sind Gutscheine ein gutes Geschenk?

Aus ökonomischer Sicht ja, denn der Gutschein überlässt die Wahl dem Beschenkten und senkt den Wertverlust, den der Ökonom Joel Waldfogel auf zehn Prozent bis ein Drittel beziffert hat. Über die Wirkung entscheidet die Passung. Eine Karte für einen echten Bedarf wirkt persönlich, ein zielloser Betrag dagegen beliebig.

Wie lange sind Geschenkgutscheine gültig?

In Deutschland gilt für Gutscheine die regelmäßige Verjährungsfrist von drei Jahren nach Paragraf 195 des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Die Frist beginnt mit dem Ende des Jahres, in dem der Gutschein gekauft wurde. Eine kürzere Befristung durch den Aussteller ist nur in engen Grenzen zulässig.

Sind Gutscheine für Mitarbeiter steuerfrei?

Ja, im Rahmen des Sachbezugs bis zu 50 Euro pro Monat und Mitarbeiter, geregelt in Paragraf 8 Absatz 2 Satz 11 des Einkommensteuergesetzes. Die Karte muss die ZAG-Kriterien erfüllen, ein begrenztes Akzeptanznetz haben und zusätzlich zum Gehalt gewährt werden. Schon ein Cent über der Grenze macht den gesamten Betrag steuerpflichtig.

Was schenken Sie, wenn Ihnen die Idee fehlt?

Fragen Sie nach einer konkreten Wunschliste, denn Studien zeigen, dass gewünschte Geschenke deutlich besser ankommen als Überraschungen. Erlebnisse schlagen dabei Gegenstände. Fehlt die Zeit zum Fragen, trifft ein Gutschein für einen echten Bedarf die beste Balance aus Aufmerksamkeit und Freiheit.

Quellen

  • Handelsverband Deutschland (HDE) | Weihnachtsgeschäft 2025: Prognose und Trendumfragen | https://einzelhandel.de/weihnachten | besucht am 30.06.2026
  • Joel Waldfogel | The Deadweight Loss of Christmas, American Economic Review, Vol. 83, 1993 | https://www.aeaweb.org/articles?id=10.1257/aer.83.5.1328 | besucht am 30.06.2026
  • Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS) | Zur Psychologie des Schenkens, Interview mit Britta Krahn | https://www.h-brs.de/de/kum/pressemitteilung/h-brs-aktuell-zur-psychologie-des-schenkens | besucht am 30.06.2026
  • Elizabeth W. Dunn, Lara B. Aknin, Michael I. Norton | Spending Money on Others Promotes Happiness, Science, Vol. 319, 2008 | https://www.science.org/doi/10.1126/science.1150952 | besucht am 30.06.2026
  • Bundesministerium der Finanzen | BMF-Schreiben vom 15. März 2022 zur Abgrenzung von Geldleistung und Sachbezug | https://www.bundesfinanzministerium.de | besucht am 30.06.2026
  • Statista | Umsatz des Einzelhandels in Deutschland im Weihnachtsgeschäft 2005 bis 2025 | https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2750/umfrage/weihnachtsumsaetze-des-einzelhandels/ | besucht am 30.06.2026
  • Marcel Mauss | Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Suhrkamp (zuerst 1925) | https://www.suhrkamp.de | besucht am 30.06.2026
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